«Man kann im Vorfeld alles perfekt gemacht haben und hat gegen das Virus doch keine Chance»: Thurgauer Obst- und Gemüsebauern fürchten um Erntehelfer

Philipp Engel aus Mammern weiss nicht, ob er Ende April polnische Helfer für die Erdbeerenernte hat. Gastropersonal könnte aushelfen, sagt der Präsidenten der Vereinigung Thurgauischer Beerenpflanzer. Doch es würde ihn wohl im Stich lassen, wenn die Restaurants wieder aufmachen dürfen.

Christof Lampart
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Die Coronakrise erschwert die Einsatzplanung: Philipp Engel in seinem Treibhaus in Herdern.

Die Coronakrise erschwert die Einsatzplanung: Philipp Engel in seinem Treibhaus in Herdern.

Andrea Stalder

Erntehelfern aus den ehemaligen Ostblockstaaten wird derzeit die Durchreise durch die schweizerischen Anrainerstaaten verweigert. Polen können also nicht durch Deutschland, Rumänen nicht durch Österreich in den Thurgau einreisen – auch wenn die Arbeitsbewilligungen vorliegen. Und da es aktuell fast keine Flüge mehr vom Ausland in die Schweiz gibt, fällt diese Anreisemöglichkeit ebenfalls weg.

Erntehelfer wollen nicht nach Polen in Quarantäne

Den Präsidenten der Vereinigung Thurgauischer Beerenpflanzer, Philipp Engel aus Mammern, beunruhigt die Situation zunehmend. Zwar beschäftige er gegenwärtig sieben Polen und sei somit personell gut ausgelastet. Aber wie sich die Situation Ende April präsentieren wird, wenn die Erdbeer-Ernte in den Gewächshäusern im vollen Gang sein sollte, wagt der Beeren-Bauer nicht zu sagen.

«Momentan hilft es uns sicher, dass die Erntehelfer, die bei uns sind, die eigentlich vorgesehenen Ferien nicht beziehen können, da sie bei einer Einreise nach Polen für 14 Tage in die Quarantäne müssten», erklärt Engel. Aber Mitte April sollten eigentlich neue Arbeitskräfte in die Schweiz kommen.

Ob diese kommen können, ist ebenso ungewiss, wie die gesamte Entwicklung der Coronakrise. Zwar habe sich bei ihm von den bisherigen Helfern «noch niemand von sich aus abgemeldet». Doch die Lage bleibe kritisch, sagt der Beeren-Produzent vom Untersee.

Schweizer Aushilfen sind ein Risiko

Immerhin sieht Engel einen Hoffnungsschimmer:

«Wir haben auch schon von Schweizern Angebote erhalten, dass sie bei Bedarf gerne mithelfen würden, da ihr Betrieb momentan geschlossen hat.»

Wie diesbezüglich jedoch die rechtliche Frage aussieht – ob ein Landwirt jemanden beschäftigen darf, der anderswo Kurzarbeitsgeld bezieht, weiss Engel nicht. «Das habe ich noch gar nicht abgeklärt.»

Philipp Engel in der Erdbeerplantage. Er zieht die Stängel mit den Erdbeeren daran raus, damit sie später nicht abknicken.

Philipp Engel in der Erdbeerplantage. Er zieht die Stängel mit den Erdbeeren daran raus, damit sie später nicht abknicken.

Andrea Stalder

Etwas anderes hält ihn noch davon ab, zu stark auf diese Lösung zu setzen: «Was ist, wenn Ende April die Coronabestimmungen durch den Bund gelockert werden und überall die Restaurants wieder aufgehen? Dann könnte es doch sein, dass viele, die temporär bei mir arbeiten, auf einmal wieder zu ihrem Betrieb zurück müssen.» Dann stehe er doch in der Erntezeit ohne Helfer da. Die eigene Machtlosigkeit gegenüber dem Virus setzt Engel zu.

«Gegen Hagel kann man genügend Netze spannen, damit wenig passiert. Hier kann man im Vorfeld alles perfekt gemacht haben – und hat gegen das Virus doch keine Chance.»

Hinzu komme, dass die Krise, sollte sie länger andauern, auch die ganze Lieferkette gefährden könne. «Was ist, wenn die Holländer auf einmal keine Himbeersetzlinge mehr anpflanzen oder liefern können? Dann haben wir im nächsten Jahr keine neuen Pflanzen, denn Himbeeren werden in den Kulturen spätestens nach zwei Jahren ersetzt.»

Gemüseproduzenten: Mehr Angst vor dem Frost

Nicht so kritisch sieht der Präsident der Gemüseproduzenten Thurgau/Schaffhausen, Hans Ott, Basadingen, die gegenwärtige Situation. Diese präsentiert sich jedoch bei ihm und den meisten der rund 200 Mitglieder seiner Vereinigung ähnlich wie bei den Beeren-Produzenten: «Viele Erntehelfer können aktuell nicht zurück und arbeiten durch, sodass wir momentan fast mehr Leute haben, als wir brauchen. Aber Ende April kann das dann schon anders sein.» Ott beobachtet die Entwicklung mit Sorge.

«Aber in Panik verfalle ich deswegen jetzt noch nicht.»

Viel mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm die aktuelle Wetterlage. «Der Frost in den letzten Nächten und die anhaltend kalte Luft dürften schon einiges kaputtgemacht haben. Aber immerhin ist ja die erste Ernte schon eingefahren.» Und die Ernte geht weiter: «Aktuell ernten wir die Salate in den Gewächshäusern, dann den Pak Choi. Und schon bald kommen die Bundzwiebeln dran: das erste Freilandgemüse der Saison.»

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