Literatur mit mittlerer Störungsintensität: Damit fasziniert die Zürcher Schriftstellerin Simone Lappert in Frauenfeld

Entschädigung fürs abgesagte Frauenfelder Bücherfest: ein dichter Abend mit Literatin Simone Lappert und Musikerin Martina Berther. 75 Zuschauer kamen dafür am Dienstag in die Kanti.

Mathias Frei
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Simone Lappert nach der Lesung beim Signieren.

Simone Lappert nach der Lesung beim Signieren.

(Bild: Mathias Frei)

Ganz nah am Bühnenrand, weniger als einen Schritt bis zum Abgrund. Da steht sie, Simone Lappert, Schriftstellerin. Sie rezitiert frei aus «Der Sprung», ihrem zweiten Roman.

«Eigentlich springt sie nicht, sie macht einen Schritt ins Leere, setzt den Fuss in die Luft […].»

Lappert springt nicht. Sie steht da, die Augen geschlossen, spricht präzise, konzentriert, scheinbar ohne zu atmen. 75 Augenpaare sind auf sie gerichtet in der Kantiaula. Lapperts Programm am Dienstagabend mit Musikerin Martina Berther (solo als Frida Stroom, im Duo als Ester Poly sowie Bassistin bei Sophie Hunger) markiert das Ende von «Frauenfeld liest ein Buch», eben mit «Der Sprung». Derweil das Frauenfelder Bücherfest gar nicht stattfinden konnte, pandemiebedingt.

Es ist ein dichter Abend im Dämmerlicht. Lappert sagt, sie sei «gut aufgeregt». Diese positive Spannung merkt man ihr nicht an. Sie scheint sich wohl zu fühlen, erklärt viel zu ihren Figuren. Zehn an der Zahl sind es – und dazu Manu, die Störgärtnerin/Biologin, die auf dem Hausdach steht. «Ich will Manu nicht die Deutungshoheit geben.» Das sagt Lappert. Manu entsteht aus der Interaktion mit den zehn Figuren. Lappert wiederum kommt in Verbindung mit Berther, die einen bemerkenswerten Soundtrack liefert mit Bass und Effekten, mal dumpf flirrend wie an einem Hitzetag, mal hell und verspielt.

Lappert ist eine grossartige Beobachterin. Aber sie müsse auch recherchieren für den Text. Von einem Biologen hat sie von der Hypothese der mittleren Störungsintensität erfahren. Das heisst: Die Natur kann ihr Potenzial mit ein wenig Störung am besten ausschöpfen.

«Man ist nicht gefeit vor Kontrollverlust.»

Das sagt Lappert zur Extremsituation mit der Frau auf dem Dach. Beim Signieren der Bücher nach der Lesung lacht sie viel. Danach geht’s weiter mit der Reisegruppe ihrer Figuren.