Mit 18 Jahren den Vater verklagen

Im Thurgau endet der Anspruch auf Alimentenbevorschussung mit der Volljährigkeit. Auch wer mitten in einer Ausbildung steckt, muss die Unterhaltsbeiträge selber einfordern. Es droht sogar der Gang zum Sozialamt.

Christian Kamm
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Fällt die Alimentenbevorschussung weg, bleibt als letzte Option das Sozialamt. (Bild: Reto Martin)

Fällt die Alimentenbevorschussung weg, bleibt als letzte Option das Sozialamt. (Bild: Reto Martin)

Es geht auch anders: In den Nachbarkantonen Zürich oder St. Gallen beispielsweise werden unterhaltspflichtige Jugendliche auch noch als Volljährige in jedem Fall bis zum Ende ihrer Erstausbildung bevorschusst. Das heisst: Sie erhalten, wenn der Vater nicht zahlt, ausstehende Unterhaltsbeiträge im Rahmen der Alimentenbevorschussung von der öffentlichen Hand. Die versucht dann, das Geld beim Erzeuger wieder zurückzuholen.

Selber vor Gericht einfordern

Das funktioniert auch im Kanton Thurgau so. Nur: Sobald der bevorschusste Nachkomme 18 Jahre alt ist, ist Schluss. Die staatliche Alimenten-Bevorschussung wird eingestellt, und der betroffene junge Erwachsene muss das Geld selber einfordern. «Wird das Thurgauer Kind volljährig, muss es seinen Vater selbst vor Gericht einklagen, um die nötige Unterstützung zu fordern», schreibt die Aadorfer Kantonsrätin Cornelia Hasler-Roost (FDP) in einer parlamentarischen Anfrage. Mehr noch: «Ist dieser Schritt erfolglos, muss die junge Person zum Sozialamt und dort Unterstützung verlangen.»

«Alles wird neu aufgerollt»

Für Kantonsrätin Cornelia Hasler, die neben ihrem Grossratsmandat auch Gemeinderätin in Aadorf ist, eine fragwürdige Regelung. Man mute jungen Erwachsenen, in deren Biographien meist einiges nicht rund gelaufen sei, mitten in der Lehre unverschuldet den schwierigen Gang zum Sozialamt zu. Darüber hinaus bringe die Unterstützung durch die Fürsorge einen «Schuldenrucksack» noch während der Ausbildung mit sich − weil Sozialhilfe grundsätzlich zurückerstattet werden muss. Folge: Die Betroffenen laufen Gefahr, schon in jungen Jahren Existenzängste zu entwickeln. Dazu kommt unter Umständen die Angst vor dem Vater. «Denn die ganze Geschichte wird wieder neu aufgerollt», so Cornelia Hasler

Konkrete Zahlen fehlen noch

Allerdings ist auch für die FDP-Kantonsrätin noch offen, wie gross das Problem im Thurgau quantitativ tatsächlich ist. Deshalb hat sie als erstes zum vergleichsweise schwachen Instrument der Einfachen Anfrage gegriffen und nicht gleich zur parlamentarischen Brechstange. Unter anderem erkundigt sich Hasler bei der Kantonsregierung nach konkreten Zahlen darüber, wie viele junge Erwachsene in den letzten fünf Jahren ihre Alimentenbevorschussung im Thurgau gerichtlich selber einfordern mussten. Zudem will die Kantonsrätin wissen, ob der Regierungsrat grundsätzlich bereit ist, eine Gesetzesanpassung analog zur Regelung in Zürich oder St. Gallen zu prüfen.

Jeder Franken zählt

Dass man es bei dieser Thematik mit einem Massenphänomen zu tun hat, glaubt auch Hasler nicht. Das ist schon deshalb nicht zu erwarten, weil die Alimentenbevorschussung maximal 940 Franken beträgt und ein allfälliger (Lehrlings-)Lohn des Bevorschussten davon abgezogen wird. Zahlreiche Drittlehrjahr-Löhne liegen bereits über dieser 940 Franken-Grenze − aber beileibe nicht alle. Im Einzelfall können deshalb mit Erreichen der Mündigkeit schnell einmal hundert Franken pro Monat plötzlich fehlen. Und wann, wenn nicht im Lehrlingsalter gilt: Jeder Franken zählt.