Alle gegen Mobbing – Minderheit für mehr Massnahmen im Thurgau

Der Kanton Thurgau muss keine weiteren Massnahmen gegen Mobbing an Schulen ergreifen. Der Grosse Rat lehnt ein entsprechender Vorstoss ab. Bereits zuvor war bekannt, dass die Regierung keinen akuten Handlungsbedarf sieht. Aber die bisherigen Massnahmen doch intensivieren will.

Sebastian Keller
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Kantonsrätin Karin Bétrisey während der Grossratssitzung in Frauenfeld.

Kantonsrätin Karin Bétrisey während der Grossratssitzung in Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

«Stirb!», «Bring dich um!», «Du bist ekelhaft!»: Mit diesen Beispielen, die jeden Tag an Thurgauer Schulen ausgesprochen würden, eröffnete Karin Bétrisey ihr Votum. Die Kantonsrätin (GP, Kesswil) verlangte in einem parteiübergreifenden Vorstoss, dass der Kanton sich zur «Nulltoleranz» beim Mobbing verpflichten soll. Dazu müsse ein Strauss an Massnahmen gebunden werden.

Das Problem: Es fehle an Mitteln, die Anzahl Mobbingopfer sei hoch, in der Ausbildung der Lehrpersonen werde Mobbing nicht thematisiert. Weiter gebe es nicht an jeder Schule eine Schulsozialarbeit: Konkret nur in 38 von 87 Schulgemeinden.

Doch die Forderung prallte an der rechtsbürgerlichen Grossratsmehrheit ab. So stimmten 27 Kantonsräte für die Annahme der Leistungsmotion, 72 dagegen. In der Diskussion zeigte sich allerdings: Das Thema brennt von links bis rechts unter den Nägeln. Unbestritten war die Haltung, dass Mobbing an Thurgauer Schulen stattfinde.

Einigkeit: Angebote besser koordinieren

Daniel Frischknecht, EDU-Fraktionschef (Romanshorn)

Daniel Frischknecht, EDU-Fraktionschef (Romanshorn)

Bild: PD

EDU-Fraktionschef Daniel Frischknecht (Romanshorn) sagte: «Beim Mobbing geht es um systematische, mehrfache Gewalt – physische und psychische. Diese kommt glücklicherweise selten vor.» Die effektiven Fallzahlen liessen keinen Notstand erkennen. Judith Ricklin (SVP, Kreuzlingen) sagte: «Es wird gestritten an Thurgauer Schulen, aber vielfach nicht gemobbt.» Der Begriff Mobbing werde inflationär genutzt.

Käthi Zürcher (CVP, Romanshorn) betonte, dass Mobbing meist ausserhalb der Schule erfolge.

«Deshalb ist nicht die Schule, sondern die Justiz gefordert.»

Sie rechnet damit, dass man wohl bald über einen Mobbingartikel abstimmen werde. Andreas Wirth (SVP, Frauenfeld) befand: «Für Thurgauer Schulen stehen genügend Angebote bereit.» Allerdings müssten diese besser koordiniert werden.

Beat Rüedi (Kreuzlingen) betonte namens der Mehrheit der FDP-Fraktion: «Das Problem muss dort bekämpft werden, wo es stattfindet.» Damit sprach er sich gegen die Schaffung einer neuen Anlaufstelle beim kantonalen Amt für Volksschule aus. Seine Parteikollegin Cornelia Zecchinel (Kreuzlingen) sieht als Mitvorstösserin Handlungsbedarf:

«Mobbing ist Gift für unsere Gesellschaft.»
Marina Bruggmann, SP-Kantonsrätin aus Salmsach.

Marina Bruggmann, SP-Kantonsrätin aus Salmsach.

Bild: PD

Es gelte bei der Prävention alle Register zu ziehen. Aber ein Auftrag für Mobbing-Prävention fehle. «Diesen Auftrag will die Motion erteilen.» Barbara Dätwyler (SP, Frauenfeld) beklagte, dass der Kampf gegen Mobbing «zu wenig verbindlich» sei. Marina Bruggmann (SP, Salmsach) verwies auf das Recht auf Chancengleichheit, das nicht garantiert sei.

«Wenn ich Glück habe, besucht mein Kind eine Schule, wo Mobbing tatsächlich thematisiert wird.»

Brigitta Hartmann (GP, Weinfelden) warnte vor den Folgen. «Opfer haben das grössere Risiko, auf die schiefe Bahn zu geraten.»

Erziehungsdirektorin Monika Knill betonte: «Wir sind uns einig: Mobbing darf nicht toleriert werden. Und wird es auch nicht.» Sie gab bekannt, dass die Akteure tatsächlich besser vernetzt werden könnten.

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