Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Nazi-Vorwurf hat keine Konsequenzen: Ettenhauser halten zur Bestsellerautorin Alja Rachmanowa

Die Starautorin Alja Rachmanowa soll dem NS-Regime wohlgesinnt gewesen sein. Vielen Bürgern von Ettenhausen bleibt sie aber in guter Erinnerung. Der Gemeindepräsident sieht deshalb keinen Handlungsbedarf.
Dinah Hauser
Die Bestsellerautorin Alja Rachmanowa in ihrem Haus in Ettenhausen im Juni 1957. (Bild: Jules Vogt/Photopress-Archiv)

Die Bestsellerautorin Alja Rachmanowa in ihrem Haus in Ettenhausen im Juni 1957. (Bild: Jules Vogt/Photopress-Archiv)

Von den Ettenhausern wird sie auch nach ihrem Tod respektiert. Aber die Bestsellerautorin Alja Rachmanowa (1898–1991) war dem Nationalsozialismus nicht so abgeneigt, wie es bisher den Anschein hatte. Zu diesem Schluss kam der Basler Slawist Heinrich Riggenbach, als er ihre russischen Tagebücher der Kriegsjahre 1942 bis 1945 übersetzte.

Rachmanowas Haus in Ettenhausen in der Gemeinde Aadorf steht zwar nicht mehr. Vor und hinter der Liegenschaft erinnern aber ein Denkmal und ein nach ihr benannter Weg an ihr Wirken im Dorf. Matthias Küng, Gemeindepräsident von Aadorf, sagt:

«Alja Rachmanova wird den Einwohnern der Gemeinde Aadorf in positiver Erinnerung bleiben – unabhängig von den aktuellen Berichten.»

Der Gemeinderat sähe deshalb keinen Handlungsbedarf. Denkmal und Weg bleiben erhalten.

Die Bürger zeigen sich teils schockiert über Rachmanowas Nähe zum Nazi-Regime. Einige mutmassen, sie habe sich dazu gezwungen gesehen, um ihr Einkommen zu sichern.

Keine Zweifel an Nähe zum Nationalsozialismus

Slawist Riggenbach sagt: «Es ist unbestritten, dass Alja Rachmanowa kein leichtes Schicksal hatte.» Sie sei in den Strudel der Geschichte geraten und mit der Ausweisung aus der Sowjet Union vom Regen in die Traufe gekommen. Jedoch sei an «der gelebten Nähe zum Nationalsozialismus angesichts der authentischen Tagebücher und der im Nachlass vorhandenen Dokumente nicht zu zweifeln».

Riggenbach sieht den Hauptgrund der Nazi-Annäherung in der Person von Rachmanowa selbst. Als ehrgeizige und zielstrebige Persönlichkeit habe die Autorin keine Hemmungen gekannt. Dies zeige sich darin, wie sie proaktiv höchste Kreise auf sich aufmerksam machte. Riggenbach sagt:

«Auf der Strecke blieb dabei die Einsicht, dass sie einem Unrechtsstaat hofierte.»

Auch im Schweizer Exil habe sich diese Haltung nicht verändert. Erstaunt hingegen zeigt sich der Slawist, dass die Diskussion über die Nazi-Freundlichkeit Rachmanowas erst rund drei Jahre nach der ausführlichen Rezension seiner Übersetzung stattfindet.

Der Alja Rachmanowaweg wurde nach der Autorin benannt. Ihr Haus lag direkt am Weg. (Bild: Andrea Stalder)

Der Alja Rachmanowaweg wurde nach der Autorin benannt. Ihr Haus lag direkt am Weg. (Bild: Andrea Stalder)

Die Ettenhauser halten zu Rachmanowa

Die Ettenhauser zeigen sich teils schockiert ob der Berichterstattung zu Alja Rachmanowas Nähe zum Nationalsozialismus. Im Gespräch merkt man, dass die Einwohner Rachmanowa und ihren Ehemann sehr respektierten und dies auch heute noch tun.

Eine Frau – sie hatte die Autorin noch persönlich gekannt – kann sich nicht vorstellen, dass Alja Rachmanowa die Nazis unterstützt hat.

«Falls dies aber so gewesen sein sollte, dann hatte sie sicher gute Gründe.»

Sie nennt als Beispiel, dass Rachmanowas Ehemann als Lehrer vermutlich dem NS-Lehrerbund beitreten musste, um seinen Job nicht zu verlieren.

«Jedenfalls kann man einem Menschen, der bereits mehr als 25 Jahre tot ist und sich nicht mehr wehren kann, nicht so etwas anhängen.»

Romuald Polachowski, Bildhauer des Rachmanowa Denkmals, zeigt sich ebenfalls enttäuscht über die Berichterstattung. Auch er vermutet, dass Rachmanowa gezwungen war, sich Nazi-Deutschland gegenüber freundlich zu zeigen.

Idyllisches Leben in Ettenhausen

Annkristin Schlichte, wissenschaftliche Archivarin am Staatsarchiv Thurgau, hat sich mit dem Bezug zum Thurgau und zu Ettenhausen von Alja Rachmanowa befasst. Die Autorin sei sehr dankbar gewesen, dass sie in der Schweiz aufgenommen wurde, nachdem sie gemäss eigenen Schilderungen im «Schweizer Tagebuch» mehrmals an der Grenze abgewiesen worden sei. Schlichte sagt:

«Das Leben in Ettenhausen hat Alja Rachmanowa in zwei Beiträgen im ‹Thurgauer Jahrbuch› 1954 und 1963 als sehr idyllisch und positiv geschildert.»

Sie bestätigt Rachmanowas Liebe zu den Kindern und der Natur, welche einige Ortsansässige geschildert haben. Demnach konnte sie fast keiner Fliege etwas zu Leide tun und habe sogar die Mäuse in ihrem Wohnzimmer gefüttert. «Alja Rachmanowa war offensichtlich eine sehr positive Person auch nach all dem, was sie erlebt hat», sagt Schlichte.

Die Eule auf dem Denkmal schaut in Richtung des ehemaligen Hauses von Alja Rachmanowa. (Bild: Andrea Stalder)

Die Eule auf dem Denkmal schaut in Richtung des ehemaligen Hauses von Alja Rachmanowa. (Bild: Andrea Stalder)

«Nicht überraschend und auch kein Geheimnis»

Für Roman Engeler, Präsident der Bürgergemeinde Aadorf, offenbart die Berichterstattung keine neuen Erkenntnisse. «Alja Rachmanowa war als Anhängerin des Zarentums vor allem eines: eine Gegnerin des Kommunismus und des entsprechenden Regimes in Russland und der Sowjetunion», sagt Engeler. Im Sinne von «der Feind meines Feindes ist mein Freund» sei die Autorin Nazi-Deutschland nicht abgeneigt gewesen. Als ehemaliger Nachbar hatte Engeler die Schriftstellerin und als Bub auch deren Ehemann Arnulf von Hoyer recht gut gekannt.

«Ich denke Alja Rachmanowa war geprägt von ihrer ersten Vertreibung aus Russland durch die Bolschewiken.»

Sie habe deshalb die Sowjetunion als Feind betrachtet, denn diese hatte ihre Familie zerstört. «Dass sie den Nazis gegenüber eher freundlich gesinnt war, ist daher nicht überraschend und auch kein Geheimnis.» Dass ihr innig geliebter Sohn Jurka auf Seiten der deutschen Wehrmacht im Gefecht fiel, habe Rachmanowa nie dem Nazi-Regime angelastet als vielmehr der Roten Armee. «Später mag sie sich von den Nazis etwas distanziert haben, ihr Argwohn gegenüber den Kommunisten blieb», sagt Engeler.

Der Rachmanowa-Fonds

In der Gemeinde Aadorf bleibt nebst Erinnerungen derer, die Alja Rachmanowa gekannt haben, auch das Denkmal und der Weg in Ettenhausen. Alja Rachmanowa vermachte ihr Haus dem Kanton und der Wohngemeinde. Der Kanton veräusserte anschliessend seinen Anteil der Gemeinde. Diese sah aber keine Verwendung und schrieb die Liegenschaft zum Verkauf aus. Das baufällige Haus wurde bald darauf abgerissen. Mit dem Geld aus dem Verkauf entstand der Rachmanowa-Fonds, dessen Verwaltung dem Einwohnerverein Ettenhausen anvertraut wurde. «Es geht darum das Geld sinnvoll und zu Ehren von Alja Rachmanowa einzusetzen», sagt Präsidentin Lilo Germann. So seien beispielsweise der Bürgermusik der Wunsch nach neuen Uniformen erfüllt oder die Skilager der Schulkinder unterstützt worden. (dh)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.