NICHT IM SINNE DER KINDER
«Was der Kanton will, ist illusorisch»: Ein neues kantonales Gesetz über die Frühe Sprachförderung soll kommen – bei der Stadt Frauenfeld zeigt man sich über den Umsetzungsvorschlag wenig begeistert

Die Frühe Sprachförderung soll auf kantonaler Ebene gesetzlich verankert werden. Dabei will der Kanton die betroffenen Kinder auf normale Spielgruppen verteilen, die einen hohen Prozentsatz an Schweizer Kindern aufweisen. Es sei illusorisch zu glauben, dass der vorgesehene Umsetzungsvorschlag funktioniere, heisst es von der Stadt.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Ein Kind in der Sprachspielgruppe der Stadt Frauenfeld.

Ein Kind in der Sprachspielgruppe der Stadt Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

«Gut angedacht, aber für uns nicht zu Ende gedacht.» So lautet das Urteil der Stadt Frauenfeld zum Entwurf des neuen kantonalen Gesetzes über die Frühe Sprachförderung. Bis Ende Januar lief die Vernehmlassung.

«Unser Unverständnis haben wir dem Kanton in unserer Vernehmlassungsantwort mitgeteilt.»
Barbara Dätwyler Weber, Stadträtin.

Barbara Dätwyler Weber, Stadträtin.

Bild: PD

Das sagt Stadträtin Barbara Dätwyler Weber, Departementsvorsteherin für Gesellschaft und Soziales. Was der Kanton wolle, könne so nicht funktionieren. Das sei illusorisch. Natürlich sei es löblich, dass der Kanton diesem besonderen Bereich der Frühen Förderung mehr Gewicht geben wolle. Sie bedauert aber, dass bei der Erarbeitung des Gesetzesentwurfs nicht auf die grosse Erfahrung der Stadt Frauenfeld zurückgegriffen wurde. «Wir betreiben thurgauweit schon am längsten eine Sprachspielgruppe. Und es ist ein Erfolgsmodell.» Seit über 15 Jahren gibt es dieses Angebot in der Kantonshauptstadt, von Anfang an in enger und fruchtbarer Zusammenarbeit mit der Primarschulgemeinde.

Fachperson Conny Angst leitet die Sprachspielgruppe am Montagnachmittag.

Fachperson Conny Angst leitet die Sprachspielgruppe am Montagnachmittag.

Bild: Andrea Stalder

Frühe Förderung ist im Thurgau eine gesetzliche Aufgabe der Politischen Gemeinde. Neu soll die Frühe Sprachförderung aber den Schulgemeinden auferlegt werden.

«Das ist ein unverständlicher Paradigmenwechsel.»

So erklärt es die Stadträtin. In Frauenfeld würde sich aber wohl wenig verändern. Man würde weiter bestehende und gute Kooperation mit der Primarschulgemeinde setzen. Dätwyler Weber gibt zu bedenken, dass Frühe Sprachförderung zwar ein Thema aus dem Bereich Integration sei, aber nicht nur ein Ausländerthema.

Auf spielerische Art Förderung
der Sprach- und Sprechkompetenzen

Seit über 15 Jahren gibt es in Frauenfeld das Angebot einer Sprachspielgruppe. Im Jahr 2004 gründeten Stadt und Primarschulgemeinde die IG Sprachspielgruppe Frauenfeld. Partner damals war auch der Kanton. Mittlerweile ist das Angebot als Regelbetrieb ins städtische Amt für Gesellschaft und Integration integriert. Die Zusammenarbeit mit der Schulgemeinde sei hervorragend, loben die Verantwortlichen. In einer Sprachspielgruppe werden auf spielerische Art die Sprach- und Sprechkompetenzen gefördert. Darüber hinaus lernen die Kinder, gewissen Ritualen zu folgen und Regeln in der Gruppe zu beachten. Ihre geistigen und motorischen Fähigkeiten werden gefördert. Und es geht darum, zu lernen, wie man mit anderen Kindern umgeht und mit ihnen spielt. Angesprochen sind Kinder ab zwei Jahren vor dem Kindergarten (also ab dem Alter von zweieinhalb Jahren), die entweder Deutsch als Zweitsprache haben oder aber Deutsch respektive Schweizerdeutsch als Muttersprache, jedoch Sprachentwicklungsverzögerungen aufweisen. Der Eintritt erfolgt auf Schuljahresbeginn. Zwei Jahre vor dem Kindergarten gibt es eine Spielgruppe à zwei Stunden pro Woche, im letzten Jahr vor dem Kindsgi besucht man wöchentlich zweimal zwei Stunden. Schon seit längerem sind die Räumlichkeiten beschränkt, es hat Platz für 70 Kinder. Aktuell sind 69 Kinder in sieben Gruppen eingeschrieben. Der Anteil Mädchen und Buben ist ausgeglichen. Die Kinder werden stets von zwei gleichwertigen, speziell ausgebildeten Fachpersonen betreut. Kinder aus 23 Nationen sind derzeit eingeschrieben, 27 Kinder sind Schweizer, wovon die meisten in der Familie aber kein Deutsch sprechen. (ma) 

In der Sprachspielgruppe.

In der Sprachspielgruppe.

Bild: Andrea Stalder

Stadt Frauenfeld mit viel mehr Erfahrung als Kanton

Frauenfeld sei früh auf den Zug aufgesprungen, sagt Markus Kutter, Leiter des städtischen Amts für Gesellschaft und Integration.

«Das kantonale Konzept Frühe Kindheit kam viel später.»
Markus Kutter, Leiter des städtischen Amts für Gesellschaft und Integration.

Markus Kutter, Leiter des städtischen Amts für Gesellschaft und Integration.

Bild: Andrea Stalder

Die Fachmeinungen hätten sich aber mit der Zeit verlagert, was er und das Team der Frühen Förderung der Stadt kritisch verfolgten. Nadja Witzemann, Bereichsleiterin Frühe Förderung und Kinderbetreuung, pflichtet Kutter bei. Die neue Verantwortlichkeit bei den Schulen ist das eine. Aber auch beim Sprachspielgruppenangebot soll es grössere Anpassungen geben. So soll es neu eine Selbstdeklaration durch die Eltern geben, in welcher die Deutschkenntnisse des eigenen Kindes zu beurteilen sind.

«Dabei hat man keine Vergleichswerte zum eigenen Kind, also schätzt man es vielleicht zu gut ein.»
Nadja Witzemann, Bereichsleiterin Frühe Förderung Kinderbetreuung beim städtischen Amt für Gesellschaft und Integration.

Nadja Witzemann, Bereichsleiterin Frühe Förderung Kinderbetreuung beim städtischen Amt für Gesellschaft und Integration.

Bild: Andrea Stalder

Und dann gebe es sicher auch jene Eltern, die für die Kosten des Angebots nicht aufkommen wollen oder können und deshalb bewusst falsche Angaben machten, sagt Kutter. Das sei nicht im Sinne der förderbedürftigen Kinder, meint Witzemann. Zudem ist der Kanton der Auffassung, dass betroffene Kinder zukünftig auf Spielgruppen mit einem grösseren Anteil an muttersprachlich Deutsch sprechenden Kindern verteilt werden. So würden sie, ohne dass es einer Fachperson bedürfe, automatisch mit den Deutsch sprechenden Kindern ins Gespräch kommen, nimmt der Kanton an. Die Erfahrung zeige aber, dass dies ein Trugschluss sei, sagt Nadja Witzemann. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindergartenzeit zurück:

«Bei uns gab es im Kindsgi zwei Kinder, die nicht Deutsch sprachen. Wir redeten deshalb sehr wenig mit diesen Kindern, und sie lernten kaum Deutsch.»
In der Sprachspielgruppe.

In der Sprachspielgruppe.

Bild: Andrea Stalder

In der Sprachspielgruppe Frauenfeld gilt als Unterrichtssprache Deutsch, bei Liedern darf es auch Schweizerdeutsch sein. Hier muss man Deutsch sprechen. Es könne nicht sein, sagt Witzemann, dass ein bestens funktionierendes Angebot durch ein neues Gesetz in Frage gestellt werde - so jedoch fühle es sich an.

Weitere Abklärungen sind in-house möglich

Wie Stadträtin Dätwyler Weber sagt, ist die Sprachspielgruppe ein ideales Frühwarnsystem. Falls weitere Abklärungen angezeigt seien, könnten diese im gleichen Haus durch ein gut ausgebautes Netz von internen und externen Fachpersonen vor Orte vorgenommen werden.

«Was uns auszeichnet, sind unser langjähriges Fachpersonal mit seinem grossen Erfahrungsschatz und das umfassende Netzwerk, über das wir in-house verfügen.»
In der Sprachspielgruppe.

In der Sprachspielgruppe.

Bild: Andrea Stalder

Wie Markus Kutter sagt, würde durchaus Bedarf bestehen für hundert Plätze pro Jahr in der Sprachspielgruppe. Beim Kanton geht man davon aus, dass sogar fast jedes dritte Kind pro Jahrgang Förderung bräuchte. Aber ein Ausbau des Angebots ist laut Dätwyler Weber eine Frage der Platzverhältnisse und letztlich der Finanzen. Witzemann sagt:

«Man muss sich bei uns früh anmelden.»

Wer keinen Platz mehr habe, komme auf die Warteliste. Und man bringe die Kinder in anderen Angeboten des Amtes für Gesellschaft und Integration unter, etwa in der Eltern-Kind-Gruppe, eine Gruppe für Kinder im Alter von anderthalb bis vier Jahren mit ihren Eltern.

In der Sprachspielgruppe.

In der Sprachspielgruppe.

Andrea Stalder