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«Nieder mit dem inneren Schweinehund!» - ein therapeutischer Spaziergang entlang der Murg

Ärzte und Bluthochdruck-Patienten spazieren im Regen gemeinsam von Frauenfeld in die Kartause Ittingen
Stefan Hilzinger
Abmarsch Richtung Kartause: Die Blutdruck-Walker im Lindenpark in Frauenfeld. (Bild: Stefan Hilzinger)

Abmarsch Richtung Kartause: Die Blutdruck-Walker im Lindenpark in Frauenfeld. (Bild: Stefan Hilzinger)

Der Nietzsche hat gut reden: «Denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt», steht in goldenen Lettern auf der Fassade des Ittinger Museums. Die Schönheit der Natur offenbart sich tatsächlich an diesem regnerischen Mittwochnachmittag. Eine Gruppe von gut einem Dutzend Männern und Frauen nimmt beim Lindenpark hinter dem Frauenfelder Bahnhof einen Blutdruck-Walk in Angriff. Mediziner des Schlossberg Ärztezentrums und Spezialisten der Zürcher Uniklinik führen die Gruppe an. In gut einer Stunde wollen sie in der Kartause sein.

Weniger die pure Ästhetik als vielmehr die nackte Statistik rechtfertigt diesen Regenspaziergang der Murg entlang mehr als genug. Herz- und Kreislauf-Erkrankungen sind ein Volksübel und hierzulande die häufigste Todesursache. Laut Bundesamt für Statistik stirbt rund jeder Dritte daran, Frauen sogar noch etwas häufiger als Männer. Hauptursache dafür ist wiederum zu hoher Blutdruck. Beinahe jeder Fünfte in der Schweiz leidet darunter und nimmt Blutdrucksenker.

Auf dem Weg feiern die Schnecken Hochzeit

Das Blätterdach der Bäume entlang des Wanderwegs leuchtet beruhigend grün. Regentropfen prasseln auf Schirm oder Kapuze und tun das Ihrige zur allgemeinen Entspannung. Auf dem hellen Weg aus Jurakalk feiern die Häuschenschnecken Hochzeit. Wer den Blick nicht nach unten richtet, riskiert, das Frühlingsfest der Mollusken brutal zu beenden.

Zitat von Friedrich Nietzsche an der Fassade des Ittinger Museums. (Bild: Stefan Hilzinger)

Zitat von Friedrich Nietzsche an der Fassade des Ittinger Museums. (Bild: Stefan Hilzinger)

Die Idee zu diesem ersten Blutdruck-Spaziergang überhaupt hatten Isabella Sudano und Paolo Suter, Präsidentin und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft, die sich der Bekämpfung von Bluthochdruck verschrieben hat. «Wir haben uns gesagt, wir sollten zu den Patienten gehen und mit ihnen ins Gespräch kommen», sagt Suter, der im Hinterthurgau aufgewachsen ist. «Ich bin immer gern im Thurgau», sagt er. Kein Zufall also, dass der Anlass hier stattfindet. «Gespräche sollen Raum erhalten, gekoppelt mit Bewegung», heisst das Rezept der beiden Mediziner aus Zürich. Wenn der Anlass auf gute Resonanz stösst, soll er bald an weiteren Orten stattfinden.

140/90 sind die Glückszahlen

«Warum habe ich manchmal sprunghaft hohen Blutdruck?» – «Warum ist der ‹Untere› weiterhin zu hoch, trotz neuem Medikament?» – «Warum habe ich diese oder jene Nebenwirkung?» Wandernd erörtern Patienten und Ärzte Fragen und Probleme. Manche lesen die Namen der Medikamente von Zetteln ab. Sie sind auch kaum im Kopf zu behalten. «Lisinopril», «Amlodipin» und andere mehr. Nach der Rorerbrücke führt der Wanderweg zuerst über einen Feldweg, dann über einen matschigen Pfad. Ein Teil der Gruppe fällt zurück. Das Ziel rückt näher.

140/90 sind die Glückszahlen von Bluthochdruck-Patienten. Es sind die Blutdruckwerte, gemessen in Millimeter Quecksilbersäule, die nicht überschritten werden sollen. Die erste Zahl gibt den Wert für das vom Herzen weggepumpte Blut an, der zweite für das zum Herzen zurückfliessende Blut. Noch vor wenigen Jahren lag die Norm noch bei 130/80. «Mangels überzeugenden Studiendaten ist man in den aktuellen Richtlinien etwas liberaler geworden», heisst es bei der Hypertonie-Gesellschaft.

Gemüsedip und Urdinkel-Smoothie

Wie der Regen fällt, tröpfeln die Teilnehmer des Blutdruck-Walks in der Kartause ein. Bevor es zu einem gesunden Apéro mit Gemüsedip und Urdinkel-Smoothie geht, gibt’s eine Fragerunde. Erneut kommen Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten zur Sprache, auch die erbliche Vorbelastung ist Thema. Der Ton der ärztlichen Antworten ist zwar sanft aber unmissverständlich: Hauptfeind des tiefen Blutdrucks ist der innere Schweinehund. «Weil der Mensch halt relativ faul ist», sagt Doktorin Sudano. Doktor Suter ergänzt:

«Es müsste eine Pille gegen den inneren Schweinehund geben, und die dürfte nicht billig sein.»

Der moderne Lebensstil ist’s, der das Blut in ungesunde Wallung bringt: zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung, falscher Stress. Der Blutdruck steigt nicht zwangsläufig mit dem Alter, das zeigten Messungen bei indigenen Völkern. «Die Probleme kommen erst, wenn sie den Lebensstil ändern», sagt Suter.

Den Teilnehmenden hat der Anlass gefallen. «Auch weil ich merke, dass ich mit meinem Problem nicht allein bin», sagt jemand. Und es lässt sich ja auch von den Schnecken lernen. Die nehmen’s gemütlich und kommen bei Regen zu ihrem Glück.

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