Lesen in der Pandemie
«Click&Collect» ist bubieinfach: In Frauenfeld wartet die Kantonsbibliothek seit Beginn des zweiten Lockdown mit einem neuen Abholservice auf

Bei der Kantonsbibliothek Thurgau kann man sich die gewünschten Bücher oder DVDs seit Ende Dezember online oder per Telefon bereitstellen lassen. So wird die Verweildauer vor Ort kurz gehalten. Das Angebot kommt bei der Nutzerschaft gut an.

Amina Mvidie
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Ein Bibliotheksnutzerin macht per «Click&Collect» eine Ausleihe.

Ein Bibliotheksnutzerin macht per «Click&Collect» eine Ausleihe.

Bild: Donato Caspari

Etwa 150 Medien stehen morgens um 8.15 Uhr im Abholregal der Kantonsbibliothek. Hinter der Theke bereitet eine Mitarbeiterin die Reservationen des Vorabends vor. Die Bestellungen der Bibliothekskundinnen und -kunden werden laufend bearbeitet und die reservierten Bücher, Filme und Co. zur Abholung ins Regal eingeräumt.

«Am Morgen haben wir jeweils eine kleine Flut.»
Lukas Hefti, Leitung Zentrale Dienste, Öffentlichkeitsarbeit, und Bibliotheksbeauftragter der Kantonsbibliothek Thurgau.

Lukas Hefti, Leitung Zentrale Dienste, Öffentlichkeitsarbeit, und Bibliotheksbeauftragter der Kantonsbibliothek Thurgau.

Bild: Donato Caspari

Das erzählt Lukas Hefti, Öffentlichkeitsbeauftragter der Bibliothek. Mehrere hundert Medien stellen die Mitarbeitenden zu dieser Tageszeit in das Abholregal im Erdgeschoss des Bibliotheksgebäudes.

Seit dem 22. Dezember sind die Räumlichkeiten der Kantonsbibliothek Thurgau für Nutzerinnen und Nutzer wieder geschlossen. Obwohl Bibliotheken – sofern das die entsprechenden Schutzkonzepte vorsehen und die Einhaltung der Massnahmen gewährleistet werden kann – gemäss der Verordnung des Bundesrates für Ausleihen weiterhin geöffnet bleiben dürfen, bietet die Kantonsbibliothek derzeitig nur einen Abholservice an. Laut Hefti ist dies keine Ausnahme: Nur etwa ein Drittel der 21 Bibliotheken im Kanton hätten ihre Räumlichkeiten weiterhin geöffnet, der grosse Rest sei auf Abhol- oder Lieferservice umgestiegen.

Erfreuliche Zahlen trotz Coronapandemie

Die Anzahl der physischen Ausleihen in der Kantonsbibliothek Thurgau hat im Jahr 2020 trotz Corona nur leicht abgenommen. Bei den elektronischen Ausleihen verzeichnet die Bibliothek gar einen Zuwachs, inzwischen machen sie über 28 Prozent der gesamten Ausleihen aus – im Vorjahr waren es noch 22 Prozent. Laut Lukas Hefti, Öffentlichkeitsbeauftragter der Bibliothek, wird das Online-Angebot, das in den vergangenen zehn Jahren stetig erweitert wurde, seit Beginn der Pandemie überdurchschnittlich oft genutzt. Zum digitalen Angebot der Bibliothek gehören unter anderem eine digitale Bibliothek mit E-Books, ein Filmportal sowie Sprachkurse.
Auch die Zahlen für den Januar 2021 seien erfreulich. Bereits ein Viertel der aktiven Kundschaft hat den neuen Abholservice im Januar genutzt. Bis 28. Januar wurden insgesamt 9500 Medien ausgeliehen, davon 7440 Bücher. Am Ausleihverhalten der Leute gäbe es seit der Pandemie aber keine merklichen Veränderungen, sagt Hefti. «Mir fällt nur auf, dass Klassiker wie Dürrenmatt oder Frisch, welche die meisten Leute in ihrer Schulzeit gelesen haben, mehr gefragt sind.» (amv)

Eingangsbereich der Kantonsbibliothek Thurgau in Frauenfeld.

Eingangsbereich der Kantonsbibliothek Thurgau in Frauenfeld.

Bild: Donato Caspari

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Eine Ausleihe per «Click&Collect» ist ganz einfach.

Eine Ausleihe per «Click&Collect» ist ganz einfach.

Bild: Donato Caspari

Während die Kantonsbibliothek im ersten Lockdown vergangenen März innerhalb von zehn Tagen einen kostenlosen kantonsweiten Lieferdienst auf die Beine stellte und die Mitarbeitenden selbst mit dem Auto, E-Bike oder zu Fuss die Lieferungen verteilten, setzt das Bibliotheksteam nun auf die beiden Modelle «Click and Collect» und «Call and Collect». Kundinnen und Kunden können pro Tag bis zu fünf Medien online oder am Telefon reservieren. Die Telefonbestellungen seien nicht nur eine Alternative für die weniger technikaffine Kundschaft, sondern «wir versuchen so unser Beratungsangebot bestmöglich zu ersetzen, indem wir auf Wunsch auch Empfehlungen abgeben oder Pakete zusammenstellen», sagt Hefti.

Und den Strichcode auf dem Bibliotheksausweis scannen.

Und den Strichcode auf dem Bibliotheksausweis scannen.

Bild: Donato Caspari

Die bestellten Medien müssen von den Personen selbst in der Bibliothek abgeholt werden. Die Abholung funktioniert ähnlichen wie das Einkaufen an einer Selbstbedienungskasse: Hat man seine bestellten Artikel im alphabetisch sortierten Abholregal gefunden, begibt man sich zu einem der zwei Self-Check-Ausleihgeräten, um dort seine Bibliothekskarte zu scannen und die Artikel auszuleihen. Bei Fragen oder Unklarheiten befindet sich stets eine Ansprechperson vor Ort. Das Ziel sei jedoch, direkte Kontakte möglichst zu vermeiden und die Verweildauer kurz zu gestalten, sagt Hefti.

Neuer Alltag für das Bibliotheksteam

Bei den Kundinnen und Kunden stosse das Angebot auf positive Resonanz: «Wir spüren die Dankbarkeit.» Die Wertschätzung sei auch schon während des ersten Lockdowns im Frühling 2020 zu spüren gewesen.

«Manche Leute haben uns kleine Geschenke oder Leckereien in den Briefkasten gelegt.»
Bücher im Abholregal.

Bücher im Abholregal.

Bild: Donato Caspari

So erzählt es Hefti. Dass der Lieferdienst eingestellt wurde, scheint die Kundschaft nicht zu stören. Ihm seien keine negativen Rückmeldungen bekannt. Ausserdem bestehe immer noch die Möglichkeit, sich die Bestellung per kostenpflichtigem Postversand nach Hause liefern zu lassen.

Bibliotheksmitarbeiterin Vildane Bilali bereitet die Bestellungen vor.

Bibliotheksmitarbeiterin Vildane Bilali bereitet die Bestellungen vor.

Bild: Donato Caspari

Der Abholservice hat auch den Alltag der Bibliotheksmitarbeitenden verändert. Da die Kundinnen und Kunden nicht selbst durch die Bibliothek stöbern können, um ihre Artikel auszuwählen, verbringen die Mitarbeitenden statt mit Beratungen an der Theke einen grossen Teil der Zeit mit dem Bereitstellen der reservierten Medien.

«Fast ein bisschen so wie die Amazon-Pickers.»

Lukas Hefti sagt das und schmunzelt. «Pickers» werden beim Onlinegrosshändler die Lagermitarbeitenden genannt.