Lichtblick am Frauenfelder Finanzhimmel verschwindet wegen der Coronakrise wieder in der Dunkelheit

Die Rechnung 2019 der Stadt Frauenfeld schliesst mit einem satten Gewinn ab, primär dank den Werkbetrieben. Mit dem Plus der Stadtverwaltung will die Stadt Löcher der Coronakrise stopfen.

Samuel Koch
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Mit genügend Sicherheitsabstand informieren Stadtpräsident Anders Stokholm und Finanzchef Reto Angehrn für einmal im Grossen Bürgersaal über die Finanzen.

Mit genügend Sicherheitsabstand informieren Stadtpräsident Anders Stokholm und Finanzchef Reto Angehrn für einmal im Grossen Bürgersaal über die Finanzen.

(Bild: Mathias Frei)

Wo die Sonne scheint, da gibt es auch Schatten. Bei der Präsentation der Rechnung 2019 vom Donnerstagvormittag im Rathaus betont Frauenfelds Stadtpräsident Anders Stokholm jedoch, dass die Sonne den Schatten in der Zeitachse für einmal nicht zurückwirft, sondern wegen der Coronakrise nach vorne. Ansonsten resümiert er: «Die Rechnungen sind über alle drei Betriebe sehr positiv.»

Stadtverwaltung, Werkbetriebe und Alterszentrum Park schliessen bei einem Gesamtumsatz von rund 170 Millionen Franken mit einem Überschuss von über 10 Millionen Franken ab und damit knapp 8 Millionen Franken besser als budgetiert. Bei der Stadtverwaltung alleine liegt der Gewinn bei 1,26 Millionen Franken. Prognostiziert war lediglich ein Plus von rund 530'000 Franken.

Die Zahlen der aktuellen Finanzlage der Stadt Frauenfeld auf einen Blick.

Die Zahlen der aktuellen Finanzlage der Stadt Frauenfeld auf einen Blick.

(Bild: PD)

Stadtpräsident und Finanzchef wohnen nicht in Entenhausen

Im Februar kam beim Stadtpräsidenten zunächst Freude auf, denn die jahrelange Zeit mit dem Schreckensgespenst namens strukturelles Defizit schien sich dem Ende zu neigen. «Das Licht am Ende des Tunnels war langsam sichtbar», sagt Stokholm. Mittlerweile sei das Licht im Lokführerstand aber wieder verschwunden. «Man sieht nichts mehr.»

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld.

Anders Stokholm, Stadtpräsident Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Trotz bevorstehender Hürden löst der Blick auf die nackten Zahlen das Gefühl aus, Stokholm und Finanzchef Reto Angehrn seien Dagobert Ducks.

«Wir haben aber definitiv keine solchen Tresore.»

Bilanzüberschuss, Nettovermögen und Eigenkapital steigen. Mit den 2,9 Millionen Franken aus dem verzögerten Landverkauf Twerenbold stünde die Stadt finanziell gar noch besser da.

Ebenso mit der ursprünglich vom Stadtrat budgetierten Steuererhöhung von 60 auf 62 Prozent, die der Gemeinderat an der Budgetdebatte kurz vor Weihnachten 2019 jedoch in der Murg versenkte. «Der Antrag von damals basierte auf den Kennzahlen von damals», sagt Stokholm dazu nur.

Werke mit fast neun Millionen Gewinn

Ein finanziell formidables Geschäftsjahr haben die Werkbetriebe Frauenfeld (WBF) hinter sich. Bei einem Umsatz von 62,2 Millionen Franken – leicht höher als in der Rechnung 2018 – haben die WBF einen Überschuss von 8,7 Millionen Franken erwirtschaftet. Budgetiert gewesen waren 2,5 Millionen. Im Rechnungsjahr 2018 betrug der Überschuss 7,2 Millionen. Der Stadtrat schlägt dem Gemeinderat eine Gewinnverwendung vor, wie sie schon in den Vorjahren erfolgt ist, nämlich als Rabatte an die Endverbraucher. So sollen für das zweite Halbjahr 2020 auf den Gaspreis 1,5 Millionen rückvergütet werden sowie auf den Strompreis 500'000 Franken. Die Nettoinvestitionen belaufen sich auf 4,08 Millionen – knapp 2,2 Millionen weniger als budgetiert. Weil weniger investiert und so weniger abgeschrieben werden musste, liegt der Selbstfinanzierungsgrad bei fast 250 Prozent. Das Eigenkapital der WBF ist per Ende 2019 auf 59,7 Millionen Franken angewachsen. Die Ausgaben für den Netzbau und Unterhalt sind geringer ausgefallen, während in allen vier Geschäftsbereichen die Erträge über Budget liegen. Der Bereich Elektrizität schliesst mit einem Plus in Höhe von 3,42 Millionen ab, also 2,64 Millionen besser als budgetiert. Der Stromabsatz liegt mit 165,5 Gigawattstunden im Vorjahresbereich. Noch positiver sieht es beim Gaswerk aus, wo man mit einem Gewinn von 4,09 Millionen über 2,8 Millionen über dem Voranschlag liegt. Der Gasverkauf liegt mit 472,6 GWh 20 GWh über dem 2018er-Wert. Bei 2,32 Millionen Kubik Wasserverbrauch resultiert ein Gewinn von 1,13 Millionen oder 626'000 Franken über Budget. In der Fernwärme konnten 4,6 GWh abgesetzt werden, was statt eines Rückschlags einen Gewinn über 20'000 Franken ergibt. (ma)

Haushaltsgleichgewichtsprojekt Balance trägt langsam Früchte

Zum Resultat bei der Stadtverwaltung haben Fiskalerträge (+414000 Franken) und Liegenschaftserträge (+519000 Franken) für einmal nicht besonders beigetragen, wie Reto Angehrn ausführt. Grosse Würfe, wie er ergänzt, gibt es nicht bei den Steuern, sondern bei deutlich tieferen Kosten im Sozialen oder im Asylwesen.

Reto Angehrn, Leiter Finanzamt Frauenfeld.

Reto Angehrn, Leiter Finanzamt Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Zudem verzeichnete die Rechnung über alle Bereiche 1,3 Millionen Franken tiefere Sach- und übrige Betriebsaufwände. Angehrn sagt:

«Diese Differenzen finden sich in Hunderten von Konten.»

Dazu zählt er mit Parkuhren, Zivilschutz oder Abfallwesen ein paar Beispiele auf. Das Haushaltsgleichgewichtsprojekt Balance trägt Früchte, wie Anders Stokholm sagt. «Der Stadtrat fühlt sich bestätigt, dass er keine weiteren Kostenentwicklungen zugelassen hat.»

Bewohner brauchen mehr Pflege

Bei einem Gesamtumsatz von 20,2 Millionen Franken schliesst das Alterszentrum Park (AZP) mit einem Gewinn von knapp 380'000 Franken ab. Budgetiert gewesen war ein Überschuss in Höhe von 40'000 Franken. Die Nettoinvestitionen für das vergangene Jahr liegen bei 510'000 Franken und damit unter Budget (640'000 Franken). Das Haus Ergaten-Talbach, die Parksiedlung Talacker und das Betreute Wohnen schliessen mit Gewinnen ab, die in die jeweilige Spezialfinanzierung «Defizitdeckung» fliessen. Das Tageszentrum schliesst ausgeglichen ab, weil der Förderverein Tageszentrum Talbach das Defizit mit 4900 Franken ausgeglichen hat. Budgetiert waren 15'000 Franken. In den vier Abteilungen ist der Personalaufwand gegenüber 2018 um 2,5 Prozent auf 14,7 Millionen gestiegen. Demgegenüber ist der Ertrag aus Pflege und Betreuung um 6,1 Prozent auf 9,4 Millionen gestiegen. Um dem gestiegenen Pflegebedarf der Bewohner gerecht zu werden, musste zusätzlich zu den internen Springern Temporär-Pflegepersonal eingesetzt werden – mit Kostenfolgen. Ergaten-Talbach und Parksiedlung sind über Budget belegt. Das Betreute Wohnen hat weiter eine Vollbelegung, während das Tageszentrum leicht unter Budget liegt. (ma)

Stadtrat will ein weiteres Auffangnetz spannen

Bei der Investitionsrechnung hat die Stadt knapp 72 Prozent der prognostizierten Kosten ausgegeben, was rund 7,46 Millionen Franken entspricht. Der Löwenanteil floss in Projekte des Amtes für Tiefbau und Verkehr, das aber wegen Verzögerungen einzelner Projekte nicht alle Ausgaben tätigen konnte.

Trotz sonniger Frauenfelder Finanzlage wirft die Coronakrise also ihren Schatten voraus. Deshalb beantragt der Stadtrat dem Gemeinderat mit der Gewinnverwendung der 1,26 Millionen Franken die Bildung eines Fonds und damit das Spannen eines weiteren Auffangnetzes. Stokholm sagt:

«Wir wollen den Ertragsüberschuss für wirtschaftsfördernde Massnahmen in der Stadt einsetzen.»

Reaktiv gelte es, in Wirtschaft und Gesellschaft Löcher zu stopfen, welche Bund und Kanton nicht ausfüllen könnten. «Wir wollen damit den Privatkonsum und das gesellschaftliche Leben wieder ankurbeln.»