Naturmuseum
Dieses blumige Blau! Eine uralte Technik und eine neue Sehensweise

Die Frauenfelder Fotografin Simone Kappeler erweckt eine uralte Technik zum Leben: Cyanotypie. Der Eisenblaudruck ist fast zweihundert Jahre alt. Simone Kappeler hat sie vor einigen Jahren für sich entdeckt. Im Kabinett des Naturmuseums Thurgau sind zwölf ihrer Bilder zu sehen

Dieter Langhart
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Sonnenblumen am Boden liegend; Nussbaumen, 25.9.2017.

Sonnenblumen am Boden liegend; Nussbaumen, 25.9.2017.

Bild: DL

Während die Instagram-Community den ultimativen Motiven hinterherhechelt und sie durch bunte und banale Filter jagt, nimmt sich Simone Kappeler alle Zeit der Welt. Nimmt sich die Gräser und Blumen und Halme ihrer Heimat vor. Erkennt ihre Fragilität und Eigenheit, ihre Unverwechselbarkeit und Unmittelbarkeit. Bildet ihre Lebendigkeit in einem Blau ab, das es in sich hat, das die Pflanzen ganz neu sichtbar macht.

Cyanotypie heisst die Technik, die fast zweihundert Jahre alt ist: Eisenblaudruck. Simone Kappeler hat sie vor einigen Jahren für sich entdeckt.

«Ich muss das Bild sehen, bevor es sich abzeichnet»

Hannes Geisser, der Direktor des Naturmuseums, lud Simone Kappeler ein, im Kabinettraum zwölf ihrer Bilder auszustellen. «Unser Kabinett ist keine Fotogalerie, kein Kunstraum, doch alle zwei Jahre möchten wir da Kunstschaffende zeigen», sagt Geisser. Den Deal mit der Fotografin beschloss der Stechapfel vor dem Museum und, dass sie vor allem im Thurgau unterwegs ist.

Karde, Wilde Möhre und Rainfarn; Sandplatte, 29.12.2016.

Karde, Wilde Möhre und Rainfarn; Sandplatte, 29.12.2016.

Bild: DL

Zwölf ihrer Cyanotypien zeigt die Fotografin im Kabinett, das mit seinen vier Türen zugleich in sich geschlossen und offen für das Museum ist und Durchblicke gewährt. Die weissen Rahmen um die Bilder korrespondieren mit dem Raum, ermöglichen einen zarten Zugang für die Besucher, von denen nicht alle zwingend kunstaffin sind und so auf neue Sehweisen aufmerksam werden. Da ist eine Weide am Nussbaumersee zu sehen oder ein Apfelbaum in Herten, ein Hartriegel am Hasensee oder eine horstbildende Segge am Hüttwilersee; da liegen Sonnenblumen am Boden in Nussbaumen, da gesellen sich die Wilde Möhre und die Nachtkerze mit der Färberkamille in Hugelshofen hinzu, dort steht eine Tollkirsche im Oberholz. Doch im Grunde sind die Namen der Gewächse irrelevant – was zählt, ist ihre Schönheit, von Simone Kappeler auf Papier gebannt.

Hörstationen mitten im Raum

In den Hörstationen mitten im Raum – nicht versäumen – erzählt die Fotografin von der Geschichte der Cyanotypie, von ihrer Arbeit im Feld und im Labor, erzählt von Sonnenblume und Stechapfel, Hartriegel und Seggen. «Ich bin eine Analogfotografin», bekennt sie stolz und spricht von der Tiefe, vom Ergebnis der Aufnahme, das sie erst später erblickt und das nicht wiederholbar ist. Spricht von der Sonne, die sie für die Aufnahmen braucht; vom Wind, der sie bisweilen zunichtemacht; von ihren Spaziergängen, die nicht immer fruchtbar sind; von der Staffelei und den Papierbögen, die sie mitschleppt; von Tagen, die so nicht wiederkehren.

«Ich muss das Bild sehen, bevor es sich langsam abzeichnet auf dem Papier.»

Die Ausschussquote sei gross, bekennt Simone Kappeler, und wenn eine Aufnahme sitzt, muss die Fotografin möglichst rasch ins Labor. Da wird die Pflanze weiss und der Hintergrund blau.

Was sich nicht bewegt im Wind, ist ideal für Simone Kappeler. Dann fängt sie das ein, was sie als «Pflanzen schwimmen im Blau» bezeichnet, als ein «wunderbares Erlebnis». Simone Kappeler ist eine Fotografin, die Pflanzen über alles liebt. Eine Fotografin, die die Welt liebt.