Nach 170 Jahren ist Schluss: Die Thurgauer Traditionsfirma Tuchschmid AG geht Konkurs – Frauenfeld verliert 100 Arbeitsplätze

Am Freitag musste die Tuchschmid AG, die Stahl- und Glaskonstruktionen herstellt, die Bilanz deponieren. 100 Arbeitsplätze gehen verloren. Der Kanton bedauert das Ende der Thurgauer Traditionsfirma.

Stefan Borkert
Drucken
Teilen
Rund 100 Stellen werden am Werkplatz Frauenfeld abgebaut.

Rund 100 Stellen werden am Werkplatz Frauenfeld abgebaut.

Bild: Nana do Carmo

Der Schock sitzt tief. Mitarbeiter reagierten betroffen und bestürzt, als sie darüber informiert wurden, dass beim Konkursamt Frauenfeld die Bilanz des Unternehmens deponiert wurde. Das bedeutet das Ende einer Ära. Ein Unternehmen mit langer Tradition und Geschichte muss schliessen. Verwaltungsrat Philipp Lämmlin sagt:

«Nach 170 Jahren ist das schon sehr bitter.»

Noch bis vor wenigen Tagen habe er die Hoffnung auf eine Lösung gehabt. «Wir haben mit mehreren Investoren verhandelt», sagt Lämmlin. Doch die Zeit war zu knapp.

Die Firma Tuchschmid hat sich national und international einen Namen gemacht. Oft hat Tuchschmid Aufträge übernommen, an die sich andere kaum wagten. Fassaden, Dächer, Kuppeln, Brücken und spezielle Stahlkonstruktionen sind von den Frauenfelder Stahlspezialisten gefertigt worden.

Richard Nägeli, Präsident Verwaltungsrat Tuchschmid AG (Bild: Nana do Carmo, 3. August 2011)

Richard Nägeli, Präsident Verwaltungsrat Tuchschmid AG (Bild: Nana do Carmo, 3. August 2011)

Der jetzige Verwaltungsratspräsident und frühere langjährige Geschäftsführer Richard Nägeli war politisch und in der Lehrlingsausbildung besonders aktiv. 2012 hatte er sich nach 28 Jahren zurückgezogen, Amt und Aktienmehrheit abgegeben. Noch einmal engagierte er sich für seine Firma, als die Schieflage immer deutlicher sichtbar wurde: Nägeli kaufte die Aktienmehrheit zurück und übernahm das Präsidium des Verwaltungsrates. Doch es half nichts. Am Freitag sagte er:

«Ich bin tief erschüttert. Wir haben in den letzten Monaten alles in unserer Macht Stehende getan, um den Konkurs noch abzuwenden.»

Die Altlasten aus der Zeit vor 2018 seien aber einfach zu hoch gewesen, sagt Lämmlin. Es habe zum Schluss die nötige Liquidität gefehlt. An der Auftragslage selbst lag es weniger. Lämmlin sagt, sicher werde in der Branche mit harten Bandagen gefochten. Der Handelsstreit und die Schwankungen auf dem globalen Stahlmarkt seien Faktoren. «Aber das ist keine Entschuldigung. Das gehört einfach auch dazu.»

Sanierungsrunde gescheitert

In den Jahren nach der Geschäftsübergabe 2012 geriet das Unternehmen zunehmend in Schieflage. Das führte Mitte 2018 zu einer ersten Sanierungsrunde. Das Unternehmen sei objektiv durchleuchtet und die Schwachstellen seien erkannt worden. Doch die Spätfolgen einzelner langjähriger Verlustprojekte vereitelten die eingeleiteten Reorganisationsbemühungen. Lämmlin bedauert: «Eine intensive Suche nach Lösungen zur nachhaltigen Sanierung und Sicherung des Unternehmens blieben ohne Erfolg.»

Sicher, das Marktumfeld im Stahlbau habe sich in den letzten Jahren verschärft. Doch sei das Geschäft mit hochindividuellen Grosskonstruktionen schon immer anspruchsvoll gewesen. Und gerade hier habe sich die Tuchschmid AG ihren Markt geschaffen und über Jahrzehnte erfolgreich ausgebaut.

Das Traditionsunternehmen beschäftigte bis zum Schluss gegen 100 Fachkräfte in Frauenfeld und in den Montageteams. Mehr als 28 Jahre leitete Richard Nägeli die Geschicke der Firma. Der 2017 und 2018 neu besetzte Verwaltungsrat habe die negative Geschäftsentwicklung erkannt und Massnahmen eingeleitet. So sei im Frühling 2018 ein externer Interimsmanager eingesetzt worden, der das Projektgeschäft stabilisierte und organisatorische Straffungen umsetzte, erklärt Lämmlin.

Anfang des Jahres habe man mit Khang Chen einen CEO gewonnen, der mit Geschick und hohem Tempo arbeitete, den Verkauf stärkte und aktuell einen guten Auftragsbestand erreichte. Doch die Bremsspur im Geschäft mit oft mehrjährigen Grossprojekten sei zu lang gewesen. Die nachlaufenden Verluste hätten die Bilanz weiter in die Überschuldung gezogen. «Trotz intensivster Suche nach Investoren konnte keine Lösung gefunden werden», doppelt Lämmlin nach.

Tuchschmid hat in Winterthur am Bahnhofplatz das Pilzdach für den Busbahnhof gefertigt.

Tuchschmid hat in Winterthur am Bahnhofplatz das Pilzdach für den Busbahnhof gefertigt.

Bild: Roger Szilagyi, Keystone

Kanton bedauert das Ende

Auch der Kanton nimmt Stellung zum Konkurs der Frauenfelder Traditionsfirma. Daniel Wessner, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Arbeit Kanton Thurgau, bedauert es ausserordentlich, dass die Firmengeschichte auf diese Weise endet.

«Wir sind traurig, dass rund 100 Arbeitsplätze in diesem traditionsreichen Industrie- und Produktionsunternehmen verloren gehen. Von Seiten des Amtes für Wirtschaft und Arbeit werden wir alles daransetzen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tuchschmid AG wieder eine neue Stelle finden.»

Grundsätzlich gehe es der Wirtschaft und der Industrie im Thurgau immer noch gut, lässt der Kanton auf Nachfrage verkünden. Es gebe offene Stellenangebote von anderen Thurgauer Unternehmen, die Fachkräfte suchen. Es bestehe deshalb begründete Hoffnung, dass für die Mitarbeitenden der Tuchschmid AG eine passende Lösung gefunden werden kann.