Mehr Hochwasserschutz, mehr Natur: Für 340 Millionen Franken soll die Thur während 30 Jahren neu gestaltet werden

Der Kanton Thurgau schickt den Entwurf für ein neues Hochwasserschutz- und Revitalisierungskonzept in die Vernehmlassung. Es umfasst die wichtigsten Planungsgrundsätze für neue Projekte, die erst später ausgearbeitet werden. Zwischen den heutigen Dämmen soll der Fluss mehr Freiraum erhalten.

Larissa Flammer
Drucken
Teilen
Wie im Gebiet Schaffäuli in Neunforn könnte die Thur in Zukunft im ganzen Kanton aussehen.

Wie im Gebiet Schaffäuli in Neunforn könnte die Thur in Zukunft im ganzen Kanton aussehen.

Bild: PD

Die Thur definiert den Thurgau. Aber sie gefährdet ihn auch, denn die Harmonie ist trügerisch, sagt Martin Eugster, Chef des kantonalen Amts für Umwelt: Die Hochwasserdämme, die vor rund 150 Jahren errichtet wurden, würden bei einem Jahrhunderthochwasser stellenweise brechen.

«Die Dämme wurden mit Ross und Wagen und gerade vorhandenem Material gebaut.»

Würde dieselbe Regenmenge, die bei einem Unwetter 2005 in der Innerschweiz fiel, über dem Alpstein niedergehen, käme es im Thurgau zu einem Hochwasser der Kategorie Extremereignis, das Schäden von über 570 Millionen Franken bringen würde. Deshalb hat das Amt für Umwelt seit 2011 ein neues Hochwasserschutzkonzept entwickelt, das am Freitag den Medien vorgestellt wurde.

Martin Eugster, Chef Amt für Umwelt, stellt neben Regierungsrätin Carmen Haag und Gesamtprojektleiter Rolf Maag das Konzept «Thur+» vor.

Martin Eugster, Chef Amt für Umwelt, stellt neben Regierungsrätin Carmen Haag und Gesamtprojektleiter Rolf Maag das Konzept «Thur+» vor.

Bild: Reto Martin (28.August 2020)

Das Konzept will neben der Hochwassergefahr noch zwei weitere Probleme lösen. Zum einen kann die Erosion des Flusses heute nur in die Tiefe geschehen, weil das Flussbett zur Seite mit Blocksteinen fixiert ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Thur zum Teil bis 1,4 Meter tiefer gegraben und schwemmt dort Grundwasser mit. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel, was die Wasserversorgung der Bevölkerung, der Landwirtschaft und der Natur gefährdet.

Zum anderen hat die Thurkorrektion von 1979, als der Fluss weitgehend in einen Kanal verwandelt wurde, der ökologischen Vielfalt geschadet. Die harten Uferverbauungen führten zu einem Artenschwund bei Fauna und Flora.

Fluss kann sich selber entfalten

Bis Ende Jahr läuft die Vernehmlassung des nun im Entwurf vorliegenden Konzept «Thur+». Die Umsetzung des Konzepts findet etappenweise über einen Zeitraum von rund 30 Jahren statt. Für jeden Abschnitt wird basierend auf dem vorliegenden Konzept ein konkretes Bauprojekt ausgearbeitet, wobei die einzelnen Baukredite vom Grossen Rat beschlossen werden müssen.

Insgesamt rechnet der Kanton mit Kosten von rund 340 Millionen Franken, wobei sich auch der Bund und die Standortgemeinden beteiligen würden. Für jeden Projektabschnitt wird eine landwirtschaftliche Planung durchgeführt, der Kanton betont den «breiten Mitwirkungsprozess».

Grundsätzlich sieht das Konzept vor, die bestehenden Dämme zu verstärken, sie aber an Ort und Stelle zu lassen. Es gibt drei Ausnahmen, dort wo ein Damm hinter einen Auenwald verschoben wird, damit dieser – wie es vorgesehen wäre – an das Flusssystem angebunden und regelmässig überflutet wird.

Sollzustand mit Damm hinter dem Auenwald.

Sollzustand mit Damm hinter dem Auenwald.

Bild: Screenshot Entwurf «Thur-Konzept

Das Hauptflussbett wird von den Blocksteinen befreit und im Durchschnitt von 50 auf 80 Meter verbreitert. Danach kann sich der Fluss innerhalb der Dämme selber entfalten und auch immer wieder verändern. Würde er aber definierte Beobachtungs- und Interventionslinien erreichen, würde man seinen Verlauf etwas korrigieren, damit zum Beispiel Brücken nicht gefährdet werden.

Ist-Zustand: Binnenkanäle, Damm, Vorland, verbautes Mittelgerinne.

Ist-Zustand: Binnenkanäle, Damm, Vorland, verbautes Mittelgerinne.

Bild: Screenshot Entwurf «Thur+»-Konzept
Soll-Zustand: Die Flussbauerin Thur hat den Raum zwischen den Dämmen umgestaltet.

Soll-Zustand: Die Flussbauerin Thur hat den Raum zwischen den Dämmen umgestaltet.

Bild: Screenshot Entwurf «Thur+»-Konzept

An drei Stellen – beim Haslibecken in Wigoltingen, bei der Allmend in Frauenfeld und beim Raum Horgenbach in Frauenfeld – werden die Dämme etwas tiefer gebaut. Kommt es zu einem Extremereignis, würde das Hochwasser an diesen definierten Stellen die Landschaft überfluten, wo keine Gefahr für Menschen besteht.

Realersatz für betroffene Landwirte

Nach der Konzeptgenehmigung muss zuerst der Gewässerraum ausgeschieden werden. Dabei wird auf Kantons- und Gemeindeebene definiert, wie viel Platz benötigt wird und in welchem Bereich innerhalb der Dämme die Landwirtschaft keine Pflanzenschutz- und Düngemittel anwenden darf.

Martin Eugster.

Martin Eugster.

Bild: Reto Martin

Beim Exerzierplatz Weinfelden und in Bonau, wo es grosse landwirtschaftliche Flächen innerhalb der Dämme gibt, können Speziallösungen gesucht werden, sagt Regierungsrätin Carmen Haag. Dafür habe man vom Bund das Okay erhalten. «Der Kanton ist jetzt bereits dran, Land zu erwerben», sagt Amtschef Eugster. So kann den Landwirten, die allenfalls von einem konkreten Projekt betroffen wären, Realersatz angeboten werden.

Carmen Haag.

Carmen Haag.

Bild: Reto Martin

«Thur+» ist ein grosses Vorhaben für viel Geld, dessen ist sich Umweltdirektorin Haag bewusst:

«Es ist ein Generationenprojekt.»

Die Grundeigentümer und Verbände, denen der Kanton das Konzept in den vergangenen Tagen bereits vorgestellt hat, seien sehr interessiert gewesen, wie Haag berichtet. Die einen fänden es toll, andere gar nicht.

Am 24.September findet von 19.30 bis 22 Uhr im «Thurgauerhof» Weinfelden eine öffentliche Informationsveranstaltung statt. Anmeldung ist Pflicht: umwelt.tg.ch, umwelt.afu@tg.ch, 058'345'51'51

Mehr zum Thema

Im Extremfall steht Weinfelden bis zum Bahndamm unter Wasser

Ein Regen im Alpstein, wie er alle 300 Jahre zu erwarten ist, würde Weinfelden teilweise überfluten. Der Kanton will deshalb den Damm verstärken und dem Fluss mehr Platz geben. Für die Bestimmung des umstrittenen Gewässerraums gibt es wenig Spielraum.
Interview: Thomas Wunderlin