Glosse
Mit Liebe gegen Diktatur vorgehen. Oder: Wieso man in Frauenfeld Polterabende schnell mal mit einer Coronaleugner-Demo verwechselt

Murgspritzer: TZ-Redaktor Mathias Frei war vergangenen Samstag irritiert. Denn die Zeit der Junggesellenabschiede hat wieder angefangen. Und zugleich verirrten sich ein paar verwirrte Demonstranten in der Altstadt.

Mathias Frei
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Polizeiaufgebot an einer unbewilligten Demonstration von Coronaleugnern in Aarau am 8.Mai 2021.

Polizeiaufgebot an einer unbewilligten Demonstration von Coronaleugnern in Aarau am 8.Mai 2021.

Bild: Raphael Huenerfauth / www.huenerfauth.ch

Polterabende sind ein gangbares Instrument für die Psychohygiene. Vor allem, wenn man nicht Teil eines solchen frivol-debilen Saubannerzugs ist, sondern einer Peepshow gleich aussen vor. Einfach mal ein wenig voyeuristisch fremdschämen. Das kann so befreiend wirken. Vergangenen Samstag war offenbar Saisonstart in Frauenfeld. Die Zeit der Polterabende. Junge Purschten aus Friltschen, Lippoldswilen oder Hohentannen, welche die Chlöpf-di-weg-Party schon vor «20Minuten» kannten, nehmen das Postauto in die grosse Stadt.

Mathias Frei.

Mathias Frei.

Bild: Andrea Stalder

Die Schüga-Spezli im Anschlag. Der bedauernswerte Zukünftige schleppt zusätzlich zwei Magnumflaschen Appenzeller (vier Liter) mit, inklusive Abfüllhalterung. Da sitzt man also am Samstagnachmittag bei ein paar doppelten Espressi in einem Strassencafé hinter dem Regierungsgebäude, als eine Polteri-Gruppe die Vorstadt hinaufflaniert. Für einen Fünfliber singt der Ärmste «Ewigi Liebi», dass man aufstossen muss. Noch ein Getränkli exen. Schon geht’s weiter. Doch die nächste glatte Runde ist nicht weit. Da sind sogar Frauen dabei. Voll emanzipiert, denkt man sich – bis man das Plakat «Achtung Diktatur» erkennen kann. Da fehlt ein Komma – und ganz viel Bildung. Und Angst vor Impfzwang haben sie auch. Man fragt sich, was dieser pseudofolkloristische Aufzug soll. Und dass denen vielleicht mal ein paar Appenzeller guttäten. Damit sie auf nicht so dumme Ideen kommen. Und dann ab zur Hochzeit.