Verband prüft Neubau der Abfallverbrennungsanlage in Weinfelden +++ Grüne Politikerin fordert Einbezug aller Beteiligten +++ Anonyme Vorwürfe kursieren

Der Verband KVA Thurgau prüft einen Ersatz der im Jahr 1996 eröffneten Anlage. Verschiedene Optionen sollen geprüft werden. So etwa eine schrittweise Erneuerung oder ein Neubau. Das gefällt nicht allen.

Sebastian Keller
Drucken
Teilen
Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Weinfelden. Sie wurde 1996 eröffnet.

Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Weinfelden. Sie wurde 1996 eröffnet.

(Bild: Reto Martin)

Der Verband KVA Thurgau geht davon aus, dass ihm der Abfall nicht ausgeht. Er macht sich Gedanken über die Zukunft seiner Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Weinfelden. Seit 1996 ist sie in Betrieb, 2018 verbrannte sie 147'000 Tonnen Abfall. Rund 40 Prozent stammen aus dem grenznahen Ausland.

Peter Steiner, Vorsitzender der Geschäftsleitung, sagt auf Anfrage, eine KVA habe eine Lebensdauer von 35 bis 40 Jahren. Jene im Osten Weinfelden feiert nächstens ihr 25-Jahr-Jubiläum. Weil die Verantwortlichen mit einem Realisierungshorizont von bis zu zehn Jahren rechnen, befasse sie sich zeitig mit der Zukunft. Steiner sagt:

«Unsere Anlage ist rund um die Uhr in Betrieb.»

Auch die Beschaffung von Ersatzteilen werde zunehmend schwieriger.

Dem Verband gehören 70 Gemeinden an. Die Delegierten stimmten einem Investitionsantrag für die Strategie und Planung zu. Laut Amtsblatt, das vor Weihnachten erschienen ist, erhielt das Zürcher Unternehmen TBF + Partner AG den Zuschlag für einen Auftrag über 350'000 Franken. Steiner bestätigt das.

Hier wird der Thurgauer Abfall verbrannt

Zur Debatte steht eine schrittweise Erneuerung oder ein Neubau neben der bestehenden Anlage. Am Standort will man festhalten. Das beauftragte Unternehmen soll die verschiedenen Varianten evaluieren. Dies etwa mit der Berücksichtigung der Bevölkerungs- und Abfallentwicklung. «Ich denke, in einem Jahr wissen wir mehr.»

Anonym geäusserte Befürchtungen

In einem anonymen Schreiben, das dieser Redaktionen vorliegt, wird die Befürchtung geäussert, die Kapazität könnte auf 250'000 Tonnen erhöht werden, was nur mit «zusätzlichem Import-Müll» funktionieren könne. Steiner verweist auf langjährige Verträge. So etwa mit dem Landkreis Konstanz.

«Sonst müssen sie ihren Kehricht nach Stuttgart fahren, ob das sinnvoller ist, bezweifle ich.»

Zur Befürchtung des Kapazitätsausbaus sagt der KVA-Chef: «Die Frage der Kapazität ist noch offen.» Fakt sei, dass alle Anlagen in der Schweiz gut ausgelastet seien. Er schliesst daher nicht aus, dass die Anlage in Weinfelden gegen Ende ihrer Lebensdauer alleine mit Thurgauer Kehricht an ihre Kapazitätsgrenze stösst. Dabei erwähnt er etwa das prognostizierte Bevölkerungswachstum.

Aussagen zu den Kosten sind derzeit keine möglich. Einzig: Würde man die bestehende Anlage zu heutigen Preisen bauen, würde sie 320 Millionen Franken kosten. Steigt mit der Investition die Sackgebühr? Steiner:

«Unser Ziel ist es, dass es für den Bürger nicht teurer wird.»

Laut eigenen Angaben ist die KVA der grösste Energieproduzent im Kanton. Ein Kraftwerk also. 2018 verkaufte der Verband 246 GW/h Energie. Den grössten Teil als Dampf an Unternehmen. Im Rahmen des Zukunftsprojektes soll geprüft werden, ob und wie zusätzliche Energie an die Industrie im Thurtal geliefert werden könne. «Die Energiewende ist auch eine Chance für uns», sagt Steiner. Dies vor dem Hintergrund, dass die Industrie auf CO2-neutrale Energie umsattelt.

Brigitta Hartmann (GP) beobachtet die Entwicklung genau.

Brigitta Hartmann (GP) beobachtet die Entwicklung genau.

(Bild: Reto Martin)

Bei der Zukunftsmusik, die der Verband komponiert, hört die kantonale Politik genau hin. Kantonsrätin Brigitta Hartmann (GP, Weinfelden) beobachtet die Entwicklung mit Interesse. Sie sagt: «Dass die KVA in die Jahre gekommen ist, ist ein offenes Geheimnis.» Eine Bewertung des Projekts sei derzeit aber nicht möglich. Daher fordert sie vorerst «eine sorgfältige Planung unter Einbezug aller Beteiligten». Dazu zählt Hartmann neben Kanton und Gemeinden auch die Umweltverbände.

Mehr zum Thema