«Lernen soll auch anders funktionieren können»: Homeschooling-Mami kandidiert in Frauenfeld für Amt der öffentlichen Schule

Vom Familientisch ins Kollegium: Mit Fabia Freienmuth aspiriert eine Homeschoolingmutter auf einen Sitz in der Schulbehörde. Im ganzen Kanton Thurgau belegt bloss ein winziger Bruchteil der Kinder Schulunterricht in den eigenen vier Wänden.

Samuel Koch
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Eingangstor zur Schulanlage Oberwiesen, wo Primarschülerinnen und -schüler aus Frauenfeld die Schulbank drücken.

Eingangstor zur Schulanlage Oberwiesen, wo Primarschülerinnen und -schüler aus Frauenfeld die Schulbank drücken.

(Bild: Donato Caspari, 2013)
  • Zweifache Mutter unterrichtet ihre Kinder seit vier Jahren dank einer Ausnahmebewilligung der Behörde zu Hause
  • Dieser Schritt hat für sie reformpädagogische Gründe
  • Für die Ersatzwahl vom 17. Mai stellt sich das Mitglied der Grünen für ein Amt in der Behörde der Sekundarschule Frauenfeld auf
  • Grüne Partei legitimiert Kandidatur durch Anspruch aufgrund des freiwilligen Proporz'
  • Grünen-Parteipräsident ist gleichzeitig der Ehemann der Kandidatin
  • Wahl einer Sprengkandidatin vor einem Jahr brachte freiwilligen Proporz ins Wanken
  • Schulpräsident äussert sich nicht dazu, ob Ersatzkandidatin valabel ist: «Jeder, der stimm- und wahlberechtigt ist, kann sich von einer Partei aufstellen lassen.»
  • Homeschooling lehnt sich im Thurgau an Richtlinien für Privatunterricht des Departement für Erziehung und Kultur (DEK) Homeschooling an
  • Dafür müssen etliche Voraussetzungen erfüllt werden

Die Unterschiede haben sich fast in Luft aufgelöst. Denn während der derzeitigen Notlage sind alle Schulkinder zum Fernunterricht in den eigenen vier Wänden verknurrt. Seit Jahren daran gewöhnt sind hingegen die 15-jährige Tochter und der 11-jährige Sohn der Familie Pöll Freienmuth in Frauenfeld. Die beiden Kinder belegen seit vier Jahren Schulunterricht in den eigenen vier Wänden, offiziell bewilligt von den Behörden.

Fabia Freienmuth, Schulbehördenkandidatin Grüne, Homeschoolingmutter

Fabia Freienmuth, Schulbehördenkandidatin Grüne, Homeschoolingmutter

(Bild: PD)

Mutter Fabia Freienmuth bezeichnet das Homeschooling für ihre Kinder, die bis 2016 die Rudolf-Steiner-Schule in Winterthur besuchten, als reformpädagogisch. Sie sagt:

«Lernen kann auch anders funktionieren, als den Kindern zu sagen, was sie zu lernen haben.»

Für diesen Weg hätten sie sich entschieden, weder aus religiösen Gründen noch aus der Not heraus. Obwohl Freienmuth ausgebildete Lernbegleiterin ist, darf sie ihre Kinder nicht in Eigenregie unterrichten. Deshalb kommt zwei Mal wöchentlich eine Lehrperson vorbei.

Die Kosten dafür trägt die Familie. Eine Privatschule sei aber sicher teurer, meint Freienmuth. Gerade am Dienstagmorgen hat ein Schulinspektor des Departements für Erziehung und Kultur (DEK) im Hause Pöll Freienmuth nach dem Rechten gesehen. Das sei quasi analog zur Schulpflege, sagt Freienmuth.

Familieninterne Kandidatur der Grünen

Die Kandidatur für das Amt in der elfköpfigen Behörde der Sekundarschule Frauenfeld will Freienmuth indes nicht kommentieren, zumal sie bisher wegen der Krise noch mit niemandem aus der Behörde habe sprechen können. Das Mitglied der Grünen habe dank ihres Vaters Einblick in die Arbeit der Schulbehörde erhalten. «Jetzt sehe ich die Möglichkeit, mich selber einzubringen», sagt sie.

Michael Pöll, Präsident Grüne Frauenfeld.

Michael Pöll, Präsident Grüne Frauenfeld.

(Bild: PD)

Präsident der Grünen in Frauenfeld ist ausgerechnet Freienmuths Ehemann Michael Pöll. Er meint:

«Es ist doch befruchtend, wenn sich Eltern von Homeschoolingkindern auch engagieren.»

Das habe ihnen auch Schulpräsident Andreas Wirth signalisiert. Gerade bei Ersatzwahlen für Sitze in Schulbehörden stünde Gemeinden kein unendlich grosser Pool an Kandidaten zur Verfügung.

Freiwilliger Proporz ist ins Wanken geraten

Gegenwind haben Pöll und Freienmuth seit der Bekanntgabe der Kandidatur bisher keineswegs gespürt. Die Grünen würden sich schliesslich bei der Ersatzwahl für den scheidenden Marcel Bangerter nur an ihren Sitzanspruch gemäss freiwilligem Proporz halten. Pöll sagt: 

«Den Sitzanspruch ermittelt ganz unromantisch der Stimmenanteil der vergangenen Gesamterneuerungswahlen im Gemeinderat.»

Nachdem die Parteien ihre Kandidaten nach dem Verteilschlüssel portieren, trifft sich die Interpartei zu einem informellen Austausch. Zuletzt war das Ende März wegen Corona jedoch nicht möglich. «Beim Austausch geht es darum, nicht den Demokratieprozess auszuhebeln», sagt Stephan Grob, der sich als ehemaliger Präsident der Interpartei mit der Thematik auskennt. Den freiwilligen Proporz ins Wanken gebracht hat eine seltene und ungewöhnliche Kampfwahl im letzten Mai, als die Parteilose Sabine Bötschi eine CH-Kandidatin verdrängte.

Andreas Wirth, Präsident Schulen Frauenfeld.

Andreas Wirth, Präsident Schulen Frauenfeld.

(Bild: PD)

Andreas Wirth will als Schulpräsident keinen Kommentar dazu abgeben, ob Freienmuth als Homeschoolingmutter eine valable Kandidatin sei. Er betont:

«In Schulbehörden ist eine breite Palette von Behördenmitgliedern wichtig.»

Detaillierte Voraussetzungen für eine Kandidatur gibt es nicht. Wirth verweist Interessierte auf eine Broschüre des Verbandes Thurgauer Schulgemeinden und meint: «Jeder, der stimm- und wahlberechtigt ist, kann sich von einer Partei aufstellen lassen. Das ist Teil unserer Demokratie.»

Homeschooling: Nur eine Handvoll im Thurgau

Im Kanton Thurgau regeln die Richtlinien für Privatunterricht des Departement für Erziehung und Kultur (DEK) Homeschooling, gestützt auf Paragraf 46 der Verordnung des Regierungsrates über die Volksschule. Im Jahr 2019 gab es im Thurgau 28 Bewilligungen für Homeschooling. Die Hälfte davon betraf Gesuche von einer Dauer über sechs Monaten, verweist Beat Brüllmann, Leiter Amt für Volksschule, auf den letztjährigen Geschäftsbericht. Im Vergleich dazu gibt’s im Thurgau rund 30'000 schulpflichtige Kinder.

Beat Brüllmann, Leiter Amt für Volksschule Kanton Thurgau.

Beat Brüllmann, Leiter Amt für Volksschule Kanton Thurgau.

(Bild: PD)

Laut Richtlinien sind für nicht öffentlichen Unterricht einige Voraussetzungen zu erfüllen. So ist «ein gleichwertiger Unterricht nachzuweisen», der sich an den kantonalen Lehrplan hält und von einer Lehrperson erfolgt, die zum Unterricht an öffentlichen Schulen berechtigt ist. «Die Erziehungsberechtigten und Lehrpersonen wahren die Integrität der Kinder und fördern ihre geistige, seelische und körperliche Entwicklung», heisst es weiter. Über Gesuche entscheidet die zuständige Schulbehörde «aufgrund einer Beurteilung der Schulaufsicht». Die Schulbehörde kann Auflagen anordnen oder gar die Bewilligung entziehen.