Mindern Windräder den Wert von Einfamilienhäusern? Studie kann dies nicht bestätigen - aber auch nicht gänzlich widerlegen

Eine umfangreiche Studie beleuchtet die Auswirkung von Windparks auf den Preis von Einfamilienhäusern. Auftraggeber sind der Kanton Thurgau und das Bundesamt für Energie.

Sebastian Keller
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Wie wirken sich Windräder auf Preise von Einfamilienhäuser aus? Modell eines Energiedorfes in der Swiss Future Farm.

Wie wirken sich Windräder auf Preise von Einfamilienhäuser aus? Modell eines Energiedorfes in der Swiss Future Farm.

(Bild: Donato Caspari)
  • Die Windenergie steht im Thurgau im Gegenwind. Zur Richtplanänderung gingen 1500 Eingaben ein - vornehmlich kritische. 
  • Eine Befürchtung ist, dass Anwohner einen Wertverlust ihrer Liegenschaft gewärtigen müssen. 
  • Um diese Befürchtung abzuklären, hat der Kanton Thurgau eine Studie in Auftrag gegeben. Auch der Bund ist an der Untersuchung interessiert, er ist als zweiter Auftraggeber dazugestossen. Die Kosten belaufen sich auf total 40'000 Franken. 
  • Die Studienautoren von Wüest Partner AG kommen zum Schluss: «Die Untersuchung der Preiswirkung liefert keine eindeutigen und statische verlässlichen Ergebnisse.» Ein Problem: Die Stichprobe ist zu gering. 

Eigentümer befürchten, dass Windturbinen in der Nachbarschaft den Wert ihres Hauses mindern. Ob etwas dran ist, wollten der Kanton Thurgau und das Bundesamt für Energie wissen. Sie haben beim Beratungsunternehmen Wüest Partner AG eine Studie bestellt. Der 30-seitige Schlussbericht wurde nun - ohne grossen Trommelwirbel – im Internet veröffentlicht.

Die Datenbasis bildeten 65383 verortete Transaktionen von Häusern in den Jahren 2000 bis 2018. Zur Untersuchung der Preiswirkung dienten 216 Windenergieanlagen – wovon erst 37 in Betrieb waren. Der maximale Radius betrug zehn Kilometer; Untersuchungsgebiet war die ganze Schweiz.

Die nun vorliegende Studie ist die erste ihrer Art in der Schweiz. Im Ausland wurde bereits ähnliche Forschung betrieben. Diese wird in der Studie von Wüest Partner zitiert. Internationale Untersuchungen würden die Befürchtung der negativen Auswirkungen weitgehend widerlegen, heisst es. Doch dürfe man den Befund nicht einfach auf die Schweiz übertragen.

Die Sache ist nicht so einfach

Eine eindeutige Antwort ist in der nun vorliegen Studie nicht zu finden. So heisst es zwar: «Die Analysen liefern keine hinreichende empirische Evidenz für den Einfluss von Windenergieanlagen auf die Preise von Einfamilienhäusern.» Doch lasse sich im Umkehrschluss auch nicht sagen, «dass es keine Preiswirkung gibt».

Daher halten Studienautoren fest: Eine Abschätzung der Preiswirkung durch Windenergieanlagen sei mit den aktuell zur Verfügung stehenden Datengrundlagen nicht sinnvoll. Oder anders gesagt: Es gibt zu wenig Windräder, um deren Wirkung auf den Hauspreis nachzuweisen.

Im Bericht findet sich eine Schlussfolgerung der Auftraggeber. Bund und Kanton Thurgau gehen davon aus, «dass sich aufgrund des heutigen Kenntnisstandes wissenschaftlich keine deutlichen Wertminderungen bei Immobilien in Windparknähe feststellen lassen». Thomas Volken ergänzt:

«Wenn es deutliche Wertminderungen geben würde, hätte sich das in der Studie zeigen müssen.»

Er ist Fachspezialist Windenergie bei der kantonalen Abteilung Energie. Aus seiner Sicht ist damit widerlegt, «dass Windenergieanlagen zu 40-prozentigen Wertminderungen führen». Diese Befürchtung werde bei der Windenergie immer wieder geäussert. «Deshalb haben wir die Studie in Auftrag gegeben», sagt Volken. Sie schlägt mit 40'000 Franken zu Buche; Kanton und Bund zahlen je die Hälfte.

Kommissionsbericht sollte im Januar folgen

Die Windenergie ist unter Beschuss. 1500 Eingaben gingen während der Auflage der Richtplanänderung beim Kanton ein. Gratulationskarten fanden sich nur wenige darunter. Die Regierung will für sechs Windenergiegebiete die raumplanerischen Voraussetzungen schaffen. Wegen des Atomausstiegs müssen alternative Energiequellen gefunden werden. Die Windenergie könnte 10 bis 15 Prozent des Thurgauer Strombedarfs decken.

Armin Eugster (CVP, Bürglen), Präsident der grossrätlichen Raumplanungskommission.

Armin Eugster (CVP, Bürglen), Präsident der grossrätlichen Raumplanungskommission.

(Bild: Donato Caspari)

Im Juli schickte die Regierung die Windenergie-Botschaft ans Parlament. Seither berät die Raumplanungskommission die Vorlage. «Ein intensives Geschäft», sagt Präsident Armin Eugster (CVP, Bürglen). Man habe sich einen zusätzlichen Tag für die Beratung genommen. Experten angehört, auch kritische Stimmen. Auch eine Reise nach Süddeutschland stand auf dem Programm.

«Wir haben uns zwei Windparks angeschaut», sagt der CVP-Kantonsrat. Einer im Raum Pfullendorf und einer in Tengen. «Diese Gegenden sind mit dem Thurgau vergleichbar.» Die Preisstudie sei «nicht Teil der Kommissionsarbeit». Eugster rechnet damit, dass er den Kommissionsbericht im Januar abschliessen kann. Damit wäre eine grossrätliche Beratung im Februar oder März möglich.

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