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Nach Verdingkind-Vergleich: Opfervertreter fordert von Verena Herzog eine Entschuldigung

Eine Aussage der Thurgauer Nationalrätin Verena Herzog sorgt für Wirbel. Sie vergleicht die Kinderbetreuung ausserhalb der Familien mit dem Schicksal der Verdingkinder. Beim Verein Fremdplatziert spricht man von Verleumdung.
Silvan Meile
Die Wanderausstellung "Verdingkinder reden. Fremdplatzierungen gestern und heute" bot vor einigen Jahren einen Einblick in den Alltag der Betroffenen. (Bild: Urs Jaudas)

Die Wanderausstellung "Verdingkinder reden. Fremdplatzierungen gestern und heute" bot vor einigen Jahren einen Einblick in den Alltag der Betroffenen. (Bild: Urs Jaudas)

Verena Herzog eckt an. Die SVP-Nationalrätin und gelernte Kindergärtnerin ist Verfechterin eines traditionellen beziehungsweise konservativen Familienmodells. Sie kritisiert, dass sich der Staat immer mehr in der Erziehung der Kinder einmische. Nach dem eingeführten Kindergartenobligatorium sieht sie nun, wie sich der staatliche Einfluss in der Frühförderung weiter vergrössert. Um ihre Meinung zu untermauern, öffnet die Frauenfelderin ein dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte.

Für Robert Blaser ist Herzogs Vergleich von Kita- und Verdingkindern inakzeptabel. Der Uesslinger ist Präsident des Vereins Fremdplatziert. Er hilft und berät Betroffene und Opfer administrativer oder fürsorgerischer Zwangsmassnahmen, wie sie in der Schweiz bis in die 1980er-Jahre vollzogen wurden. Im Namen der damaligen Opfer sagt Blaser:

«Dieses Kapitel ist dunkel genug. Es müssen jetzt nicht auch noch Kitas durch diesen Dreck gezogen werden.»

Natürlich sei er der Meinung, dass Kinder so viel Zeit wie möglich bei ihren Müttern verbringen sollen. Doch Blaser hat auch Verständnis, dass Eltern Unterstützungsangebote für die Kinderbetreuung beanspruchen, weil sie zumindest Teilzeit im Erwerbsleben bleiben wollen. Diese Bedürfnisse der heutigen Eltern mit den damaligen Fällen zu vergleichen, bei denen Kinder gegen den eigenen und den Willen ihrer Eltern in Heime gesteckt oder sogar verdingt wurden, sei «eine Verleumdung». Dieses Unrecht sei schliesslich auch vom Bund anerkannt worden. Deshalb sagt Blaser:

«Frau Herzog soll sich öffentlich entschuldigen.»

Seit der «Blick» gestern die im Juni durch Verena Herzog geäusserten Aussagen aufgriff und mit grossen Buchstaben «SVP verhöhnt Verdingkinder» auf die Titelseite schrieb, gehen wegen der Thurgauerin auch im Internet die Wogen hoch.

Twitter-User gehen mit Verena Herzog hart ins Gericht

Wie sensibel Einzelne bei diesem Vergleich von Kindertagesstätten und mit Schicksal der Verdingkinder reagieren, zeigen Diskussionen, die mit spitzer Zunge auf dem Kurznachrichtendienst Twitter geführt werden. «Ich bin mir noch nicht ganz schlüssig, wen Verena Herzog mit ihren Aussagen mehr beleidigt. Die Menschen, welche als Verdingkinder bis heute an ihrem Schicksal leiden, oder all die Kita-Mitarbeitenden, welche sich mit vollem Engagement einsetzen?», schreibt ein Nutzer. Ein anderer User geht mit Verena Herzog noch deutlich härter ins Gericht: «Immer wenn man denkt, die Geschmacklosigkeit, die Herzlosigkeit, die Bösartigkeit und die schiere Dummheit könnten nicht mehr überboten werden, kommt die SVP daher und beweist das Gegenteil.»

Kopfschütteln löst Herzog auch in der eigenen Partei aus. Die Berner SVP-Nationalrätin Nadja Pieren, Inhaberin einer Kita und zusammen mit Herzog in der nationalrätlichen Bildungskommission, sagt zu «Blick»: Kita-Kinder gehe es sehr gut. Das dürfe nicht mit der traurigen und harten Jugend der Verdingkinder verglichen werden und verharmlose «einen tragischen Teil unserer Geschichte».

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