Interview

«Nicht der Thurgau ist der Sonderfall, sondern Zürich»: Regierungsrätin Monika Knill erklärt, warum es Maturaprüfungen gibt und wie der Präsenzunterricht aussehen wird

Die Vorsteherin des kantonalen Departementes für Erziehung und Kultur, Regierungsrätin Monika Knill, nimmt im Interview Stellung zu den neuesten, Corona-bedingten Entwicklungen im kantonalen Bildungssystem.

Christof Lampart
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Die Thurgauer Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Monika Knill.

Die Thurgauer Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Monika Knill.

Bild: Reto Martin

Wären Sie froh gewesen, wenn Sie 1990 nicht hätten zur Lehrabschlussprüfung antreten müssen?

Monika Knill: Nein, das hätte mich gestört, weil eine Prüfung für mich einfach zur Ausbildung dazu gehört. Aber ich habe die Lehre auch relativ ring gemacht. Aber logisch: In diesem Alter kann man es gut nachvollziehen, wenn man nach links und rechts schielt und schaut, wie es andere machen. Deshalb kann ich gewisse Reaktionen nachvollziehen und verstehe sie auch.

Durch den Lockdown haben viele Maturanden Kompetenzen und Lernstrategien erwerben können, die sie für die Uni oder die Fachhochschule fit gemacht haben. Warum übernimmt der Thurgau also nicht das «Zürcher Modell», das auf die Erfahrungsnote abstuft und Schülern, die dabei ungenügend sind, dennoch die Chance gibt, die Maturaprüfungen abzulegen?

Würde man dieser Argumentation folgen, dann müsste man im Grunde genommen nie mehr Prüfungen ablegen. Da beisst sich das Argument. Und um es noch einmal klar zu sagen: Die Lehrkräfte werden der besonderen Situation des Lockdowns Rechnung tragen und die Prüfungen fair gestalten. So gesehen ist nicht der Kanton Thurgau der Sonderfall, sondern der Kanton Zürich.

Im Kanton St.Gallen zählen rund 30 Prozent aller Lehrkräfte zur Risikogruppe – und sollten deshalb aktuell nicht vor der Klasse unterrichten. Wie sieht die Lage im Thurgau aus?

Mir ist nicht bekannt, wie viele Lehrpersonen im Thurgau dazu gehören. Aber generell ist die Aufgabenerarbeitung und die Prüfungsvorbereitung ja im Homeoffice möglich. Ich gehe davon aus, dass für die Prüfungen in den Mittelschulen genug Lehrpersonen zur Verfügung stehen werden.

Wie verfährt der Thurgau mit Eltern, die ihre Kinder aus Angst vor einer Ansteckung ab dem 11.Mai nicht am Präsenzunterricht teilnehmen lassen wollen?

Im Grundsatz gilt die Schulpflicht. Wenn es solche Situationen geben sollte, empfehlen wir, dass die Schulgemeinden zuerst das Gespräch mit den Eltern und so eine gemeinsame Lösung suchen. Wir sollten da nicht gleich sofort mit disziplinarischen Massnahmen einfahren. Vielleicht gibt es Sorgen, weil man nicht weiss, wie die Schulen die Schutzkonzepte umsetzen. Wenn die Schulen diese genau aufzeigen können, könnte auch die Angst kleiner werden.

Wird am 11.Mai der Unterricht an der Volksschule wie vor dem Lockdown aussehen?

Monika Knill: Das müsste Beat Brüllmann (Chef des kantonalen Amtes für Volksschule, Anm.d.Red.) sagen. (Knill wendet sich an Brüllmann, der in der Nähe steht.) Du Beat, wie siehst du das?

Beat Brüllmann: Eigentlich haben alle Einschränkungen ihre Ursache im Schutzkonzept. Ansonsten dürfte die Freude am Wiedersehen mit den Lehrpersonen und den Mitschülern überwiegen.

Monika Knill: Ab dem 11.Mai läuft der ganz normale Präsenzunterricht vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe 1 inklusive Niveau-, Wahlpflicht- und Freifächer. Einschränkungen wie das Wegfallen des schulischen Schwimm- und Kochunterrichtes sind, wie bereits gesagt, nur unter dem Schutzaspekt zu sehen.

Und wie werden die Pausen geregelt?

Monika Knill: Wir empfehlen, dass die Schulen Staffelungen vornehmen, so dass nicht alle Kinder gleichzeitig auf dem Pausenplatz sind. Aber natürlich hängt die genaue Umsetzung davon ab, wie gross die Schulanlagen sind.

Beat Brüllmann: Die zeitliche Staffelung des Schulbesuches ist auch wichtig, um die Hygienemassnahmen gut umsetzen und einhalten zu können. Sonst gibt es schnell einen Stau beim Brünneli, wenn alle Kinder gleichzeitig die Hände waschen wollen. Und dann wäre der Sicherheitsabstand auch nicht mehr gewährleistet, was ja niemand von uns will.

Und wie wird verfahren, wenn ein Kind trotzt allen Vorsichtsmassnahmen Corona-Symptome zeigt?

Monika Knill: Dann muss es eine Maske aufsetzen, nach Hause gehen und dort in Isolation bleiben. Wir stützen uns da auf die bekannten Schutz-Grundprinzipien des Bundesamtes für Gesundheit. Auf die übrige Klasse hat dies keine weiteren Auswirkungen.

Sie erwähnten an der Medienkonferenz, dass der Kanton bei der vom Bund angekündigten Wiedereröffnung von Museen auf «dem falschen Fuss» erwischt wurde. Was bedeutet das genau?

Also wir, und damit meine ich nicht nur den Kanton Thurgau, sondern sehr viele andere Kantone, wurden hier wirklich positiv überrascht, da wir nicht mit einer so frühen Öffnung von Museen, Archiven und Bibliotheken gerechnet haben. Jetzt heisst es für uns «Achtung, fertig, los!». Wir müssen jetzt abklären, wo die einzelnen Museen schutzkonzeptmässig stehen. So muss in vielen der historischen Gebäude mit ihren engen Kreuzungspunkten die Besucherführung gut angeschaut werden. Da ist noch vieles offen. Aber ich würde mich freuen, wenn wir so schnell wie möglich die Museen wieder öffnen könnten. Dies könnte ungefähr Ende Mai möglich sein, ohne mich jetzt darauf festlegen zu wollen.

Auf was freuen Sie sich privat am meisten nach dem Lockdown?

Ich möchte wieder schön in einem Restaurant essen gehen. Und ebenso freue ich mich wieder darauf, dass nach und nach alle Läden wieder öffnen.

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