Nach dem Dresden-Coup: Goldbecher von Eschenz, Papst-Mitra und Adolf-Dietrich-Werke – wie sicher sind Thurgauer Kulturgüter?

Die Thurgauer Museen schützen sich vor Dieben und anderem Ungemach, verraten aber nur ungern wie.

Sebastian Keller
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Der Goldbecher von Eschenz. (Bild: Foto: Amt für Archäologie)

Der Goldbecher von Eschenz. (Bild: Foto: Amt für Archäologie)

Ein Diebstahl erschüttert die Kunstwelt: In Dresden stehlen Täter im Grünen Gewölbe Juwelen von unschätzbarem Wert. Der filmreife Einbruch schockiert auch im Thurgau. Das zeigt eine Umfrage unter Museen. Doch wie sind die Objekte gesichert, welche die Thurgauer Geschichte greifbar machen und Identität stiften?

Der Goldbecher von Eschenz gilt als ältestes Goldgefäss der Welt. Er wurde vermutlich um das Jahr 2400 vor Christus hergestellt. Im Archäologischen Museum in Frauenfeld ist er zu bestaunen. 111 Millimeter ist er hoch. Gewicht: 136 Gramm, die Hauptrolle spielt Gold. Irene Ebneter vom Amt für Archäologie sagt:

«Der Goldbecher ist eines unserer Starobjekte.»

Wegen des Goldanteils hat der Becher auch eine monetäre Relevanz. Sein Wert ist nicht bezifferbar – es ist die sein Fassungsvermögen überschäumende Geschichte.

Erhöhte Vorkehrungen beim Goldbecher

Auf die Frage, ob er schon Objekt diebischer Begierde war, antwortet die Archäologin mit «Oh Gott!». An diesen Ernstfall denkt sie lieber nicht. Und doch: «Beim Goldbecher haben wir erhöhte Vorkehrungen getroffen», betont Ebneter. Der Juwelenraub in Sachsen war dafür aber nicht ausschlaggebend. «Wir haben ein umfassendes Sicherheitskonzept und eine Notfallplanung.» Inhaltlich geht sie nicht darauf ein – potenziellen Einbrechern soll keine Anleitung geliefert werden.

Der Goldbecher geniesst zusätzlichen Schutz des Kantons. Er untersteht dem Kulturgüterschutz. Dieser hat zur Aufgabe, identitätsstiftenden Objekte für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Für die rund 50 wichtigsten Objekte – darunter der Eschenzer Becher – wurde eine Notfallplanung erstellt. Bei der Kulturgüterschutzfachstelle laufen die Fäden zusammen.

Bilder und Bischofskrone

«Wir machen alles, was angemessen ist», sagt Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau und des Ittinger Museums. Von Diebstählen sind diese Museen bisher verschont geblieben. Bilder – etwa jene des heimischen Malers Adolf Dietrich – seien wohl weniger im Fokus von Diebesbanden. Landert sagt:

«‹Balbo› wäre auf legalem Weg kaum verkäuflich.»

Dieses Ölgemälde sei einmalig und die Kunstwelt weiss, wem es gehört.

«Balbo» und weitere Werke Adolf Dietrichs im Kunstmuseum. (Bild: Nana do Carmo, 31. Dezember 2010)

«Balbo» und weitere Werke Adolf Dietrichs im Kunstmuseum. (Bild: Nana do Carmo, 31. Dezember 2010) 

«Der Materialwert ist im Vergleich zu Juwelen zudem viel geringer.» Die Dietrich-Werke spielen nicht in der Liga eines Vincent van Gogh oder Pablo Picasso. «Sie sind aber für den Thurgau und sogar die Deutschschweiz wichtige kulturelle Orientierungspunkte», betont der Museumsdirektor. Der monetäre Wert ist dennoch erklecklich. Diesen Monat wechselte «Der Margeritenstrauss» von Dietrich an einer Auktion in St. Gallen für 350000 Franken den Besitzer. Landert sagt:

«Die grössere Gefahr für Gemälde geht im Kunstmuseum Thurgau von Beschädigungen aus.»

Durch unsachgemässe Lagerung, unachtsame Besucher oder bei Transporten. «Diese Risiken versuchen wir, zu minimieren.»

Prunkstück im Historischen Museum: Die Mitra von Johannes XXIII. (Bild: Reto Martin (5. April 2014)

Prunkstück im Historischen Museum: Die Mitra von Johannes XXIII. (Bild: Reto Martin (5. April 2014)

Die Papst-Mitra ist eines der Starobjekte des Historischen Museums Thurgau. Die Bischofskrone aus dem 15. Jahrhundert war vor einigen Jahren im Ausland – an der Konzil-Ausstellung in Konstanz. Dass dieses Stück in den Fokus von Dieben rücken könnte, glaubt Museumsdirektorin Gabriele Keck weniger. «Es gibt ältere Mitren und jüngere Mitren.» Doch für den Thurgau sei diese Mitra und die damit verbundene Geschichte von hohem emotionalem Wert.

Im Schloss Frauenfeld gelten wie in den anderen Museen Sicherheitsvorkehrungen. Keck zählt Alarmanlage, Vitrinensicherungen und Feuermelder auf. «Die Ausstellung ist von Mitarbeitern beaufsichtigt.» Sie sagt, das Museum sei bisher von Diebstählen oder Vandalen verschont geblieben. «Ich muss Holz anfassen!» Dieses Ritual hat derzeit Hochkonjunktur bei Museumsdirektoren weltweit.