Mehr Medizin gegen Hausärztemangel

Thurgauer Politiker fordern einen beherzteren Einsatz der Regierung für die medizinischen Grundversorger.

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In 40 Prozent der Thurgauer Gemeinden praktiziert kein Hausarzt mehr. Jetzt tritt die Politik auf den Plan.

In 40 Prozent der Thurgauer Gemeinden praktiziert kein Hausarzt mehr. Jetzt tritt die Politik auf den Plan.

Christian Beutler, KEYSTONE

(seb.) Die Diagnose ist bekannt: Der Thurgau krankt am Hausärztemangel. Guido Grütter (FDP, Münchwilen), Stefan Leuthold (GLP, Frauenfeld), Ruth Kern (FDP, Frauenfeld) und Karin Bétrisey (GP, Kesswil) gelangen mit einer Interpellation zu diesem Thema an den Regierungsrat. Den überparteilichen Vorstoss haben 66 Kantonsräte mitunterzeichnet. Die Erstunterzeichner halten fest, dass im Pensionsalter stehende Hausärzte kaum noch Nachfolger finden, die ihre Praxis weiterführen.

Bereits im Jahr 2017 berichtete diese Zeitung: In 40 Prozent der Thurgauer Gemeinden gibt es keinen Hausarzt mehr. Diese Zahl fusste auf einer Umfrage unter allen 80 Thurgauer Gemeinden – in Auftrag gegeben vom Verband Thurgauer Gemeinden.

Die bisherigen Anstrengungen gegen den Mangel werden im Vorstoss auch erwähnt. So etwa das seit 2006 bestehende Praxisassistenzprogramm. Dieses ermöglicht es Assistenzärzten, in einer Hausarztpraxis mitzuarbeiten. Diesen Sommer kam ein neues Hilfsmittel hinzu: Eine Anlaufstelle soll Gemeinden und potenzielle Hausärzte zusammenbringen. Doch das genügt laut den Kantonsräten nicht: «All diese Massnahmen wirken wenig nachhaltig, weil der Ärztemangel dramatisch zunehmen wird.»

Die Anreize, als Hausarzt tätig zu sein, seien ungenügend und die Ansätze dazu würden den Sparanstrengungen im Gesundheitswesen geopfert. Doch gerade in den medizinischen Grundversorgern sehen die Interpellanten «die beste Kostenbremse im Gesundheitswesen.» So würden Haus- und Kinderärzte präventiv wirken. Und dazu beitragen, dass gesundheitliche Probleme gar nicht erst entstehen. Das Problem sei auch, dass Haus- weniger als Fachärzte verdienen.

Die Kantonsräte halten fest, dass in der Ostschweiz seit Jahrzehnten ambulante ärztliche Leistungen deutlich schlechter honoriert werden als im Schweizer Durchschnitt. Im Thurgau belaufe sich der Ansatz auf 83 Rappen, im Jura auf 97 Rappen. Die Kantonsräte fragen die Regierung, was sie unternehme, um diesem Standortnachteil zu begegnen. Weiter erkundigen sie sich, was gemacht werde, um den besorgniserregenden Fachkräftemangel im Medizinbereich zu bekämpfen.

Der Ärztemangel sei auch ein Problem für Heime, sie hätten Mühe, Heimärzte zu finden, so die Kantonsräte. Deshalb werde auf national tätige Firmen ausgewichen. Das Problem: «oft ausländische, schlecht Deutsch sprechende und häufig wechselnde Ärzte». Deshalb fragen die Kantonsräte, was unternommen werde, um die ärztliche Betreuung in Heimen zu verbessern. Eine weitere Frage bezieht sich auf die medizinische Praxisassistentin (MPA). Der MPA könnte unter Fachverantwortung des Arztes mehr Aufgaben delegiert werden. Doch ihre Arbeit könne nur in eng begrenztem Umfang über die obligatorische Krankenpflegeversicherung abgerechnet werden. Sie fragen, was gemacht werde, um diese Unterstützung und Entlastung zu ermöglichen.

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Michael Genova