Lokalgeschichte
«Schwer verständlich, wie man zum Andenken eines Brandes tanzen kann»: 1871 war das Gedenkfest kontrovers diskutiert, heuer jährt sich der erste Frauenfelder Stadtbrand zum 250. Mal

Darf man das Ereignis eines Grossbrandes im Rahmen eines Festtags begehen? Ja, befand die Frauenfelder Bürgergemeinde und organisierte 1871 kurzfristig eine Feier zum 100-Jahr-Jubiläum des ersten Frauenfelder Stadtbrandes. Dieses Jahr hätte eine Stadtbrandfest zum 250. Jahrestag der Katastrophe stattfinden sollen. Das Blaulichtfest wurde pandemiebedingt auf 2022 verschoben.

Mathias Frei
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Ölbild der Stadt eines unbekannten Malers kurz nach dem ersten Stadtbrand von 1771: Der östliche Teil ist runtergebrannt.

Ölbild der Stadt eines unbekannten Malers kurz nach dem ersten Stadtbrand von 1771: Der östliche Teil ist runtergebrannt.

Bild: PD/Schweizerisches Landesmuseum, Zürich

Der Rütlischwur ist nicht der erste Frauenfelder Stadtbrand. Die Bundesfeier ist eine Erfindung und wurde erstmals 1891 durchgeführt, um die Jahrhundertwende setzte sich dieses Fest dann allgemein durch. Seit 1994 ist der Schweizer Nationalfeiertag gar offiziell ein arbeitsfreier Tag. Davon weit entfernt ist der Stadtbrand von 1771.

«Beispielhaft für die unregelmässige Pflege einer Erinnerung sind die Gedenkfeiern an die Frauenfelder Stadtbrände.»
Beat Gnädinger, Co-Autor von «Frauenfeld. Geschichte einer Stadt im 19. und 20.Jahrhundert».

Beat Gnädinger, Co-Autor von «Frauenfeld. Geschichte einer Stadt im 19. und 20.Jahrhundert».

Bild: PD

Das schreibt Beat Gnädinger im Kapitel «Verbannung und Erinnerung» in der 1996 beim Huberverlag erschienenen Publikation «Frauenfeld. Geschichte einer Stadt im 19. und 20. Jahrhundert» (Herausgeber: Beat Gnädinger und Gregor Spuhler). Für diesen Sommer war ein Jubiläumsfest zu «250 Jahren erster Frauenfelder Stadtbrand» geplant - Blaulicht-Demonstrationen und Freiluft-Hörspiel in der Altstadt inklusive. Doch pandemiebedingt erfolgte eine Verschiebung auf kommendes Jahr. Geblieben ist der 250. Jahrestag der Brandkatastrophe in der Frauenfelder Altstadt vom 19. Juli 1771. An den ersten Stadtbrand wurde in diesen 250 Jahren bislang erst einmal feierlich gedenkt, nämlich im Jahr 1871 zum «Hundertjährigen». Und damals hatten nicht alle Freude daran.

Ein Todesopfer und 68 zerstörte Liegenschaften

Am Freitagmorgen, 19.Juli, 1771, brach zwischen 6 und 7 Uhr Feuer aus im Haus von Bäcker Adam Müller. Heute ist in besagtem Haus der letzte Altstadt-Beck daheim. Das Feuer griff schnell auf benachbarte Bauten über. Später kam heftiger Wind auf, der die Gluten auf die weiter entfernte Häuserzeile trug. Letztlich brannte der gesamte östliche Teil der heutigen Altstadt grossteils bis auf die Grundmauern nieder. Bei der heutigen Mittelgasse vor der evangelischen Kirche und am Haus zum Adler konnte das Feuer gestoppt werden. Die Löscharbeiten verliefen chaotisch. Die Mittel, um grössere Feuer zu bekämpfen, waren sehr beschränkt. Erst mithilfe von Helfern aus der Region, von Winterthur bis nach Ermatingen, konnte das Feuer gestoppt werden. Am Samstag war es unter Kontrolle, erst am Sonntagmorgen waren alle Brandherde gelöscht. 68 Liegenschaften wurden zerstört, davon 64 Wohnhäuser. Bewohner von 60 Haushalten waren auf einen Schlag obdachlos.

Wie bei Ernst Leisi in der «Geschichte der Stadt Frauenfeld» (Huberverlag, 1946) nachzulesen ist, wurde der Schaden an den Immobilien auf 81'825 Gulden geschätzt. Dazu kamen Schäden an mobilen Gütern in der Höhe von 23'097 Gulden. Wenn das Goldgulden waren, die aus knapp 322 Gramm Gold pro Gulden bestanden, lag der Materialwert dieser knapp 105'000 Gulden aus heutiger Sicht bei etwas über 17 Millionen Franken. Wahrscheinlich lag die Kaufkraft damals aber bei etwa 50 Millionen Franken. Nachdem die Stadt Frauenfeld in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrmals Brandsteuern erhob, um andere Städte nach Grossbränden finanziell zu unterstützen (nachzulesen bei Johann Adam Pupikofer, «Geschichte der Stadt Frauenfeld», 1871), gingen nun für den Wiederaufbau in Frauenfeld Spenden aus der ganzen Eidgenossenschaft und dem Ausland ein. Sogar König Ludwig XV. von Frankreich und Papst Clemens XIV. spendeten. Insgesamt kamen 57'000 Gulden zusammen. (ma)

Ölbild der Stadt eines unbekannten Malers vor dem ersten Stadtbrand von 1771.

Ölbild der Stadt eines unbekannten Malers vor dem ersten Stadtbrand von 1771.

Bild: PD/Schweizerisches Landesmuseum, Zürich

Der damalige Festtag am 19. Juli 1871 - ein Mittwoch - war erst relativ kurzfristig anberaumt worden. Erst zwei Wochen vor Termin gab es einen Programmentwurf von der Verwaltungskommission der Bürgergemeinde zuhanden des Verwaltungsrats der Bürgergemeinde. Dieser strich dann gleich mal das Programm zusammen. Es gab keine Nachstellung der Feuerwehraktivitäten von besagtem Unglücksmorgen 1771. Nur die Sturmglocke wurde kurz geläutet. Wohlweislich hatte der Verwaltungsrat diese Programmanpassung vorgenommen, wie sich später herausstellen sollte. Gnädinger schreibt:

«Diese Erhöhung der Abstraktheit war wohl mit der Absicht verbunden, mehr die Bewältigung der Katastrophe als das Ereignis an sich zu betonen.»

Die Feuerwehrübung blieb zwar im Programm, fand aber am Nachmittag als aktuelle Leistungsschau statt. Abends ab 20.30 Uhr war eine «Italienische Nacht» angesagt. Das heisst: «Tanz und freie Unterhaltung bis zum Schluss», wie dem Programm zu entnehmen war. Der Verwaltungsrat habe, so Gnädinger, zwei grundverschiedene Absichten miteinander vereinbaren wollen: «die Erinnerung an eine Katastrophe und die Freude über das seither Erreichte».

Programm und Menü des Mittags-Festmahls beim 100-Jahr-Jubiläum am 19. Juli 1871.

Programm und Menü des Mittags-Festmahls beim 100-Jahr-Jubiläum am 19. Juli 1871.

Bild: PD/Bürgerarchiv Frauenfeld

Bürgergemeinde spürte Druck, Gedenkfeier zu rechtfertigen

Von «Polemik und Applaus in der Presse» schreibt Gnädinger, promovierter Historiker und seit 2006 Staatsarchivar des Kantons Zürich. Die Durchführung des Gedenktages wurde kontrovers diskutiert, wobei die befürwortenden Stimmen in der Mehrzahl gewesen seien. Kritik rief vor allem die Verknüpfung des Gedenkens an ein derart tragisches Ereignis mit einem rauschenden Volksfest hervor. So war vier Tage nach dem Fest in der «Thurgauer Volkszeitung» zu lesen:

«Schwer verständlich ist, wie man zum Andenken eines Brandes tanzen kann.»

Zur Beschönigung könne man sagen, was man wolle. Aber: «Dieser Anhängsel hätte zur Erhöhung der ernsten Festfeier füglich wegbleiben dürfen.» Die «Thurgauer Zeitung» dagegen lag auf der Linie des Bürgergemeinde-Verwaltungsrats. So hiess es da vier Tage vor dem Fest: «So auffallend es Manchem vorkommen mag, dass ein so tragisches Ereignis Unterlage eines Festes bilden soll, so sehr hat Frauenfeld Ursache, dasselbe auch in freudiger Weise zu feiern.» Im Vorfeld verteidigten ungleich mehr Zeitungsartikel das Fest, als es zu kritisieren. Das könnte die Bürgergemeinde einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt haben, mutmasst Gnädinger. So hätten die Veranstalter mit Einsendungen an verschiedene Zeitungen die Durchführung des Festtags begründet. Wie in der TZ zu lesen war, sei die Hilfe für die brandgeschädigten Frauenfelder damals sehr erfreulich gewesen. Dank Spenden aus allen Teilen der Schweiz und sogar von ausländischen Städten und Klöstern sei die Hälfte des Schadens gedeckt gewesen. Auch in den Reden des evangelischen Pfarrers Johann Jakob Berger und des katholischen Dekans Konrad Kuhn am Festtag lag der Fokus auf der «freundeigenössischen Solidarität», wie Gnädinger festhält.

Grundrissplan der Stadt nach dem zweiten Stadtbrand von 1788. Im östlichen Bereich die nach dem ersten Stadtbrand neu aufgebauten und vor allem an der Aussenseite der Stadt grosszügiger Bauten, im westlichen Teil die nummerierten Bauten, die dem zweiten Brand zum Opfer fielen.

Grundrissplan der Stadt nach dem zweiten Stadtbrand von 1788. Im östlichen Bereich die nach dem ersten Stadtbrand neu aufgebauten und vor allem an der Aussenseite der Stadt grosszügiger Bauten, im westlichen Teil die nummerierten Bauten, die dem zweiten Brand zum Opfer fielen.

Bild: PD/Staatsarchiv Zürich
Johann Adam Pupikofer (1797 bis 1882).

Johann Adam Pupikofer (1797 bis 1882).

Bild: PD/Staatsarchiv Thurgau

Im Hinblick auf das 100-Jahr-Jubiläum des ersten Frauenfelder Stadtbrandes hatte der Historiker und damalige Staatsarchivar Johann Adam Pupikofer eine «Geschichte der Stadt Frauenfeld» verfasst, wie Gnädinger/Spuhler bei Huber verlegt. Wie Gnädinger weiss, stand dieses Buch nie im «Kreuzfeuer der Kritik». In der TZ war damals von einem «Denkmal» für die Stadt zu lesen, das «die laute Tagesfeier überdauern wird».

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