Integration
«Mama Africa»: Das Kreuzlinger Flüchtlinscafé als Oase der Menschlichkeit

«Agathu» feierte das 25-jährige Bestehen in Kreuzlingen. Es waren Freiwillige, die sich der Notlage der betroffenen Menschen annahmen. Bis heute ist es der Freiwilligenarbeit in der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau zu verdanken, dass Geflüchtete hier Menschlichkeit und Respekt erfahren.

Judith Schuck
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Sie diskutierten über die Bedeutung des Flüchtlingscafés: von links Martin Liechti, stellvertretender Chef Region Ostschweiz; Thomas Niederberger, Stadtpräsident Kreuzlingen; Nassim Mozaffari, ehemaliger Flüchtling und heute Vorstand im Agathu; Annemarie Schelling, Nähatelier; Uwe Moor, Historiker; Karl Kohli, Präsident Agathu.

Sie diskutierten über die Bedeutung des Flüchtlingscafés: von links Martin Liechti, stellvertretender Chef Region Ostschweiz; Thomas Niederberger, Stadtpräsident Kreuzlingen; Nassim Mozaffari, ehemaliger Flüchtling und heute Vorstand im Agathu; Annemarie Schelling, Nähatelier; Uwe Moor, Historiker; Karl Kohli, Präsident Agathu.

Bild: Judith Schuck

Die Arbeitsgruppe für Asylsuchende Thurgau (Agathu) entstand 1995, um sich für einen menschlichen Umgang mit Geflüchteten zu engagieren. Laut einer Weisung des Bundesamtes für Flüchtlinge, wie das heutige Staatssekretariat für Migration damals hiess, sollten Asylsuchende ohne Papiere nicht mehr von Empfangsstellen aufgenommen werden. Dies bedeutete, dass sie auf der Strasse standen.

Es waren die Freiwilligen, die sich der Notlage der betroffenen Menschen annahmen. Bis heute ist es der Freiwilligenarbeit in der Agathu zu verdanken, dass Geflüchtete hier Menschlichkeit und Respekt erfahren. Zudem bietet der Verein zahlreiche Integrationsprojekte an.

Historiker Uwe Moor (links) und Agathu-Präsident Karl Kohli lassen die Vereinsgeschichte Revue passieren.

Historiker Uwe Moor (links) und Agathu-Präsident Karl Kohli lassen die Vereinsgeschichte Revue passieren.

Bilkd: Judith Schuck

Die Geschichte über den Verein arbeiteten die Historiker Uwe Moor und Andreas Thürer in einer Broschüre auf. Darin ist dokumentiert, dass sich die Stadt Kreuzlingen, die seit 1988 eine Empfangsstelle für Asylsuchende beheimatete, viele Jahre nicht für Asylfragen zuständig fühlte. Karl Kohli sagte am Freitagabend bei der Feier im Begegnungszentrum Trösch in Kreuzlingen:

«Die Grundhaltung im Stadtrat war damals, man dürfe nicht zu freundlich mit Flüchtlingen umgehen, sonst kommen noch mehr.»

Seit 2010, dem Jahre des Amtsantritts des Vereinspräsidenten Kohli, treffen sich Stadt, Empfangsstelle und Agathu regelmässig am runden Tisch, was viele Verbesserungen brachte. Thomas Niederberger, Stadtpräsident von Kreuzlingen, sprach beim Podium über die wertvolle Arbeit, die der Verein seit 25 Jahren leistet:

«Was die Asylverfahren betrifft, haben die Mitarbeiter keinen Einfluss, aber was die Menschlichkeit betrifft, sehr viel.»

Nassim Mozaffari kam 2014 über das damalige Empfangs- und Verfahrenszentrum (EVZ) und heutige Bundes­asylzentrum Kreuzlingen ohne Verfahren (BAZoV) in die Schweiz. Heute ist er im Vorstand der Agathu, die ihr Herzstück immer noch im Flüchtlingscafé sieht. Mozaffari beschreibt in seinem Rückblick, wie unerträglich die Warterei während des Verfahrens gewesen sei, ohne etwas tun zu dürfen:

«Wenn man etwas machen wollte, hiess es immer, du darfst das nicht.»

Das EVZ sei 2014 wie ein Gefängnis gewesen. In der «Mama Africa», so nennen die Asylsuchenden das Flüchtlingscafé, hätten sie Beschäftigung und Menschen, die zuhören, gefunden.

2014 erhielt die Agathu den Prix Kreuzlingen. Das BAZoV habe grosse Veränderungen mit sich gebracht, sagte Kohli. Es besuchten weniger und vor allem Menschen mit wenig Hoffnung das Café. Durch Projekte wie das Näh- oder Sprachcafé kämen inzwischen auch immer mehr Migranten ohne Fluchthintergrund in die Agathu.

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