Das beliebteste Obst der Schweizer mit dem Bodensee im Hintergrund. (Bild: Reto Martin)

Das beliebteste Obst der Schweizer mit dem Bodensee im Hintergrund. (Bild: Reto Martin)

Mehr als jeder vierte Apfel landet im Müll – Hintergründe und Rezepte, die das heimische Obst vor dem Wegwurf retten

Mehr als jeder vierte Apfel landet im Müll und das, obwohl Foodwaste und Nachhaltigkeit in aller Munde ist. Die Resultate einer englischen Studie, übertragen auf die Schweizer Bevölkerung zeigen, dass hierzulande jährlich über 30'000 Tonnen Äpfel verschwendet werden.

Janine Bollhalder
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«Als primärer Verursacher von Foodwaste sehe ich den Endkonsumenten», sagt Urs Müller, Leiter der Abteilungen Obst, Gemüse und Beeren des Bildungs- und Beratungszentrum (BBZ) Arenenberg. Es seien Verluste, die eigentlich gar nicht passieren sollten, denn:

«Die Branche ist gut organisiert. Grundsätzlich wird kein Apfel weggeworfen.»

Anders aber sieht es bei den Konsumenten aus. Genaue Zahlen zur Verschwendung von Äpfeln gibt es für die Schweiz zwar nicht, aber die Lebensmittelretter von «Too Good To Go» haben für eine Schätzung die Zahlen und Erkenntnisse einer englischen Studie aus dem Jahr 2010 herangezogen.

Das Resultat: Rund 30'000 Tonnen aller eingekaufter Äpfeln werden von den Schweizer Haushalten verfüttert, landen im Abfall oder auf dem Kompost. Aber nicht nur viele Äpfel landen im Müll, Lebensmittelverschwendung ist generell ein grosses Problem. Claudio Beretta, Gründer und Vereinspräsident von foodwaste.ch sagt:

«In der Schweiz gehen 2 bis 3 Millionen Tonnen Lebensmittel zwischen Feld und Teller verloren.»

Datenerhebungen des Bundesamts für Umwelt (BAFU) bestätigen das und gehen davon aus, dass zwei Drittel davon noch verwertbar wären. Claudio Beretta geht davon aus, dass zehn bis 20 Prozent dieser verschwendeten Lebensmittel Früchte sind.» Wichtig: Als Foodwaste werden nur die essbaren Teile gewertet.

Eigentlich ist die Verschwendung von Äpfeln aber eine skurrile Situation, wenn man bedenkt, dass der Apfel die bevorzugte Frucht der Schweizerinnen und Schweizer ist. Durchschnittlich rund 16 Kilogramm isst und 10 Liter Saft trinkt jede Person pro Jahr.

«In der Schweiz herrscht ein perfektes Apfelklima.»

Das sagt Stefan Anderes, Mitglied des Thurgauer Obstverbands und Obstbauer in Egnach. Er baut auf acht Hektaren fünf Sorten Äpfel an. «In einem Hektar der Anlage stecken jährlich bis zu 800 Stunden Arbeit», sagt er. Die ersten Äpfel, wie etwa der «Summer Red», hat er bereits Mitte August geerntet.

Wie andere Obstsorten auch, müssen die Äpfel gewisse Qualitätsansprüche erfüllen, um einen Platz im Ladenregal zu erhalten: «Ein verkaufsfähiger Apfel hat einen Durchmesser von sechs bis neun Zentimetern», erklärt Obstbauer Anderes.

Die Grossverteiler kontrollieren die Lieferungen der Bauern auf das Aussehen der Früchte sowie stichprobenartig auf die Festigkeit des Fruchtfleisches. 100'000 Tonnen der Gesamtproduktion finden dann einen Platz im Verkaufsregal. Neuere Sorten würden den Obstbauern mehr verkaufsfähige Ausbeute bescheren, berichtet Anderes.

«Ein kleiner Teil der Gesamternte wird dann aufgrund von Mängeln deklassiert», sagt er. Die Äpfel mit Schönheitsmakeln können aber in der Industrie noch zu Joghurt, Mus, Saft oder Konfitüre verarbeitet werden. Dennoch entstehen auch in der Industrie bis zu 10'000 Tonnen Verluste.

«Um einen Grossteil der weggeworfenen Äpfel ist es schade, denn sie wären noch verwertbar», sagt Obstbauer Anderes. Er liebt die Frucht:

«Der Apfel ist ein idealer Snack und es gibt dank der vielen Sorten eine grosse geschmackliche Auswahl.»

Das Äpfel Opfer vom Foodwaste werden, verwundert ihn: «Äpfel sind lange und sehr einfach zu lagern – etwa im kühlen Keller oder direkt im Kühlschrank. Und das Obst sei vielseitig verwendbar: als Most oder Mus, als Konfi, Dörrfrucht oder in Gebäck. «Mostabfälle wie der Trester schmecken auch den Kühen», sagt Anderes.

Auch Urs Müller vom BBZ Arenenberg fehlt das Verständnis für den verschwenderischen Umgang mit dem Obst: «Bei der Weiterverwertung des Apfels kann eigentlich nichts schief gehen: Wenn der Most halt nicht schmeckt, kann er zu Essig weiterverarbeitet oder zu Schnaps gebrannt werden.»

Der Thurgau ist ein Apfelkanton. (Bild: Reto Martin)

Der Thurgau ist ein Apfelkanton. (Bild: Reto Martin)

Am Baum hängt das Sparpotenzial

Die geernteten Äpfel werden in speziellen Lagern unter kontrollierter Atmosphäre aufbewahrt, bevor sie nach und nach in die Verkaufsregale gefüllt werden. Das Thurgauer Obst altert über die Atmung, deswegen enthält die Luft in den Aufbewahrungsräumen wenig Sauerstoff, dafür viel Stickstoff.

Jeweils im November sollten von der gesamten verkäuflichen Ernte noch 63'000 Tonnen Äpfel vorrätig sein. Diese Kennzahl zeigt den Detailhändlern, ob zusätzliches Obst importiert werden muss. Aber selbst wenn diese Zahl erzielt worden ist, werden zur landesweiten Produktion bis zu 10'000 Äpfel importiert. «Das wäre gar nicht notwendig», sagt Claudio Beretta.

«Es gibt ein grosses Potenzial an ungeernteten Äpfeln an Bäumen auf öffentlichen sowie privaten Grundstücken.»

Er betont den ökologischen Aspekt: «Wenn wir mehr Äpfel regional ernten würden, müssten wir weniger importieren und könnten dadurch die Umwelt entlasten.»

Giftig und gefeiert – Fakten über Äpfel

Vielfältig: In der Schweiz werden über 100 Apfelsorten angebaut. Die beliebteste Sorte der Schweizer ist aber der süsslich schmeckende «Gala», welcher seinen Ursprung in Neuseeland hat. Auf Platz zwei folgt der «Golden Delicious», der aufgrund seines geringen Säurewertes und seines milden Geschmacks die bevorzugte Apfelsorte von Babynahrungs-Herstellern ist – und die meistangebaute Apfelsorte Europas. Achtung: Für Allergiker eignen sich gekochte Äpfel oder ältere Sorten wie etwa «Santana» - Diese enthalten weniger Apfelallergene.

Giftig: Ein Apfel enthält zehn bis 20 Kerne. Diese enthalten den Stoff Amygdalin, der im Körper zu giftiger Blausäure abgebaut wird. Die Dosis beim Verzehr eines Apfels ist aber zu gering, um schädliche Auswirkungen zu haben. Um eine tödliche Wirkung zu erzielen, müssten 200 Apfelkerne auf einmal gegessen und gründlich zerkaut werden.

Bösewicht: Der Apfel trägt auch die lateinische Bezeichnung «Malus», was als Adjektiv verwendet auch so viel wie «das Böse» bedeutet. Der Apfel spielt passenderweise in vielen Geschichten den Part des Bösewichts: Das Schneewittchen etwa wird durch das Obst vergiftet und Eva und Adam aus dem Paradies verbannt.

Familie: Der Apfel gehört nebst der Birne, der Mandel und der Kirsche zur gleichen botanischen Familie wie die Rose. An diese Verwandtschaft erinnern die leicht duftenden Blüten des Apfelbaums.

Liebesapfel: Im antiken Griechenland gehörte der Apfel zum Heiratsantrag: Wenn ein Mann seiner Geliebten einen Antrag machen wollte, sollte er ihr einen Apfel anbieten. Nimmt sie diesen an, heisst das: ja, ich will.

Vielfältig: Es gibt einen Unterschied zwischen grünen, gelben und roten Äpfeln. Wie wir Menschen basiert die «Hautfarbe» der Äpfel auf ihren Genen. Unreife Äpfel sind aufgrund des Farbstoffs Chlorophyll grün. Wenn sie reifen, bauen einige Sorten das Chlorophyl ab und werden gelb. Diese gelben Sorten enthalten viel Carotin. Aber auch die Sonneneinstrahlung bewirkt eine Farbänderung der Äpfel: Wir Menschen werden braun, die Früchte rot. Doch die meisten Äpfel haben sich nicht für eine der drei Farben entschieden und variieren stellenweise in den Farben.

Herkunft: Der Apfel stammt ursprünglich aus Kasachstan, aus einer Stadt namens Almaty. Übersetzt bedeutet das: Stadt des Apfels.

Gefeiert: Am 20. September diesen Jahres ist wieder der Tag des Apfels. An diesem Tag werden an 30 Standorten in der Schweiz tausende frisch gepflückte Äpfel auf öffentlichen Plätzen und Bahnhöfen Äpfel an die Passanten verteilt.

Drei Liebhaber-Tipps und Rezept-Klassiker. Was kann man aus vorrätigen Äpfeln machen?

Claudio Beretta (Bild: PD)

Claudio Beretta (Bild: PD)

Claudio Beretta, Gründer und Vizepräsident foodwaste.ch: «Aus den vorrätigen Äpfeln mache ich gerne zuckerfreie, lange haltbare Konfitüren oder Mus sowie auch Blechkuchen, Apple Crumble oder gebe sie gerieben ins Müsli.»

Regula Böhi-Zbinden (Bild: PD)

Regula Böhi-Zbinden (Bild: PD)

Regula Böhi-Zbinden, Präsidentin Thurgauer Landfrauen: «Äpfel serviere ich in Schnitzen zu Mittag, mache Mus, belege einen Kuchenteig, raffle sie ins Birchermüesli oder verfüttere sie an die Hühner meiner Nachbarin.»

Melanie Maurer (Bild: Stefan Buesch)

Melanie Maurer (Bild: Stefan Buesch)

Melanie Maurer, Apfelkönigin: «Wenn ich die Äpfel nicht alle frisch essen kann, mache ich Apfelmus – mit viel Zimt. Das kann man problemlos einfrieren. Ich backe auch gerne Maurer’s Apfeltorte.»

(Bild: Susann Basler)

(Bild: Susann Basler)

Rezept Apfelringli: Das Kerngehäuse der fünf süsslichen Äpfel (zum Beispiel Gala) ausstechen und die Früchte in dünne Scheiben schneiden – drei bis fünf Millimeter dick. Apfelringli in ein Bad mit Wasser, dem Saft einer halben Zitrone und einer Prise Salz einlegen und kurz einwirken lassen. Danach auf Gitter abtropfen lassen. Dann auf einem Backblech verteilen und bei 50 Grad Umluft und leicht geöffneter Tür circa sechs Stunden trocknen lassen. (Quelle: Farmticker Juckers Fsrm)

(Bild: GettyImages)

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Rezept Apple Crumble: 70 Gramm Mehl mit 70 Gramm Zucker, 60 Gramm Haferflocken sowie 80 Gramm Butter von Hand zu Krümeln vermischen. 500 Gramm Äpfel (zum Beispiel Pink Lady) entkernen und in grosszügige Würfel schneiden. Die Würfel in eine Form legen und mit dem Saft einer halben Zitrone beträufeln. Krümel darüber verteilen und 25 bis 30 Minuten bei 220 Grad backen. (Quelle: Loumalou-Blog)

(Bild GettyImages)

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Rezept Apfelmus nach Melanie Maurer: Die Äpfel (zum Beispiel Boskoop) schälen und in grobe Stücke schneiden. Diese im Dampfkochtopf oder einer normalen Pfanne weich kochen und dann durchs Passe-Vite drehen oder mit dem Pürierstab bearbeiten. Optional kann Vanille, Zimt oder Zucker hinzugefügt werden. Betty Bossi-Tipp: Für rosarotes Apfelmus ein bis zwei Beutel Hagebuttentee mitkochen. Eingefroren bis zu sechs Monate haltbar.