Nach dem Krieg die Rückkehr: Auslandschweizer erwartete in der Heimat die Entlausungsbaracke

In Kreuzlingen standen von 1945 bis 1949 mehrere Baracken für Rückwanderer, die aus Angst vor Infektionskrankheiten in Quarantäne gesteckt wurden. 

Sabrina Bächi
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In Holzbaracken hausten die Auslandschweizer, die nach dem Krieg aus Deutschland in die Heimat zurückkehrten.

In Holzbaracken hausten die Auslandschweizer, die nach dem Krieg aus Deutschland in die Heimat zurückkehrten.

Bild: PD/Stiftung Nachlass Saskia Egloff

Es ist die Geschichte, von Menschen die zwischen Flüchtlingen, Kriegsversehrten und Gefangenen fast unter geht. Es ist die Geschichte von Schweizer Rückwanderern nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Es ist die Geschichte von Tausenden Namenlosen sind. Es ist die Geschichte ihres Schicksals, denn die Grenzüberquerung zwischen Konstanz und Kreuzlingen war für sie der erste Schritt in eine fremde Heimat.

Der in Kreuzlingen aufgewachsene Historiker Reto Wissmann untersuchte in seiner Lizentiatsarbeit die Kreuzlinger Flüchtlingspolitik und schrieb im 2001 erschienen Buch «Kreuzlingen» über das Randthema der rückkehrenden Auslandschweizer. Dort schreibt er, dass ab Februar 1945 die ersten Auslandschweizer, sogenannte Rückwanderer, aus kriegsversehrten Gebieten in die Schweiz zurückkehrten.

Sanitarische Prüfung der Rückwanderer

Kreuzlinger Bezirksstatthalter Otto Raggenbass.

Kreuzlinger Bezirksstatthalter Otto Raggenbass.

Bild: Reto Martin

Sie trafen mit Zügen in Kreuzlingen ein und überrumpelten die Behörden, die nicht mit so einem Ansturm rechneten. Die Rückwanderer konnten zu Beginn nur notdürftig verpflegt werden und wurden in Schulhäusern und bei Privatpersonen untergebracht.

Otto Raggenbass, Kreuzlinger Bezirksstatthalter zu dieser Zeit, schrieb wegen der prekären Lage an den Kanton und forderte «die Einrichtung eines Quarantänelagers für Auslandschweizer». Ziel sollte es sein, die Rückwanderer einer sanitarischen Prüfung zu unterziehen, sie etwa zu entlausen und zu desinfizieren.

Die Rückkehrer wurden in der Quarantänestation entlaust.

Die Rückkehrer wurden in der Quarantänestation entlaust.

Bild: Stiftung Nachlass Saskia Egloff)

Wie Raggenbass an die kantonalen Behörden 1945 schrieb, seien die Rückwanderer «zum Teil in sehr schlechtem gesundheitlichen Zustand». Man fürchtete sich vor Infektionskrankheiten wie Typhus, Tuberkulose, Gonorrhö, Syphilis und Diphtherie, die sich aufgrund der Zustände in den zerbombten deutschen Städten und in den Flüchtlingstreks aus Osteuropa verbreiteten und durch Rückwanderer eingeschleppt werden könnten.

Idealer Standort zwischen Grenze und Bahnhof

Am 1. April 1945 konnte die Quarantänestation eröffnet werden. Sie wurde auf dem Schrebergartengelände zwischen der Gottliebenstrasse und den Bahngleisen errichtet – der ideale Standort zwischen Grenze und Bahnhof. Für Flüchtlinge, fremde Militärangehörige und Schweizer Rückwanderer wurden eine Desinfektionsanlage und sechs Wohnbaracken errichtet.

300 Menschen sollte diese Anlage Platz bieten. Die Zahl der Durchreisenden stieg jedoch gegen das Kriegsende vom 8. Mai 1945 so stark an, dass weitere Zelte aufgestellt werden mussten. Die Anzahl Rückwanderer belief sich täglich auf 50 bis 80 Personen. Sie wurden im Quarantänelager komplett von der Aussenwelt abgeschottet , durch einen Zaun abgetrennt und streng überwacht. Die in Quarantäne stehenden Insassen durften das Lager nicht verlassen. Bis zu ihrer Weiterreise verbrachten die Meisten bis zu drei Wochen in den Baracken.

Politische Reinigung war von Nöten

Die Abtrennung auch von Schweizer Staatsangehörigen war jedoch nicht nur aus gesundheitlichen Gründen erwünscht. Sie sollten auch polititisch «gereinigt» werden. Die Israelistische Gemeinde Kreuzlingen schrieb an den Schweizerischen Israeltischen Gemeindebund, dass «die Schweizer Rückwanderer stark antisemitisch verseucht sind». Auch die übrige Bevölkerung reagierte misstrauisch auf die Schweizer, welche meist Hochdeutsch sprachen und sich «unschweizerisch» verhalten würden. Ihnen haftete das Vorurteil an, von Nazideutschland profitiert und sich erst bei Kriegsende an ihre Heimat erinnert zu haben.

Dabei kamen die meisten Rückwanderer mausarm in der Schweiz an. Sie hatten im Vergleich zu anderen Flüchtlingen nur einen entscheidenden Vorteil: den Schweizer Pass.

Nur wenige Kreuzlingen besuchten das Land hinter den Gleisen

Am 1. April 1945 wurde die Quarantänestation eröffnet. Bis 1949 blieb sie bestehen.

Am 1. April 1945 wurde die Quarantänestation eröffnet. Bis 1949 blieb sie bestehen.

Bild: Stiftung Nachlass Saskia Egloff

Das Quarantänelager wurde 1949 geschlossen. Bis dahin wurden über 100000 Rückwanderer, Flüchtlinge und Soldaten in den Entlausungsbaracken behandelt. Insgesamt kehrten über 80000 Auslandschweizer ihr Heimatland zurück.

Es ist anzunehmen, dass nur wenige Kreuzlinger jemals das Land hinter den Gleisen besuchten. Zum einen war es abgeriegelt und zum anderen sah wohl kaum jemand einen Grund, dieses Gebiet zu betreten.

Quelle: Reto Wissmann, das Land hinter den Gleisen in: Kreuzlingen, 2001.
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