Neues BUCH
Gottfried Kellers weniger geniale Freund

Eine Biografie zeigt den Frauenfelder Johann Ulrich Müller als originellen Schicksalsgefährten des berühmten Schriftstellers.

Thomas Wunderlin
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Johann Ulrich Müller (1819-1888).

Johann Ulrich Müller (1819-1888).

PD

Einen Namen trägt er nicht im «Grünen Heinrich». Der Icherzähler Heinrich Lee beschreibt ihn als «feurigen und lebhaften Freund, welcher meine Neigungen stärker theilte, als alle anderen Bekannten, viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte».

Der 1854 erschienene «Grüne Heinrich» ist eines der bekanntesten Werke des Zürcher Schriftstellers Gottfried Keller (1819-1890). Aufgrund seines realistischen Stils wurde bald vermutet, dass der namenlose Freund ein reales Vorbild hatte. Bewiesen wurde das 1890 durch den Frauenfelder Arzt und Reiseschriftsteller Elias Haffter, der in Kellers Nachlass Briefe mit dem Absender «J. Müller» fand. Sie stammten vom Frauenfelder Steinmetz und Architekten Johann Ulrich Müller (1819-1888).

Im Roman bemüht sich Lee in einem Briefwechsel, die geistige Höhe des Freundes zu erreichen. Doch «wie sehr ich mich auch erhitzte und allen meinen Eifer aufbot, so übertrafen die Antworten des Freundes dieses Alles jedesmal an reiferen und gediegenen Gedanken, als an feinerem und gewähltem Witze, der mir beschämend das Schreiende und Unruhige meiner Ergüsse hervorhob».

Elternhaus von Hansueli Müller an der Thundorferstrasse in Frauenfeld. Heute befindet sich darin das Restaurant Marktplatz.

Elternhaus von Hansueli Müller an der Thundorferstrasse in Frauenfeld. Heute befindet sich darin das Restaurant Marktplatz.

PD


Eines Tages entdeckt Lee, dass der Freund seine Weisheiten bei Klassikern wie Goethe abgeschrieben hatte. Beleidigt versucht Lee mit einem «spöttischen und anzüglichen Brief», die «angemasste geistige Herrschaft» abzuwerfen. Der Freund reagiert gereizt und ärgerlich. Es entwickelt sich «ein mächtiges Zorngewitter»; die Freundschaft zerbricht.

Fantasiebegabter Freund statt unsteter Geselle

In der Keller-Forschung wurde Müller nach seiner posthumen Enttarnung als «unsteter Geselle» und «unsolider Charakter» charakterisiert. Eine Rehabilitierung erfährt er nun durch eine gut geschriebene und unterhaltsame Biografie der Kunsthistorikerin und Germanistin Monica Seidler-Hux, Tochter des Frauenfelder Lokalhistorikers Angelus Hux.

Das sorgfältig gestaltete Buch ist mit zahlreichen Faksimiles und historischen Bildern illustriert. Die Autorin erreicht damit ihr Ziel, dass Johann Ulrich Müller «fortan als der fantasiebegabte Wegbegleiter» Kellers und «anteilnehmende Jugendfreund» in Erinnerung bleibt.

Etwas ungewöhnlich ist es, eine Biografie einem Menschen zu widmen, der auf den ersten Blick nicht allzu viel Erinnerungswürdiges geleistet oder erlebt hat. Die von ihm inspirierte Figur spielt zudem im «Grünen Heinrich» nur eine von vielen Nebenrollen.

«Es ist vielleicht gerade der Reiz», entgegnet der Verleger Bruno Meier, «die Biografie einer Person zu schreiben, die in der Literaturgeschichte als Versager hingestellt wurde, was ein Stück weit auch richtig war. Aber letztendlich war Müller doch erfolgreich in der neuen Welt, und das ist neu.» Auch sei es «eine gute Auswanderergeschichte».

Wie Keller flog auch Müller von der Industrieschule

Müller war der Sohn des Thurgauer Kantonsbaumeisters David Müller. Er wuchs in einem vom Vater erbauten Haus an der Thundorferstrasse 5 in Frauenfeld auf. Im Erdgeschoss befand sich später das Restaurant Lüthi, das heute «Marktplatz» heisst. Ab 1834 besuchte Müller die Industrieschule in Zürich, eine Abteilung der Kantonsschule.

Er lernte dort den gleichaltrigen Gottfried Keller kennen, offenbar kurz bevor Keller wegen der Teilnahme an einer Revolte gegen einen Lehrer von der Industrieschule flog. Wie Keller wurde auch Müller 1836 der Schule verwiesen. Er hatte sich zu oft die Zeit in Kaffeehäusern vertrieben, statt den Unterricht zu besuchen.

Keller und Müller blieben eng verbunden und frönten gemeinsam der Zeichen- und Dichtkunst. Sie begannen sich Briefe zu schreiben, nachdem Müller 1837 ins Baugeschäft des erkrankten Vaters in Frauenfeld gerufen wurde. Den Briefwechsel führten sie fort, als Müller 1839 Architekturstudent an der königlichen Akademie der bildenden Künste in München wurde. 1840 übernahm Müller in Frauenfeld nach dem Tod des Vaters dessen Baugeschäft.

Im Gegenzug ging Keller nach München, wo er sich als Landschaftsmaler ausbilden lassen wollte, und übernahm dort Müllers Zimmer. Unterwegs blieb Keller zwei Wochen in Frauenfeld hängen, weil er von der Zürcher Staatskanzlei einen Passierschein für Italien erhalten hatte. Erst als seine Mutter den richtigen Schein schickte, konnte er weiterreisen. Müller brachte Keller in einer zweiplätzigen Pferdekutsche nach Konstanz.

Nachdem Keller in München den Traum einer freien Künstlerexistenz begraben hatte, holte ihn Müller im November 1842 in Konstanz ab und quartierte ihn einige Tage bei sich in Frauenfeld ein. Auch Müller tat sich schwer, beruflich Boden zu gewinnen. Im März 1843 liquidierte er das Baugeschäft und verliess Frauenfeld.

Etwas später in jenem Jahr entdeckte Keller bei der Lektüre von Johann Georg Zimmermanns «Über die Einsamkeit» (1784/85), dass Müller daraus in einem seiner Briefe abgeschrieben hatte. Müllers Biografin meint:

«In Wirklichkeit scheint es nicht zu einem radikalen Bruch gekommen zu sein.»

Aber Keller gelang es offenbar, die «geistige Herrschaft» abzuwerfen. Die letzten Briefe Müllers lassen laut Seidler-Hux auf «Müllers Unterlegenheit im unterschwelligen Wettbewerb um Genialität schliessen».

Baumeister des Eidgenössischen Schützenfests

Müller erhielt in Basel einen Auftrag für den Bau der Festhütten des Eidgenössischen Schützenfests von 1844, die Keller im «Grünen Heinrich» als «hölzerne Feststadt» erwähnt. Nach einem Abstecher nach Wien, Bukarest und möglicherweise ins rumänischer Jassy meldete sich Müller Anfang 1848 wieder aus Frauenfeld per Brief bei Keller, forderte von ihm Geld und bat ihn wohl vergeblich, bei der Beschaffung eines Bauauftrags zu helfen. Danach verlor sich offenbar ihr Kontakt.

Im Oktober 1848 brach Keller mit einem Reisestipendium der Zürcher Regierung zur Weiterbildung nach Heidelberg auf. Müller nahm 1849 ein Schiff über den Atlantik; er war einer der verhältnismässig wenigen Thurgauer Auswanderer in die USA. Auf der Überfahrt lernte Müller Adeline Stark aus Hinterpommern kennen, die er ein Jahr später heiratete. 1852 kam in Cleveland die erste von drei Töchtern zur Welt. Der einzige Sohn starb mit zwei Jahren.

Panorama von Cleveland, gezeichnet vom Schweizer Architekten John Mueller 1851.

Panorama von Cleveland, gezeichnet vom Schweizer Architekten John Mueller 1851.

PD


Ohio zählte zu den bevorzugten Zielen der Schweizer Auswanderer. Cleveland war laut Seidler-Hux «eine aufstrebende Hafenstadt, die von Pioniergeist pulsierte, wirtschaftlich und verkehrstechnisch expandierte». Müller fand dort Anschluss an deutschsprachige Einwanderer. 1851 eröffnete er als John Mueller in Cleveland ein Architekturbüro. Er zeichnete eine Vedute von Cleveland, eine der zu jener Zeit weit verbreiteten Stadtansichten.

An der Ohio State Fair heimste er 1852 mit seinem Architekturzeichnungen Preise ein. Er entwarf eine Karte der Cleveland and Mahoning Railroad Company und baute einen Bahnhof, der nach zehn Jahren durch einen Neubau ersetzt wurde. «Muellers Stärke lag offensichtlich auch hier mehr im kühnen Entwurf als in der Ausführung», kommentiert die Biografin. Mueller liess eine Vorrichtung zum Uferschutz patentieren. Er verfügte auch über ein Patent für eine Art Tangram, ein Legespiel, das er vermutlich für seine Töchter entwickelte, und über ein Patent für einen hölzernen Griff für Ofentüren. Er beteiligte sich mit Bleistift- und Federzeichnungen an Ausstellungen und gewann an der Michigan State Fair 1878 zwei erste Preise.

Mueller vermass und zeichnete Karten der Grossen Seen

Inzwischen mit seiner Familie in Detroit wohnhaft, stand Mueller ab 1854 im Dienst des US Lake Survey. Er arbeitete dabei an Karten der fünf Grossen Seen, gemäss Seidler-Hux «alles Meisterwerke der damaligen Geodäsie, die auf aufwendigen Vermessungen und Berechnungen zu Wasser und zu Land beruhten». Auf den Karten sind auch Hafenansichten aus Muellers Feder zu sehen. 1863 leitete Mueller die Vermessung des sogenannten Copper Countrys um den Portage Lake.

Der stark zunehmende Verkehr auf dem Wasser sorgte für eine grosse Nachfrage nach präzisen Karten. Denn häufig waren Unfälle wie jener, dessen in Theodor Fontanes Ballade John Maynard gedacht wird. Mueller wechselte etwa 1881 an eine schlecht bezahlte Stelle im General Land Office in Washington, das die riesigen öffentlichen Ländereien verwaltete. Ob er je Kellers «Grünen Heinrich» in die Hand bekam, ist nicht bekannt.

Hinweis

Monica Seidler-Hux, Gottfried Kellers feuriger Freund, Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2020.

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