Natur
Stürme, Borkenkäfer und nächtliche Partys: Der Thurgauer Wald muss vieles ertragen

Der Klimawandel sorgt für eine grössere Vielfalt, aber kleinere Bäume. Und Waldbesitzer suchen noch immer nach alternativen Einnahmequellen. Der Kanton Thurgau fasst die Herausforderungen des Waldes in einem Waldentwicklungsplan zusammen.

Silvan Meile
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Die Sonne strahlt durch den Nebel im Wald vom oberhalb von Ottenberg.

Die Sonne strahlt durch den Nebel im Wald vom oberhalb von Ottenberg.

Bild: Donato Caspari

Der Kanton Thurgau vereinheitlicht die Ziele und Stossrichtungen für den Wald. «Da heutige Anliegen wie Erholung und Sport im Wald oder auch Biodiversität vermehrt eine Betrachtung über die Regionen hinaus notwendig machen, war es sinnvoll, neu einen kantonalen Waldentwicklungsplan zu erstellen und nicht mehr in Regionen zu planen», heisst es in einer Mitteilung.

Kantonsförster Daniel Böhi.

Kantonsförster Daniel Böhi.

Bild: Andrea Stalder

Kantonsforstingenieur Daniel Böhi gibt Auskunft über aktuelle Herausforderungen. Eine Auswahl:

Deutlicher Überhang an jungen Bäumen

Wegen des Klimawandels nehmen Waldschäden aufgrund von Stürmen und Trockenheit zu. Der Thurgauer Wald leidet bereits heute. Und solche Ereignisse können etwa den Befall durch Borkenkäfer begünstigen. Deshalb musste in den vergangenen Jahren viel aufgeforstet werden. Die Bäume in den Thurgauer Wäldern sind also verhältnismässig jung. «Es gibt einen deutlichen Überhang an jungen Beständen», hält der Bericht fest. Und es wird kaum besser: «Grössere Waldschäden durch starke Stürme oder Trockenheit sind in Zukunft vermehrt zu befürchten.»

Klimawandel forciert Baumvielfalt

Der Klimawandel macht den Wald vielfältiger. Heute werden vermehrt unterschiedliche Baumarten gepflanzt, um das Risiko bei Schadensereignissen zu verteilen. «Wichtig ist, dass man zugunsten einer guten Risikoverteilung versucht, eine möglichst grosse Baumartenpalette und eine möglichst breite genetische Vielfalt zu erhalten», hält der Waldentwicklungsplan fest. Und die Bäume reagieren auf die vermehrte Trockenheit, erklärt Forstingenieur Daniel Böhi. Es werde vermutet, dass einheimische Bäume ihr Wassermanagement anpassen und dadurch nicht mehr ihre ursprünglichen Höhen erreichen. Aufgrund des Klimawandels fänden in der Schweiz derzeit auch Testpflanzungen von Bäumen aus trockeneren Gebieten des Balkans statt.

Die Situation bei den Forstbetrieben ist prekär

Die Holzbranche kämpft mit schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. «Die Waldpflege, aber auch das langfristige Überleben der Forstbetriebe sind unter diesen Voraussetzungen in Frage gestellt», hält der Bericht fest. Forstbetriebe weichen für weitere Standbeine bereits in Beschäftigungsfelder wie Gartenbau oder Baumpflege aus. Die aktuell gestiegenen Holzpreise dürften nicht überbewertet werden, sagt Böhi. Sie seien noch immer tiefer als vor dem Preiszerfall 2015. Und derzeit ist nicht Holzschlagsaison. Die Branche hofft, dass die Preise auch im Herbst noch gegen oben zeigen.

Zusätzliche Einnahmen sind denkbar, aber nicht absehbar

Seit Jahren grübeln Waldbesitzer darüber nach, wie sie bei den tiefen Holzpreisen zusätzliche Einnahmen generieren könnten, um damit den Waldunterhalt zu finanzieren. Beiträge fürs Trinkwasser, CO2-Bindung oder Abgaben durch Freizeitsportler werden seit Jahren diskutiert. Eine Lösung zeichnet sich aber nicht ab. «Zusätzliche Einnahmen sind denkbar, aber nicht absehbar», heisst es im Waldentwicklungsplan, wo gleichzeitig eine Stossrichtung formuliert ist: «Es wäre anzustreben, dass Entschädigungszahlungen für Erholungswälder beziehungsweise für die Nutzung der Erholungs- und Sporteinrichtungen zunehmend direkt durch die Nutzniesser finanziert werden.» Eine entsprechende Umsetzung ist aber äusserst schwierig. Und noch immer ist im Zivilgesetzbuch das Betretungsrecht des Waldes für alle gesetzlich verankert.

Auch im Wald wird die Nacht zum Tag

Das Wild ist gestresst. Selbst in der Nacht, der Zeit der Ruhe, herrsche mittlerweile Betrieb im Wald. So seien Waldbesucher teils mit guter Ausleuchtung in der Dunkelheit zwischen den Bäumen unterwegs. «Das macht uns Sorgen», sagt Daniel Böhi. «Der Wald ist vor einer Überbeanspruchung zu schützen.» In der Dunkelheit finden teilweise Waldpartys statt. Denn auch im Wald kann die Nacht zum Tag werden.

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