Münsterlingen
Wie weiter mit den Opfern? Das Thurgauer Kantonsparlament führt eine kontroverse Diskussion über die Medikamententests von Münsterlingen

Für die Opfer der Münsterlinger Medikamententests müsse eine Entschädigungslösung ausgearbeitet werden, lautet die Forderung im Grossen Rat. Doch den Kritikern von Roland Kuhn stellt sich eine Mitte-Kantonsrätin in den Weg. Der Psychiater habe weder illegal noch fragwürdig gehandelt.

Silvan Meile 2 Kommentare
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Im September 2019 stellten Wissenschafter die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zum «Testfall Münsterlingen» vor. Dabei waren Kisten mit Medikamenten aus Kuhns Nachlass zu sehen.

Im September 2019 stellten Wissenschafter die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zum «Testfall Münsterlingen» vor. Dabei waren Kisten mit Medikamenten aus Kuhns Nachlass zu sehen.

Bild: Andrea Stalder

Den Betroffenen bleibe keine Zeit mehr. SP-Kantonsrätin Marina Bruggmann (Salmsach) brachte ein emotionales Thema in die Debatte des Grossen Rates: die Medikamententests in Münsterlingen. Es müsse die finanzielle Entschädigung für die Opfer von Psychiater Roland Kuhn geregelt werden.

Diese Meinung teilen auch Edith Wohlfender (SP, Kreuzlingen) und Peter Dransfeld (GP, Ermatingen), die zusammen mit Bruggmann die Interpellation «Betroffene Menschen im Testfall Münsterlingen – Das Dossier darf nicht geschlossen werden» einreichten.

Lob für die damalige Aufarbeitung des Falls

Von den 1940er- bis in die 1980er-Jahre testete Kuhn für die Pharmaindustrie riesige Mengen an nicht zugelassenen Medikamenten in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Der Fall ist im 2019 erschienenen Buch «Testfall Münsterlingen» wissenschaftlich aufgearbeitet worden.

Für diese vom Kanton in Auftrag gegebene Aufarbeitung des Falls Münsterlingen gab es von vielen Seiten im Rat Lob. Doch für das begangene Unrecht seien noch mehr Anstrengungen nötig, sagte Nicole Zeitner (GLP, Stettfurt).

Entschiedene Rückendeckung für Kuhn

In eine ganz andere Kerbe schlug Katharina Zürcher (Mitte, Romanshorn). Die damaligen Medikamententests seien – anders als von den Interpellanten dargelegt – weder fragwürdig noch illegal gewesen. Zürcher verwies auf die drei Ehrendoktortitel von Universitäten, die Kuhn während seiner Laufbahn erhielt. Aussagen zu Opfern seien «unbewiesene Behauptungen». Die Interpellation beruhe auf völliger Unwissenheit.

«Das ist, als würden wir die Arbeit eines Metzgers einschätzen.»

Die Entschuldigung des ehemaligen Regierungsrats Jakob Stark sei «zumindest voreilig» gewesen. René Walther (FDP, Landschlacht) sagte, aus heutiger Sicht sei es tragisch. Heute würden aber viele Halbwahrheiten erzählt werden.

Eine kantonale Entschädigungslösung sei nicht zielführend

Peter Dransfeld zeigte sich irritiert über Zürchers Votum.

«Diese Lobhudelei über Herrn Kuhn erachte ich als unwürdig gegenüber diesem Parlament.»

Edith Wohlfender warf schliesslich Katharina Zürcher vor, mit ihrem Votum nicht nur die Interpellanten beleidigt zu haben, sondern auch die Opfer, die über lange Zeit Medikamente einnehmen mussten, was diese bis heute belaste.

Aufgrund der Abwesenheit von Gesundheitsdirektor Urs Martin nahm Regierungsrat Walter Schönholzer zum «sensiblen und tragischen» Thema Stellung. Für Entschädigungszahlungen gebe es heute weder auf Bundes- noch auf kantonaler Ebene eine gesetzliche Grundlage. Die Thurgauer Regierung würde eine nationale Forschung begrüssen. Eine Regelung bezüglich Entschädigungszahlungen müsste auf Bundesebene geregelt werden. Eine kantonale Lösung sei nicht zielführend.

2 Kommentare
Emmisberger Walter

Ja, das ist wirklich sehr beleidigend auch für uns Opfer von den Medikamententests und es ist sehr traurig, wie man heute noch mit den Opfern umgeht. Es waren aber darunter auch Tabletten, die auch an Kinder und Jugendlichen getestet wurden, aber nie eine Zulassung erhielten und seinen ersten medizinischen Versuch nahm Kuhn als 15 Jähriger an seiner eigenen Mutter vor, das ohne ihr Wissen. Unglaublich und unverständlich, jetzt soll Kuhn ein Zeichen der Erinnerung erhalten, anstatt die Opfer von den Medikamententests. Übrigens es gab damals schon ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen, wie auch die von Helsinki, die 1964 verabschiedet wurde. Zudem wurde schon 1950 auch die Psychiatrische Klinik Münsterlingen darauf hingewiesen, dass das körperliche und geistige Wohlbefinden der Kranken zu fördern ist und ihre Behandlung nach den Grundsätzen der Wissenschaft und Humanität zu erfolgen hat. Das kann man auch im Buch Testfall Münsterlingen lesen. Walter Emmisberger

Emmisberger Walter

Ja, das ist wirklich sehr beleidigend auch für uns Opfer von den Medikamententests und es ist sehr traurig, wie man heute noch mit den Opfern umgeht. Es waren aber darunter auch Tabletten, die auch an Kinder und Jugendlichen getestet wurden, aber nie eine Zulassung erhielten und seinen ersten medizinischen Versuch nahm Kuhn als 15 Jähriger an seiner eigenen Mutter vor, das ohne ihr Wissen. Unglaublich und unverständlich, jetzt soll Kuhn ein Zeichen der Erinnerung erhalten, anstatt die Opfer von den Medikamententests. Übrigens es gab damals schon ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen, wie auch die von Helsinki, die 1964 verabschiedet wurde. Zudem wurde schon 1950 auch die Psychiatrische Klinik Münsterlingen darauf hingewiesen, dass das körperliche und geistige Wohlbefinden der Kranken zu fördern ist und ihre Behandlung nach den Grundsätzen der Wissenschaft und Humanität zu erfolgen hat. Das kann man auch im Buch Testfall Münsterlingen lesen. Walter Emmisberger

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