Mehr als nur ein Uronkel: Als ein Glarner über den Thurgau herrschte

Johann Heinrich Streiff amtete von 1768 bis 1770 als Landvogt im Thurgau. Als Textilfabrikant prägte er Frauenfeld ungewollt, aber umso nachhaltiger.

Mathias Frei
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Föteli fürs Familienalbum: Verena Etter-Streiff, Tante 2. Grades von Referent Dominik Schnetzer, Tante Ursula Streiff, Schnetzers Mutter Erika Schnetzer-Streiff, Landvogt Johann Heinrich Streiff auf dem Ölgemälde und Historiker Dominik Schnetzer. (Bild: Reto Martin)

Föteli fürs Familienalbum: Verena Etter-Streiff, Tante 2. Grades von Referent Dominik Schnetzer, Tante Ursula Streiff, Schnetzers Mutter Erika Schnetzer-Streiff, Landvogt Johann Heinrich Streiff auf dem Ölgemälde und Historiker Dominik Schnetzer. (Bild: Reto Martin)

Als ob ein Arzt sich selber operierte: «Das ist Familiengeschichtsforschung.» Neuzeit-Historiker Dominik Schnetzer sagt das. Für Johann Heinrich Streiff wagt er sich aber auf dieses für ihn eher unbekannte Terrain. Denn Streiff, Glarner Landvogt auf Schloss Frauenfeld von 1768 bis 1770, ist entfernter Vorahne von Schnetzer, dem stellvertretenden Direktor des Historischen Museums Thurgau. Konkret ist Streiff sechsfacher Urgrossonkel 4. Grades von Schnetzer. Die Geschichte der eidgenössischen Landvögte im Thurgau ist gleichermassen unerforscht wie die Genealogie der Familie Streiff respektive Schnetzer. So stösst das Museumshäppli zu Landvogt Streiff von Donnerstagmittag auf grosses Interesse, finden sich doch 152 Besucher im Schloss ein. Auch Schnetzers Mutter, Tante und Tante 2. Grades lassen sich den Blick in die eigene Familiengeschichte nicht entgehen. So viele Streiffs wie dieser Tage seien wohl nach 1770 nie mehr auf Schloss Frauenfeld zusammengekommen, mutmasst Dominik Schnetzer.

132 Landvögte sassen auf Schloss Frauenfeld

Von 1534 bis 1798 residierten 132 eidgenössische Landvögte in Frauenfeld, einer davon ist der Glarner Textilfabrikant und Landmajor Johann Heinrich Streiff (1709 – 1780). Die Streiffs gelten im 18. Jahrhundert als Glarner Aufsteigerfamilie. Das zeigt sich daran, dass erst 1740 ein Streiff (Fridolin) Thurgauer Landvogt wird, und nur kurze Zeit später kommt Johann Heinrich Streiff zu diesem Amt. Ungewollt nachhaltiger für den Thurgau wird Johann Heinrich Streiff aber als Textilpatron. Schuld daran ist Bernhard Greuter, der später in Islikon den Greuterhof betreibt.

Nächstes Häppli zu Jenseitsvorstellungen

Immer am letzten Donnerstag im Monat lädt das Historische Museum Thurgau zum Museumshäppli ins Schloss. Lustvoll aufbereitete lokal- bis welthistorische Themen stehen im Zentrum der 30-minütigen Referate, die jeweils um 12.30 Uhr beginnen. Das Häppli vom 28. Februar von Historikerin Iris Hutter trägt den Titel «Eine Stiftung öffnet das Himmelstor». Es geht um mittelalterliche Jenseitsvorstellungen. Das März-Häppli (28. März) bestreitet Historiker Hanspeter Niederhauser: «Grafenburg und Landvogteisitz – Schloss Frauenfeld als Ort von Herrschaft». (ma)

historisches-museum.tg.ch

Streiff übernimmt als 18-Jähriger 1727 den väterlichen Kleinbetrieb und führt ihn innert 13 Jahren zu wirtschaftlicher Blüte. Die erste Glarner Indigo-Druckerei wird zu einem Schweizer Vorzeigebetrieb. Der gute Ruf der Streiff’schen Druckerei hallt bis in den Thurgau nach, wo in Kefikon die Familie Greuter daheim ist. Die Greuter-Söhne arbeiten als Privatlehrer, um ihre verwitwete Mutter zu unterstützen. Weil die Arbeit als Hilfskraft bei Streiff aber besser bezahlt ist als die eines Hauslehrers, heuert der eine Greuter-Sohn, Bernhard, im Glarnerland an. Der 20-jährige Greuter schleicht sich aber bei Streiff auf den Estrich und stiehlt die geheimen Rezepte der Blaudruck-Verfahren. Streiff kommt dahinter, Greuter kann aber fliehen, ins deutsche Allensbach grad hinter Konstanz. Streiff, 1749 zum Glarner Landmajor gewählt, gibt einen Steckbrief für Greuter aus. Dieser habe sich tagelang in einem Kohlebehälter verstecken müssen, weiss Historiker Schnetzer zu berichten.

Streiffs Sohn Fridolin stirbt 19-jährig

Über den Diebstahl wächst Gras, Greuter, mittlerweile 22-jährig, kehrt 1767 nach Kefikon zurück, wo er mit dem Glarner Färbeverfahren selber einen Betrieb aufbaut. Als bekannt wird, dass Streiff ab 1768 die Landvogtei Thurgau übernimmt, verlässt Greuter den Thurgau Richtung Holland, um als Färbergeselle zu arbeiten. Bernhard Greuters Bruder Konrad übernimmt den Kefiker Betrieb, bis Bernhard nach Streiffs Amtszeit 1770 wieder in den Thurgau zurückkehrt. Unter Konrad darbt das Unternehmen. Mit Kapital des Zürchers Hans Caspar Escher kann Bernhard Greuter die Firma wieder auf Vordermann bringen und die Geschäftstätigkeit in Islikon sowie dann in Frauenfeld ausbauen. 1810 beschäftigt Greuter 300 Drucker und Färber, während im ganzen Glarnerland nur 200 Arbeiter mehr in der Textilbranche tätig sind. Streiff derweil sieht seinen Sohn Fähndrich Fridolin als Nachfolger seines Unternehmens vor. Fridolin stirbt aber 19-jährig, und Streiffs Schwiegersöhne zerstreiten sich, was der Firma abträglich ist.

Auch der familiäre Streiff-Zweig stirbt aus. «Ein Trostpflaster ist immerhin, dass das Streiff’sche Blaudruck-Verfahren im Thurgau Wurzeln geschlagen hat und zum industriellen Aufschwung unseres Kantons ein gutes Stück beigetragen hat. Also immerhin ein bisschen Glarus noch im Thurgau», meint Dominik Schnetzer, sechsfacher Urgrossneffe 4. Grades des Johann Heinrich Streiff.

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