Mittelalterliche Sitten, Heu für den Zuchtstiere und Kopf ab bei den Gänsen: Neunforn hat sich mit dem neuen Themenheft eine kleine Dorfgeschichte geschenkt

Das neue Nüfere-Themenheft deckt fast tausend Jahre ab. Es ist wissenschaftlich erarbeitet und lesbar formuliert.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Eine Illustration aus dem neuen Themenheft: Blick von Westen auf Oberneunforn, wie es um 1620 ausgesehen haben könnte.

Eine Illustration aus dem neuen Themenheft: Blick von Westen auf Oberneunforn, wie es um 1620 ausgesehen haben könnte.

(Bild: PD/André Hiltbrunner, 2020)

Die zwei Seiten der Tierhaltung in der ersten Hälfte des 16.Jahrhunderts: «[..] dass ain schwin soll ainen hirtten oder ainenn stall habenn, [..]» Schweinen sollten also einen Hirten haben oder sicher einen Stall. Dagegen sollte es den Gänsen an den Kragen gehen, «wär aber, dass sy über zunn unnd hag flugint», falls sie sich über einen Hag davonmachen sollten. Der Gänsekopf sollte in dem Fall in den Hag gesteckt werden und der Körper über diesen geworfen werden. Dies ist der Niederneunforner Offnung von 1501 zu entnehmen, einer Urkunde, die Rechten und Pflichten in einem Gemeinwesen festhält.

Erstmals finanziert durch Crowdfunding

Die neunte Ausgabe des Nüfere-Hefts hat 40'000 Franken gekostet. Die Hälfte der Kosten kamen durch ein erstmals durchgeführtes Crowdfunding zusammen. Die anderen 20'000 Franken hat die politische Gemeinde Neunforn als Herausgeberin beigesteuert. Das Themenheft kann auf der Neunforner Gemeindeverwaltung gekauft werden. (ma)
Öffnungszeiten: neunforn.ch

Das neue Nüfere-Heft, die neunte Ausgabe der «Hefte zum Lebensraum Neunforn» seit 2003, trägt den Titel «Nüfere und s’Chloschter Töss». An der Neunforner Bechtelisgemeinde fand die Heftvernissage statt. In der Einleitung des neuen Hefts heisst es in den Worten der Historiker Peter Niederhäuser und Stefan Sonderegger: «Bis anhin fehlte eine historische Darstellung von Neunforn von der Ersterwähnung bis in die Neuzeit, was mit einem solchen Projekt wenigsten punktuell nachgeholt werden konnte.»

Von «Nuivora» bis ins Jahr 1843

Die Publikation schlägt nun einen Bogen von der Ersterwähnung von «Nuivora» 962 oder 963 bis ins Jahr 1843, als die Neunforner Kirche von Zürich an den Thurgau überging. Fast tausend Jahre Geschichte und Geschichten auf 83 Seiten, zweckmässig, aber nicht weniger ansprechend gelayoutet und mit Bildelementen gut durchsetzt. Ein roter Faden in der Neunforner Geschichte bildet dabei das Kloster Töss.

Die Köpfe hinter dem aktuellen Nüfere-Heft. In der Mitte mit dem Heft in Händen: Aegidius «Gilg» Stüssi.

Die Köpfe hinter dem aktuellen Nüfere-Heft. In der Mitte mit dem Heft in Händen: Aegidius «Gilg» Stüssi.

(Bild: Theres Schurter)

Inhaltlich präsentiert sich das Themenheft als interessanten Mix zwischen allgemeingültigen Themen, die sich abwechseln mit der Lupe auf Neunforn. Das Dorf ist stets in die Welt rundherum eingeordnet, und die Auswirkungen der Welt auf das Dorf sind erklärt. Auf die mittelalterlichen Herrschaftsstrukturen im Allgemeinen und im Thurgau folgt der Blick auf das Kloster Töss, das in Neunforn viel Land und herrschaftliche Recht besitzt. Quellentypen wie Offnung oder Urbar finden Erläuterung, lokale Quellen dienen dazu, die Lebenswelt der Nüfemer zu zeigen. Neunforn erhält Einordnung in der Reformationszeit. Es geht weiter um die Bevölkerungsstruktur und die Rechtsstellung der Neunforner.

Und nicht zuletzt dürfen auch die Geschichten nicht fehlen, die einen schmunzeln machen. So geht es an einer Stelle (in einem Zinsurbar von 1534) um den Zuchtstier, den ein Bauer im Auftrag des Amts von Töss hielt. Falls sein Land von der Thur überschwemmt werden würde, sollte er zu günstigen Konditionen den Heu-Zehnten beziehen können, der eigentlich an die Herrschaft ging.

Ein Bild des Klosters Töss, entstanden zwischen 1614 und 1638.

Ein Bild des Klosters Töss, entstanden zwischen 1614 und 1638.

(Bild: Kantonsbibliothek Thurgau)

Seit jeher sind Aegidius «Gilg» Stüssi sowie Niklaus Winterhalter die treibenden Kräfte hinter der Reihe. Für frühere Ausgaben bildeten sie jeweils ein Redaktionsteam aus interessierten Neunfornern.

«Bei dieser Thematik war uns schnell klar, dass wir externe fachliche Hilfe benötigten.»

Das sagt Stüssi. So sprach er nach einem Referat in Frauenfeld den freischaffenden Historiker Peter Niederhäuser aus Winterthur an. Über Niederhäuser kam die Zusammenarbeit zustande mit Stefan Sonderegger, Titularprofessor am Historischen Seminar der Uni Zürich. Die wissenschaftliche Arbeit von Niederhäuser am Nüfere-Heft ergänzte Sonderegger im Herbst 2018 mit einem Kolloquium unter dem Titel «Ländliche Gesellschaft unter klösterlicher Herrschaft». Eine Gruppe motivierter Studenten legte das Resultat nun in dieser Publikation vor. Stüssi sagt:

«Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.»
Mehr zum Thema: