Nächstes Kapitel im Knatsch von Steckborn: Jetzt wirft Vizestadtpräsidentin Michaela Dähler den Bettel hin – wegen «gravierender Mängel des Stadtpräsidenten»

Steckborn kommt nicht zur Ruhe. Jetzt zieht Stadträtin und Vizestadtpräsidentin Michaela Dähler die Reissleine und gibt ihren Rücktritt bekannt. Ihre Beweggründe kommen erst auf Nachhaken ans Licht. Stadtpräsident Roman Pulfer informierte lediglich kurz und knapp. Und er reagiert auf die Vorwürfe von Dähler.

Samuel Koch
Drucken
Teilen
Das historische 3700-Einwohner-Städtchen Steckborn liegt direkt am Untersee. Im Bild mit Blick vom Eichhölzli.

Das historische 3700-Einwohner-Städtchen Steckborn liegt direkt am Untersee. Im Bild mit Blick vom Eichhölzli.

Bild: Andrea Stalder

Da waren es nur noch fünf – zumindest zwischenzeitlich. Der Stadtrat von Steckborn muss mit dem sofortigen Rücktritt von Stadträtin und Vizestadtpräsidentin Michaela Dähler weiteren Aderlass verkraften. Der Stadtrat hat dem Entlassungsgesuch der parteilosen Stadträtin mit Jahrgang 1970 am Montagmorgen entsprochen, wie aus einer Medienmitteilung aus Steckborn hervorgeht.

Pikant: Die Mitteilung stammt ursprünglich aus der Feder der Mehrheit des Stadtrates. Nur bekommt die Öffentlichkeit diese Informationen nicht zu Gesicht. Darin steht:

«Als Hauptgrund für ihren Rücktritt nennt Michaela Dähler gravierende Mängel des Stadtpräsidenten in der Amtsführung und -ausführung».
Michaela Dähler, Stadträtin von Steckborn, 2017 bis 2020.

Michaela Dähler, Stadträtin von Steckborn, 2017 bis 2020.

Bild: PD

Diese hätten ein Ausmass angenommen, welche sie nicht mehr mittragen und mitverantworten könne. Dähler sitzt seit 2017 im Stadtrat und verantwortete das Ressort Umwelt, Natur und Landwirtschaft. Seit ihrer Wiederwahl im Juni 2019 amtete sie als Vizestadtpräsidentin. Zudem engagierte sie sich als Delegierte der Stadt in der Stiftung Ortsbild, im Verband KVA Thurgau und in der Spitex Thurgau Nordwest.

Unterschiede zur offiziellen Version

Durch das Ausscheiden von Dähler werde im Stadtrat eine grosse Lücke entstehen, «da die engagierte Vizestadtpräsidentin immer darauf bedacht war, im Miteinander auf Lösungen hinzuarbeiten und respektvoll dem Gegenüber zu begegnen». Dähler selbst will sich nicht zu ihrem Rücktritt äussern. Sie lässt jedoch verlauten, dass sie sich gerne «weiterhin für die Bevölkerung, das Personal, das Städtchen und zum Wohl des Ganzen eingesetzt» hätte. Das sei ihr jedoch unter diesen Umständen nicht mehr möglich.

Über mögliche Gründe für Dählers jetzigen Rücktritt steht in der offiziellen Pressemitteilung vom Montagmittag nichts, welche die Stadtschreiberin ad interim Corinne Bolzli auf Geheiss von FDP-Stadtpräsident Roman Pulfer verschickt hat. Darin heisst es kurz und knapp auf zehn Zeilen unter anderem:

«Der Stadtrat dankt Michaela Dähler für ihr grosses Engagement und wünscht ihr für die Zukunft beruflich und privat alles Gute.»

Stadtrat bleibt weiterhin beschlussfähig

Für Stadtpräsident Roman Pulfer gibt es für Dählers Rücktritt «keinen konkreten Auslöser». Sie habe sich ihren Rücktritt sicherlich reiflich überlegt. Auf die Frage nach Dählers Grund sagt Pulfer: «Es liegt nicht an mir, das zu kommentieren.» Zu den Vorwürfen betreffend Alleingang bei der Medienmitteilung verweist er auf eine einheitliche und professionelle Kommunikation «mit klaren internen Zuständigkeitsregeln». Er sagt:

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn, FDP, seit 2019.

Roman Pulfer, Stadtpräsident Steckborn, FDP, seit 2019.

Bild: Reto Martin
«Wir kommunizieren so, wie es für die Stadt am besten ist, und nicht, wie jemand über sich in der Zeitung lesen möchte.»

Lokalpolitik werde nicht mit dem Mund gemacht, ergänzt er, sondern mit Taten. Einen Sturm der Entrüstung erwartet er wegen Dählers Rücktritt nicht. Dieser werde keine Auswirkungen auf die Tätigkeit des Stadtrates haben. «Jedenfalls keine negativen», meint Pulfer.

Der Stadtrat bleibt auch mit fünf verbleibenden Mitgliedern noch beschlussfähig. Zumindest einen der beiden seit Montagmorgen vakanten Sitze besetzen die Stimmberechtigten bereits am nächsten Sonntag. Im zweiten Wahlgang für die Ersatzwahl um den Sitz von Gregor Rominger kämpfen Kathrin Mancuso und Jack Rietiker. Im ersten Wahlgang holte sie 412 Stimmen, er 271.

Seit Monaten schon brodelt es im Stadtrat von Steckborn, nachdem Gregor Rominger im Mai wegen «unterschiedlicher Auffassung der Amtsführung» aus dem Stadtrat zurückgetreten war. Danach überschlugen sich die Ereignisse, die Mehrheit des Stadtrates warf Pulfer «persönliche Mängel an Führungsqualitäten» vor. Nach einem internen Machtkampf im Stadtrat und Stadthaus kündigte der langjährige Stadtschreiber Hanns Wipf. Das wegen der Querelen aufgegleiste Projekt «Steckborn plus» ist seither sistiert.

Mehr zum Thema