«Mir war wichtig, die andere Seite der Autorin aufzuzeigen», sagt der Übersetzer

Der Basler Slavist Heinrich Riggenbach hat einige von Alja Rachmanowas Tagebüchern ins Deutsche übersetzt. Er wollte mit seiner Publikation die Zuneigung zum Nationalsozialismus der Autorin beleuchten.

Dinah Hauser
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Heinrich Riggenbach (Bild: PD)

Heinrich Riggenbach (Bild: PD)

Sie haben Alja Rachmanowas Nachlass inventarisiert und einige Tagebücher übersetzt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Heinrich Riggenbach: Durch eine Bekanntschaft aus einem anderen Projekt habe ich vom Nachlass erfahren. Ich habe mich dann bei der Kantonsbibliothek Thurgau gemeldet. Die Übersetzungen sind erst später entstanden.

Warum haben Sie die Übersetzungen später publiziert?

Zuerst war es wichtig, die Inventarisierung abzuschliessen. Damals konnte ich mich nicht näher inhaltlich mit dem Nachlass auseinandersetzen. Mir ist aber aufgefallen, dass das Bild, welches von Alja Rachmanowa tradiert wird, nicht mit dem übereinstimmt, was ich im Nachlass gesehen habe. Es war mir wichtig, die andere Seite der Autorin aufzuzeigen.

Was hat Sie bei ihren Recherchen am meisten erstaunt?

Dinge, die speziell interessieren, sind nicht vorhanden. So fehlen beispielsweise russische Manuskripte ihrer Publikationen. Ich vermute, dass sie durch Alja Rachmanowa und ihren Ehemann systematisch beseitigt wurden. Dies aus Angst, jemand könnte überprüfen wollen, ob die publizierten Tagebücher mit den russischen Originalen übereinstimmen.

Wie bekannt ist Alja Rachmanowa in Russland?

Bis vor kurzem war sie gar nicht bekannt. Nun fängt man langsam an, sich für sie zu interessieren. Das Nachwort meiner Übersetzung wurde in einer erweiterten Fassung ins Russische übersetzt.

Wie stand Alja Rachmanowa zu Österreich nach ihrer Flucht?

Das war ein gespanntes Verhältnis. Auf der einen Seite stand die Sehnsucht nach den erfolgreichen Jahren in Salzburg – finanziell wie auch gesellschaftlich. Auf der anderen Seite waren die Scheu und das Meiden. Nicht einmal für die Bestattung ihres Sohnes kehrte sie zurück. Dennoch war der Kontakt nie abgebrochen. Immer wieder kam Besuch aus Österreich und sie schrieb Briefe an Bekannte. Anfangs hatte sie auch eine Hilfsorganisation aufgezogen und Lebensmittelpakete nach Salzburg geschickt.

Kann es sein, dass ihr Mann beim Übersetzen die Bücher verfälscht hat?

Alja Rachmanowas Ehemann hat getreu das übersetzt, was sie ihm vorgelegt hat. Das ist auch belegbar. Beim Buch «Jurka. Tagebuch einer Mutter» sind die russischen Originale noch vorhanden.

Welchen Wert hat Alja Rachmanowas literarischer Nachlass nun noch?

Das Publikum von damals hat die Publikationen als authentisch wahrgenommen, was sie aber nicht sind. Alja Rachmanowa hat es verstanden die Tagebücher so zu bearbeiten, dass sie wie Romane wirken. Ansonsten bleiben noch andere Tagebücher oder auch der Briefwechsel mit ihren Eltern aus den 20er-Jahren. Die Aufarbeitung wird aber viel Zeit beanspruchen.