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Kolumne

Mutter lässt den Sohn aus therapeutischen Gründen schwänzen

Sonntagsgericht
Thomas Wunderlin

Vom Vater ihres Buben hat sich die 50-jährige Thurgauerin getrennt. Doch sie tut ziemlich viel, damit der Zehnjährige den Kontakt mit ihm pflegen kann. Sogar eine Busse hat sie riskiert, indem sie ihren Sohn einige Tage vor dem Beginn der Frühlingsferien 2016 zum Vater nach Australien geflogen hat. Die Staatsanwältin büsste sie mit 100 Franken wegen Widerhandlung gegen das Gesetz über die Volksschule. Die Schulbehörde hatte ihr Dispensationsgesuch abgelehnt; Feriengesuche würden generell nicht bewilligt, lautete die Begründung.

Der Verteidiger verlangt vom Bezirksgericht Frauenfeld einen Freispruch. Die Beschuldigte sei «keine Querulantin, sondern eine engagierte und pflichtbewusste Mutter». Aufrecht sitzt die Angesprochene da. Eine Vergnügungsreise sei es ganz sicher nicht gewesen, versichert die kaufmännische Angestellte. Sonst hätte sie diese abgesagt, um bei ihrer sterbenden Mutter zu bleiben. Für sie sei klar gewesen, der Sohn «muss zum Vater, sonst wird es unerträglich». Ihr Ex-Partner und ihr Sohn hätten eine enge Beziehung: «Sie gärtnern zusammen, sie reden über Militär und über Aussie-Fussball.» Wenn der Vater da sei, trete sie selber in den Hintergrund. Bei der Einschulung des Buben 2015 war der Vater noch dabei, wenig später verreiste er nach Australien. Weil der Bub unter der Trennung litt, versuchte die Mutter, mit ihm über Weihnachten zum Vater zu reisen. Die lediglich zehntägigen Ferien wären für die weite Reise etwas kurz gewesen. Ende Oktober 2015 wies die Schulbehörde jedoch ein Gesuch der Mutter ab, ihren Sohn einige Tage vom Unterricht zu dispensieren. Die Mutter sah sich gezwungen, die Weihnachtsreise abzusagen. Die Reaktion des Buben: «Er ist am Tisch zusammengebrochen.» Ihr Sohn sei in dieser Zeit in der Schule «geplagt und gemobbt» worden, sagt die Mutter. Die Lehrerin habe wissen wollen, was mit dem Buben sei. Der Schularzt habe eine Reise zum Vater empfohlen. Die Schulpsychologin habe in ihrem Bericht ebenfalls dazu geraten, sagt die Mutter. Sie kann den Bericht aber nicht vorlegen. Die Richterin würde ihn gern sehen, in den Akten befinde er sich nicht.

Noch vor Weihnachten 2015 buchte die Mutter einen Australienflug für sich und ihren Sohn für Ostern 2016. Erst im Februar 2016 reichte sie ein Dispensationsgesuch ein, damit ihr Sohn die vier Tage vor Karfreitag, 25. März 2016, nicht unentschuldigt fehlen muss. Die Schulbehörde lehnte wiederum ab. Diesmal kümmerte sich die Mutter nicht mehr darum und flog mit ihrem Sohn am Sonntag, 20. März, für drei Wochen ans andere Ende der Welt. Wie die Staatsanwältin in der Begründung des Strafbefehls schrieb, wäre «auch eine kürzere Reise innerhalb der ordentlichen Frühlingsferien möglich gewesen». Das sei für die alleinerziehende Mutter nicht möglich gewesen, sagt der Verteidiger. Sie habe die verfügbaren Flüge mit den Anforderungen ihrer Stelle koordinieren müssen. Er verzichtet darauf, dies detaillierter zu erklären. Hätte der Thurgau nicht erst im folgenden Jahr die sogenannten Jokertage eingeführt, hätte sich das Problem laut Verteidiger möglicherweise gar nicht gestellt. Allerdings gibt das heute geltende Gesetz Schülern nur das Recht, zwei Tage pro Jahr ohne Begründung dem Unterricht fernzubleiben.

Das Gericht hebt die Busse auf und verlangt keine Gerichtskosten. Es sieht sich aber zu einem Schuldspruch gezwungen. Sonst würde das Gesetz gebeugt, sagt die Richterin bedauernd. Auch die Untersuchungskosten von 100 Franken muss die Mutter bezahlen, ausserdem ihren Anwalt. Die Reise sei nicht lebensnotwendig gewesen, sagt die Richterin. Das Verschulden sei aber sehr gering. Die Mutter habe die Reise nicht für ihren eigenen Nutzen angetreten.

Auf weitere Dispensationen ist der Sohn inzwischen nicht mehr angewiesen, um seinen Vater zu sehen. Denn dieser kommt regelmässig den Sommer über zur Arbeit in die Schweiz.

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