Interview

«Mein Ziel ist es, die ganze Bibel durchzulesen»: Sandra Stark, naturverbundene Pistolenheldin aus dem Thurgau, von ihrer privaten Seite

Sie hat den Erfolg im Visier: Sandra Stark gibt nicht nur im Schiessstand alles, sie zimmert auch ihr Traumhaus mit.

Florian Beer
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Sportschützin Sandra Stark im Schiessstand Thurgau in Wil. (Bild: Reto Martin)

Sportschützin Sandra Stark im Schiessstand Thurgau in Wil. (Bild: Reto Martin)

Was hat Sie letzte Woche beschäftigt?

Sandra Stark: Mein Freund und ich bauen gerade unser eigenes Haus. Da ich hauptberuflich Schreinerin bin, habe ich viel mitgearbeitet. Auch mein Freund hat sehr viel mitgeholfen. Er ist Förster und hat sich besonders mit dem holzigen Teil des Hauses, etwa unserer neuen Küche, beschäftigt. Wenn man selbst ein Haus baut, gibt es immer viele Entscheidungen zu treffen. Ende November sollte unser neues Zuhause aber fertig sein und dann wird unser Leben hoffentlich wieder ein bisschen ruhiger.

Haben Sie ein Vorbild?

Meine Eltern haben eine sehr grosse Vorbildfunktion für mich. Sie führen einen Bauernhof und wir waren schon von klein auf viel in der Natur und haben mit den Tieren zu tun gehabt. Die Natur ist es, die mir auch heute sehr viel Kraft gibt. Meine Eltern waren auch immer fleissig, haben vieles selber gemacht und sich immer um uns Kinder gesorgt. Sie haben mich auf meinen Wegen immer unterstützt.

Mit welchem Menschen würden Sie gerne einen Tag lang tauschen?

Ich würde gerne mal für eine Zeit in einer Alphütte leben.

Die Farben, die Pflanzen, das einfache und ruhige Leben, das würde ich gerne mal gegen meinen oftmals hektischen Alltag austauschen.

Die Weite und die wunderbaren Berge faszinieren mich.

Wie kamen Sie als junges Mädchen zum Sportschiessen?

In der Dorfzeitung unseres Wohnortes Wängi hat mein Bruder eines Tages ein Inserat für das Luftpistolenschiessen entdeckt und sich angemeldet. Ich wollte mich auch anmelden, aber meine Eltern meinten, ich solle noch ein Jahr warten. Also habe ich mich das Jahr darauf angemeldet, und seitdem hat es mich gepackt und nicht mehr losgelassen.

Wie oft trainieren Sie pro Woche?

Ich trainiere 18 bis 20 Stunden pro Woche. Das Sportschiessen nimmt dabei nur ungefähr einen Drittel in Anspruch. Die restlichen Stunden verbringe ich mit Krafttraining, Ausdauertraining, Gleichgewichtstraining, Halteruhe und autogenem Training. Genau das ist es auch, was mich am Schiessen fasziniert. Körper und Geist sind gleichermassen gefordert, ich bin fokussiert und konzentriert. Einmal pro Woche trainiere ich auch mit der Schweizer Sportschützin Heidi Diethelm Gerber zusammen, was wirklich eine riesige Bereicherung ist.

Was war Ihr grösster Erfolg?

In den Jahren 2016 und 2019 habe ich die Schweizer Meisterschaften in der Kategorie Luftpistole 10 Meter gewonnen. Solche Erfolge sind besondere Momente in meiner Karriere.

Was war das Letzte, das Sie im Internet bestellt haben?

Ich habe für meinen Göttibueb einen Schrittzähler zu seinem Geburtstag bestellt. Beruflich bestelle ich jeden Tag Online, privat eigentlich fast nie.

Wenn Sie sich jetzt an einen anderen Ort wünschen könnten, wo würden Sie sich hin wünschen?

Gerade heute Morgen habe ich beim Frühstück in einem Reiseheft geblättert und dabei wunderschöne Bilder von Kanada gesehen. Die Natur ist einfach so schön, ich wäre jetzt gerne dort in einem Nationalpark am Wandern. Vielleicht würde ich aber auch wieder nach Island, dort war ich vor fünf Jahren mit meinem Freund. An der Natur, diesen ewigen Weiten, dem unterschiedlichem Gestein und der Pflanzenvielfalt kann ich mich nie sattsehen.

Was würde ihre Mutter über Sie sagen?

Da müssen Sie meine Mutter anrufen. (lacht)

Ich glaube, meine Mutter würde mich als sehr pflichtbewusst und ehrgeizig beschreiben.

Ich bin die jüngste von insgesamt vier Geschwistern und hatte dadurch immer sehr viele Freiheiten.

Was liegt auf Ihrem Nachtisch?

Ich habe immer eine Tube Handcreme auf dem Nachttisch. Da ich sehr viel mit meinen Händen arbeite und meine Hände fürs Schiessen nicht fettig sein dürfen, ist am Abend immer der beste Zeitpunkt um meine Hände zu pflegen. Einen Stift habe ich auch immer zur Hand, da ich meine Gedanken gerne festhalte.

Womit tanken Sie Energie?

Ob joggen, wandern oder radfahren - Hauptsache ich kann draussen in der Natur sein. Am liebsten unternehme ich etwas zusammen mit meinem Freund. Und wenn ich nicht in der Natur unterwegs bin, lese ich gerne ein gutes Buch.

Welche Musik haben Sie zuletzt für sich entdeckt?

Momentan gibt es viele gute Schweizerbands, ich höre gerne Marius Bear, Hecht, Mattiu Defuns, Patent Ochsner.

Am liebsten höre ich Popmusik in Mundart. Ausserdem mag ich die Band Coldplay sehr gerne.

Ich habe ein Konzert von ihnen besucht – das war echt super! Immer wenn ich im Training oder auch bei einem Wettkampf ein Lied von Coldplay höre, beflügelt mich das. Für eine Zeit waren ihre Songs meine Erfolgsmusik – in diesen Momenten lief alles rund.

Haben Sie ein Morgenritual?

Jeden Morgen trinke ich ein Glas Wasser mit Zitronensaft. Das macht wach und ist gesund. Dann lese ich ein paar Seiten in meiner Bibel, gerade bin ich beim Buch Jesaia. Mein Ziel ist es, die ganze Bibel durchzulesen.

Was halten Sie von den Waffengesetzen in der USA?

Ich halte von diesen überhaupt nicht viel. Hier in der Schweiz muss man einen langen Prozess durchlaufen, bis man eine eigene Waffe besitzen kann und das trägt natürlich zur Sicherheit aller bei.

Was steht als Nächstes auf Ihrer To-do-Liste?

Auf jeden Fall der Einzug in unser neues Haus anfangs Dezember. In dieses Projekt haben wir wirklich sehr viel Zeit investiert. Es macht mich besonders stolz, dass wir beim Bau des Hauses so viel selber gemacht haben und auf Dinge geachtet haben, wie etwa wo möglich Schweizer Holz zu verwenden. Ansonsten hat im Oktober wieder die Saison im Sportschiessen angefangen und ich freue mich auf viele spannende Wettkämpfe.

Zur Person

Sandra Stark ist am 16. Dezember 1988 in Frauenfeld geboren und in Wängi aufgewachsen. Sie hat eine Lehre als Schreinerin abgeschlossen und drei Jahre später eine Weiterbildung zur Sachbearbeiterin Planung VSSM im Bürgenstock. Stark arbeitet bei der Bisag Schreinerei mit einem Pensum von 75 Prozent. Ihre Leidenschaft zum Schiesssport hat sie im Jahr 2003 entdeckt. Sandra Stark betreibt den Sport in den Olympischen Pistolen-Disziplinen: Sportpistole 25 Meter (Kleinkaliber) und Luftpistole 10 Meter. Sie hat schon zweimal die Schweizer Meisterschaften gewonnen, im laufenden Jahr sowie 2016. Seit 2017 gehört Stark dem Nationalkader an. Ihr Ziel: die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio im kommenden Jahr. (fbe)