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Glosse

Mosttröpfli: Sitzen bleiben ist gefährlich

Wird eine Hymne gesungen, stehen alle auf. Gilt das auch für Journalisten, die bei der Arbeit sind?
Christian Kamm
Christian Kamm. (Bild: Urs Jaudas)

Christian Kamm. (Bild: Urs Jaudas)

Seit ich den Dok-Film des Schweizer Fernsehens über den eidgenössischen Wahlkampf gesehen habe, warte ich stündlich auf Sanktionen. Auf einen Shitstorm. Ich meine den Film, in dem die unterdessen wiedergewählte Nationalrätin Diana Gutjahr mit ihrem Vater eine Hauptrolle spielt.

Selbstverständlich habe auch ich diesen Film vor allem deshalb angeschaut, um zu erfahren, wie sich die Gutjahrs an der TV-Front geschlagen haben. Doch plötzlich hatte ich ganz andere Sorgen. Denn ich sah mich. Nicht als Hauptdarsteller natürlich, nur so als Statist. Leider bin ich aber trotzdem aufgefallen. Und das ist das Problem.

Reihum haben sich an jenem Februarabend die SVP-Delegierten in der Mehrzweckhalle Bussnang erhoben und liessen aus voller Brust das Thurgauer Lied erklingen. La, la, la. Nur ein verlorenes Häufchen ganz vorne im Bild singt nicht. Schlimmer noch: Es sitzt. Darunter problemlos identifizierbar – ich.

Nun weiss man spätestens seit Ende Oktober, wie allergisch SVP-Patrioten auf Journalisten reagieren, die sitzen bleiben und nicht mitsingen, wenn an der Delegiertenversammlung der schweizerischen SVP die Nationalhymne intoniert wird.

Sicher: Ich könnte es mir jetzt einfach machen und zu meiner Entschuldigung anführen, dass mein Gesang keine musikalische Bereicherung darstellt. Oder dass das Thurgauer Lied nur eine inoffizielle Hymne ist. Oder dass ich ja nicht privat dort gewesen bin, sondern quasi in offizieller Mission, stellvertretend für Sie alle, die Sie ebenfalls nicht mitgesungen haben.

Falls Sie jetzt immer noch davon überzeugt sein sollten, dass Journalisten unisono vaterlandslose Gesellen sind, dann hilft vielleicht noch das: Ich kam als Hausgeburt an der Kreuzlingerstrasse in Weinfelden auf die Welt. Mal ehrlich: Mehr Thurgauer Patriotismus geht einfach nicht.

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