«Man kann so oder so glücklich werden, muss aber nicht»: Wortkunst in Warth im Kunstmuseum in der Kartause Ittingen

Zwei Autorinnen, zwei Generationen: Andrea Gerster und Tabea Steiner lesen in der Kartause Ittingen. Am Donnerstag folgen Zsuzsanna Gahse und Anna Stern.

Dieter Langhart
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Nach der Leserunde: Andrea Gerster, Tabea Steiner und Moderatorin Cornelia Mechler im Gespräch.

Nach der Leserunde: Andrea Gerster, Tabea Steiner und Moderatorin Cornelia Mechler im Gespräch.

Bild: Dieter Langhart

Welch wunderbarer Ort für eine Lesung mit Thurgauer Autorinnen: der Keller in der Kartause Ittingen. Am Boden ausgebreitet Joseph Kosuths «Verstummte Bibliothek», eine Installation auf Schieferplatten. Seit 21 Jahren liegt hier das Inhaltsverzeichnis des Katalogs der ehemaligen Klosterbibliothek, als vergrössertes Zitat der lateinischen Worte, darüber das ewige Gewölbe.

Auf der altdeutschen Handschrift nun das Hier und Jetzt: ein Tisch, drei Stühle, Mikrofone, Lautsprecher, ihnen gegenüber die Zuhörer in gehörigem Abstand. Sie lauschen gebannt der ersten Autorin, Andrea Gerster aus Freidorf.

Nachdem Alex eine Frau tot fährt, ist nichts mehr, wie es war

Andrea Gerster (*1959) liest aus «Alex und Nelli», einer tragikomischen Geschichte von einem Erfolgsgewöhnten, der alles verliert, selbst seine Freundin, und auf der Strasse landet. Abstieg pur, von ganz oben nach ganz unten. Die Autorin liest den Anfang ihres Romans: Alexander Steiner lässt seinen Jaguar tanzen und grollen – Glücksgefühl pur. Dann fährt er eine Frau tot, nichts ist mehr, wie es war.

Andrea Gerster lässt auch Nelli zu Wort kommen, die den Geliebten später wieder sucht, ebenso seine Mutter. Und schliesst – unüblich bei Lesungen – mit dem letzten Satz des Buchs:

«Man kann so oder so glücklich werden, muss aber nicht.»

Für Moderatorin Cornelia Mechler sind Alex und Nelli schräge Figuren. Das sei in ihren Büchern immer so, sagt Gerster. Und die knappe Sprache in ihren Büchern hänge vielleicht mit ihrem Brotberuf zusammen, dem Journalismus.

Jede Figur soll ihre eigene Sprache haben.

Tabea Steiner (*1981) kam mit «Balg», ihrem Erstlingsroman, 2019 auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises. Schauplatz: ein Dorf. Akteure: zwei junge Eltern mit einem rebellischen Kind. Das Thema: Überforderung. Ihr Plädoyer: Nonkonformität. Steiner erzählt, aus verschiedenen Perspektiven, alles im Präsens, «damit ich ganz nah bei meinen Figuren bin». Eine Zuhörerin fragt, wie es gewesen sei, aus der Sicht eines Buben zu schreiben. «Ich arbeite viel mit Kindern, erinnerte mich an meine Kindheit in Altishausen. Ich will, dass jede Figur ihre eigene Sprache hat.»

Zsuzsanna Gahse: «Der Text soll für sich stehen»

Die kleine Lesereihe «2x2 Texte im Museum» in Ittingen geht in die zweite Runde. Zsuzsanna Gahse (rund 30 Buchveröffentlichungen, zahlreiche Auszeichnungen) liest aus «Schon bald» und «Andererseits»; Anna Stern (3sat-Preis in Klagenfurt 2018) liest aus «Wild wie die Wellen des Meeres».

Wie wählen Sie die Stellen im Buch, aus dem Sie lesen?

Zsuzsanna Gahse.

Zsuzsanna Gahse.

Bild: Dieter Langhart

Zsuzsanna Gahse: Diesmal lese ich aus zwei Büchern. Aus «Schon bald» und aus «Andererseits», den Salzburger Vorlesungen. Beide gehören zusammen, und die Auswahl soll Kostproben bieten.

Anna Stern: Ich beginne am Anfang und lese nur jedes zweite Kapitel, sonst wird es zu kompliziert. Ist das contra-intuitiv?! Nein! Lesen Sie das Buch, dann sehen Sie es.

Wie wichtig sind Erklärungen zu Inhalt, Aufbau, Intention?

Gahse: Wessen Erklärungen? Der Moderation? Die ausgewählten Seiten sollen möglichst für sich sprechen.

Anna Stern.

Anna Stern.

Bild: PD

Stern: Für ein gutes Buch unwichtig: Der Text sollte für sich allein stehen können, den Hörern/Leserinnen alles geben, was für das Verständnis notwendig ist.

Ihr liebster Satz im vorgestellten Buch?

Gahse: Bin froh mit beiden Büchern, bin auch froh, alle schwerwiegenden Sätze gestrichen zu haben. Mit dem Publikum war es jeweils schön. Zudem weiss ich von den Leserinnen und Lesern, dass sie den Wechsel zwischen den erzählerischen und den szenischen Texten mögen.

Stern: Der liebste Satz im eigenen Buch?! Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Do, 25.6., 19 Uhr, Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen