«Meine Tochter haben sie einfach mitgenommen, er läuft immer noch frei herum»: Eine Thurgauerin will den Ex-Freund ihrer Tochter endlich hinter Gittern sehen

Das Bezirksgericht Kreuzlingen verhandelte einen Fall eines Mannes, dem insgesamt 25 Delikte zur Last gelegt werden. Der vorsitzende Richter, Thomas Pleuler gibt Auskunft darüber, weshalb der Prozess so lange dauert.

Rahel Haag
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Zelle in einem Schweizer Gefängnis.

Zelle in einem Schweizer Gefängnis.

Bild: Benjamin Manser (Niederteufen, 15. Juni 2016)

Sie versteht die Welt nicht mehr. «Ich will wissen, warum er immer noch frei herumläuft», sagt Barbara*, Mitte Fünfzig. Sie spricht vom heute 35-jährigen Fabian*, dem Ex-Freund ihrer Tochter Melanie*. Vor gut zwei Jahren geriet deren Leben – und damit jenes von Barbara – aus den Fugen. Ihre drogenabhängige Tochter kam ins Gefängnis. Fabian auf der anderen Seite ist bis heute auf freiem Fuss.

Mitte November hätte er sich vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen verantworten müssen, doch er blieb der Verhandlung unentschuldigt fern (unsere Zeitung berichtete). Insgesamt werden ihm 25 Delikte zur Last gelegt. Darunter Gehilfenschaft zu Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Drohung, eventualvorsätzliche schwere Körperverletzung und mehrfacher Hausfriedensbruch.

Weil Fabian nicht vor Gericht erschienen ist, wurde die Verhandlung verschoben. Der Vorsitzende Richter hatte damals gesagt, dass es wertvoll wäre, wenn der Angeklagte an der Verhandlung teilnehmen würde. Barbara hatte lange auf diese Verhandlung gewartet. «Warum bekommt er jetzt nochmals eine Chance?»

Der Vorsitzende Richter Thomas Pleuler.

Der Vorsitzende Richter Thomas Pleuler.

Die Bearbeitung des Falls hat sich verzögert

Vorsitzender Richter gibt Antworten zur Verzögerung

Der Vorsitzende Richter in diesem Fall ist Thomas Pleuler. «Den Angeklagten Mitte November in Abwesenheit zu verurteilen, war keine Option», sagt er. Das Gericht sei gesetzlich verpflichtet, den Angeklagten nochmals vorzuladen, wenn er nicht erscheint. Erst wenn er auch dem zweiten Termin unentschuldigt fernbleibe, komme es zu einer Verhandlung in Abwesenheit. «Für einen Richter ist es immer besser, wenn ein Angeklagter zur Verhandlung erscheint», sagt Pleuler. Auf diese Weise könne man sich von der Person ein besseres Bild machen, was etwa für die Strafzumessung wichtig sei. In diesem Fall liegen einige der begangenen Delikte über drei Jahre zurück. «Grundsätzlich wird versucht, sämtliche Delikte gemeinsam zu verhandeln und zu beurteilen», sagt Pleuler.

Kämen in der Phase der Ermittlungen neue Delikte zur Anzeige, verzögere sich der Ablauf. Das sei hier so gewesen. Zudem sei der Fall dem Bezirksgericht Kreuzlingen überwiesen worden, während dieses mit dem Fall Kümmertshausen beschäftigt gewesen sei. Die Verhandlung im aufwendigsten Strafprozess in der Geschichte des Thurgaus dauerte über ein Jahr. Die Urteile wurden im März 2018 gefällt. Die Leitung dieses Strafprozesses hatte Pleuler inne. «Damals hatten wir am Gericht aufgrund der aussergewöhnlichen Belastung mehr pendente Fälle als üblich», sagt er. Auch deshalb habe sich die Verhandlung einzelner Fälle verzögert. Dass eine Person ohne Gerichtsverhandlung ins Gefängnis muss, kommt nur vor, wenn sie per Strafbefehl verurteilt worden ist. Hierbei handelt es sich um ein Urteil der Staatsanwaltschaft, gegen den innert einer Frist von zehn Tagen schriftlich Einsprache erhoben werden kann. «Wenn man diese Frist verstreichen lässt, wird das Urteil vollstreckt», sagt Pleuler. Ein Verfahren kann nur dann mittels Strafbefehl erledigt werden, wenn eine Freiheitsstrafe von maximal sechs Monaten ausgesprochen wurde. (rha)

Im Fall ihrer Tochter habe es keine Gerichtsverhandlung gegeben. Barbara sagt:

«Sie wurde einfach abgeholt»

Melanie ist im Frühling 2017 per Strafbefehl verurteilt worden.

«Im Keller liessen sie Drogendealer wohnen»

Barbara sitzt am Tisch, vor sich eine Tasse Kaffee. Sie wirkt gefasst. Während sie ihre Geschichte erzählt, entstehen immer wieder Pausen. Dann starrt sie ins Leere. Melanie und Fabian kannten sich von früher, aus der Schulzeit. «Vor rund fünf Jahren kamen sie wieder in Kontakt.» Wie und warum weiss Barbara nicht. Damals habe die Tochter gekifft, mit Fabian habe sie dann angefangen, Heroin zu konsumieren.

Die beiden hätten damals in einem Haus gelebt. Es gehört Barbara. «Im Keller liessen sie Drogendealer wohnen», sagt Barbara. Diese bunkerten in der Waschküche ihr Heroin, das sie anschliessend verkauften. Auch Fabian habe die Drogen verkauft. Dieser Vorwurf findet sich auch in der Anklageschrift.

Von Mitte Juli bis Ende September 2016 sowie von Ende Oktober bis Ende November 2016 soll Fabian einem Drogenhändler ein Zimmer im Haus vermietet haben. Zwischen Mitte September und Ende November soll er diesem zudem 65 bis 75 Gramm Heroingemisch abgekauft und einen Teil davon weiterverkauft haben.

An einem Morgen im Frühling 2017 habe die Polizei das Haus schliesslich gestürmt und Melanie mitgenommen, erzählt Barbara. Sie ist überzeugt:

«Eigentlich wollten sie ihn.»

Doch Fabian sei über den Balkon geflüchtet.

Mitte Juli 2017 schlug er Melanie krankenhausreif

Mehrmals habe Fabian Melanie und auch Barbara bedroht. Der Tochter habe er Bilder von Waffen geschickt. «Zu mir hat er gesagt, dass er einen Schlägertrupp bei mir vorbeischicken wird», sagt Barbara. Auch diese Anschuldigungen sind in der Anklageschrift vermerkt. Die Vorfälle sollen sich im Mai 2017 ereignet haben. Bei den Drohungen sei es aber nicht geblieben. «Einmal hat er Melanie krankenhausreif geschlagen», sagt Barbara.

In der Anklageschrift heisst es hierzu, dass es Mitte Juli 2017 zu einem Streit zwischen Fabian und Melanie gekommen sei. In der Folge habe er sie mit der Faust ins Gesicht geschlagen, sie habe danach notfallärztlich im Spital versorgt werden müssen. Die Staatsanwaltschaft wirft Fabian in dieser Sache eventualvorsätzliche versuchte schwere Körperverletzung vor.

Nur sieben Tage Untersuchungshaft

Anschliessend war Fabian gemäss Anklageschrift sieben Tage in U-Haft. «Er wurde am selben Tag entlassen wie meine Tochter aus dem Krankenhaus.» Barbara schüttelt den Kopf. Melanie habe sich aus Angst vor ihm nicht mehr nach Hause getraut. «Immer wieder tauchte er auf.» Zuvor sei Fabian mehrmals in das Haus, in dem Melanie wohnte, eingedrungen. Unter anderem im Juni 2016, wie es in der Anklageschrift heisst.

Damals soll er – als Melanie nicht zu Hause war – die Terrassentür aufgedrückt und im Wohnzimmer Heroin geraucht haben. Nachdem er Melanie in einer SMS geschrieben hatte, dass er im Haus sei, habe sie die Polizei gerufen, welche ihn zur Befragung auf den Polizeiposten mitnahm, heisst es weiter.

Nach der Befragung sei er nochmals ins Haus eingedrungen. Auch dies ist der Anklageschrift zu entnehmen.

«Wir mussten die Balkontür schliesslich mit Holzbalken verbarrikadieren.»

In zwei psychiatrischen Kliniken Hausverbot

Seit August ist Melanie in einer Psychiatrischen Klinik, sagt Barbara. Doch auch hier habe sie keine Ruhe vor Fabian. Er sei selber mehrmals eingewiesen worden und immer auf dieselbe Station wie ihre Tochter gekommen. «Dann ging der Terror von vorne los», erzählt Barbara. Unterdessen habe er in zwei Kliniken Hausverbot. Dies hatte bei der Verhandlung Mitte November auch Fabians Anwalt gesagt.

Melanie versuche derweil, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Doch es sei schwierig. «Wegen ihm hat sie alles verloren.» Melanie selber sagt gemäss Barbara, dass sie mit Fabian abgeschlossen habe. «Sie ist froh, wenn er endlich ins Gefängnis kommt.»

Die Verhandlung gegen Fabian ist nun auf den 14. Januar angesetzt. Die Staatsanwaltschaft fordert für ihn eine zu vollziehende Freiheitsstrafe von 42 Monaten. Bis zum rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

*Namen von der Redaktion geändert

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