Interview

Leiter der kantonalen Fachstelle zum Thema Kinderrechte: «Bei Vereinsarbeit ist der Thurgau stark»

Im November jährt sich der Tag der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention zum 30. Mal. Diese Rechte spielen auch im Thurgau eine wichtige Rolle. Der Kanton will dafür sensibilisieren. Und er will, dass die Gemeinden kinderfreundlich werden.

Larissa Flammer
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Fachstellenleiter Pascal Mächler in der Bibliothek des Regierungsgebäudes des Kantons Thurgau. (Bild: Donato Caspari)

Fachstellenleiter Pascal Mächler in der Bibliothek des Regierungsgebäudes des Kantons Thurgau. (Bild: Donato Caspari)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Seit es die Kinderrechtskonvention gibt, werden Kinder als eigenständige Individuen angesehen, die eine eigene Meinung haben und diese auch äussern dürfen. Leiter Pascal Mächler erklärt, warum seine Thurgauer Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen den Schwerpunkt dieses und vergangenes Jahr auf die Kinderrechte legt.

Warum wurde vor 30 Jahren die UN-Kinderrechtskonvention unterschrieben?

Der Hauptgrund war damals, dass Kinder nicht mehr als Objekte, sondern als Rechtssubjekte angesehen werden und somit für alle Kinder der Welt eine Basis für gleiche Rechte geschaffen wurde. Die Schweiz hat übrigens erst acht Jahre später unterschrieben.

Warum ist die Kinderrechtskonvention für die Schweiz wichtig?

Wichtig ist, dass Kinder in der Schweiz über ihre Rechte Bescheid wissen und ihnen bewusst ist, dass Erwachsene diese Rechte einhalten müssen. Das anstehende Jubiläum der Kinderrechte veranlasste unsere kantonale Fachstelle, das Thema als ein Schwerpunktthema zu setzen. Wir wollen die Bevölkerung und die Fachpersonen sensibilisieren.

Was ändert sich für Fachpersonen durch die Kinderrechte?

Es ist eine Haltungsfrage. Wenn ihnen bewusst ist, dass Kinder Rechte haben, begegnen sie ihnen anders. Die Kinderrechtskonvention ist zudem ein Argument für sie, warum sie sich für Kinder einsetzen und warum diese Arbeit wichtig ist.

Wie geht es denn den Kindern im Thurgau?

Es geht ihnen gut. Die «Kunden» unserer Fachstelle, die Politischen Gemeinden, die Schulen oder Institutionen zum Beispiel, wüssten das aber besser. Wir sind übergeordnet tätig. Im Thurgau gibt es sehr viele Aktionen und Aktivitäten in der Kinder- und Jugendförderung. Es passiert sehr viel in der Vereinsarbeit. Da sind wir im Thurgau stark, wir pflegen die Vereinskultur. Sie sprechen von Kindern und von Jugendlichen.

Für wen gelten die Kinderrechte?

Für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre.

Die Fachstelle des Kantons hat die Kinderrechte nun zu einem Schwerpunktthema gemacht. Was bedeutet das konkret?

Es sind verschiedene Aktionen und Veranstaltungen im Thurgau geplant. Unsere Fachstelle koordiniert diese, übernimmt die Medienarbeit und organisiert zwei Netzwerktreffen zu diesem Thema – eines hat vergangenen November schon stattgefunden. Eine Fachperson von Unicef hat dabei über die Kinderrechte informiert. Das Thema hat sehr interessiert. Es waren 130 Leute da: Gemeindevertreter, Schulleiter, Fachpersonen von Fachstellen.

Zur Person

Pascal Mächler ist gelernter Elektromonteur. Er hat Sozialpädagogik studiert und sich weitergebildet. Während dieser Zeit arbeitete er viel mit Kindern und Jugendlichen, auch eine Zeit lang im Massnahmenzentrum Kalchrain und mit Menschen mit psychischer Beeinträchtigung. Er engagierte sich zudem bei IdéeSport. «Mir liegt das Thema am Herzen, ich war selber mal Pfadileiter und Badmintontrainer.» Der 42-Jährige hat zwei Kinder und wohnt in Bischofszell.

Und das zweite Netzwerktreffen?

Das findet am 20. November am Tag der Kinderrechte statt. Unsere Aufgabe ist es, dieses in Kooperation mit den Akteuren der Kinder- und Jugendförderung zu planen.

Was für Veranstaltungen und Aktionen wird es noch geben?

An einem ersten Workshop vor einem Jahr habe ich elf Organisationen über unser Schwerpunktthema Kinderrechte informiert. Die Rückmeldungen waren sehr gut. Am ersten Netzwerktreffen wurde ebenfalls diskutiert, was man für die Sensibilisierung für Kinderrechte im Thurgau tun könnte. Vergangene Woche habe ich mich mit 30 Leuten zu einem Koordinationsworkshop getroffen. Sie haben sich bereit erklärt, etwas Konkretes umzusetzen. Auf unserer Website sammeln wir alle Aktivitäten. Sirnach will zum Beispiel regelmässig einen Artikel zu Kinderrechten im Gemeindeblatt drucken. Ich fände es spannend, wenn sich auch politische Entscheidungsträger zu Wort melden würden.

Was soll die Politik denn tun?

Es wäre interessant zu wissen, wie und ob überhaupt die Politik Berührungspunkte dazu hat. Im Schutzbereich wird zwar oft dran gedacht, aber Kinderrechte sind weitgreifender, sie spielen nicht nur bei Missbrauchsfällen eine Rolle. Es gibt schon sehr viele Umsetzungsideen. Toll ist auch, dass ja kürzlich im Thurgau ein Jugendparlament gegründet wurde.

Ist ein Jugendparlament genau im Sinne der Kinderrechtskonvention?

Das ist der berühmte Artikel 12: die Meinungsäusserung des Kindes. Partizipation wird von den unter 18-Jährigen eingefordert, das sieht man einerseits beim Jugendparlament, andererseits bei den aktuellen Klimastreiks.

Was ist eigentlich grundsätzlich die Aufgabe der Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen?

Wir wollen die Rahmenbedingungen für Kinder, Jugendliche und Familien im Thurgau weiter verbessern. Dazu setzen wir die Massnahmen des Konzepts für ein koordiniertes Vorgehen in der Kinder-, Jugend- und Familienpolitik des Kantons Thurgau 2018 – 2022 sowie die Massnahmen des Konzepts Frühe Förderung Kanton Thurgau 2015 – 2019 um. Themenschwerpunkte dabei sind die Familienförderung, die Elternbildung und -beratung, die Kinder- und Jugendförderung sowie die Frühe Förderung von Kindern im Vorschulalter.

Wenn ich an Kinderrechte denke, kommt mir das Label «Kinderfreundliche Gemeinde» in den Sinn. Ist dieses bei Ihrer Fachstelle auch ein Thema?

Ich habe erst im November alle Gemeinden im Thurgau angeschrieben, um das Label bekannter zu machen. Frauenfeld und Arbon haben es ja schon. Die Fachstelle unterstützt die Gemeinden – auch finanziell – beim Prozess zum Label «Kinderfreundliche Gemeinde».

Die Informationen der Fachstelle dienen auch Schulen

Die UN-Kinderrechtskonvention umfasst 54 Artikel zu Überleben, Schutz und Entwicklung. Sie basiert auf den Prinzipien der Nichtdiskriminierung, des Kindswohls sowie der Anhörung von Kindern. Als völkerrechtliches Übereinkommen verpflichtet sie die Staaten, zum Schutz der Kinderrechte gesetzliche Massnahmen zu treffen. Alle Mitgliedstaaten der UNO – ausser die USA – sind der Konvention beigetreten.

Pascal Mächler hat auch auf der Website der kantonalen Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen Informationen zu den Kinderrechten zusammengetragen. «Wir sind immer wieder darauf angesprochen worden, ob es noch mehr Informationen gibt.» Denn offenbar wollen aufgrund des Schwerpunkts der Fachstelle auch Schulen das Thema im Unterricht behandeln. Der Verein Schulsozialarbeit Thurgau hat zum Beispiel eine Arbeitsgruppe zum Thema eingesetzt.

Bund spricht Geld für die Jugendarbeit

Die Fachstelle des Kantons erarbeitet zurzeit eine Sensibilisierungskampagne zum Thema «Kinder- und Jugendförderung wirkt». Mächler sagt: «Es ist ein Statement, dass das vielfältige Engagement in diesem Bereich viele positive Auswirkungen auf die Gesellschaft hat.» Zudem wurden kürzlich zusätzliche Bundesgelder für die Kinder- und Jugendförderung im Thurgau genehmigt. Für die Jahre 2019 bis 2021 stehen zusätzlich 450'000 Franken zur Verfügung. Das Geld soll möglichst direkt an Projekte in den Gemeinden und an die Kinder und Jugendlichen fliessen.

Hinweis: Aktivitäten zu den Kinderrechten im Thurgau: kjf.tg.ch/kinderrechte.html/9522
Informationen: www.netzwerk-kinderrechte.ch

ARBON: Stadt wird kinderfreundlich

Die Stadt Arbon erhält das Unicef-Label «kinderfreundliche Gemeinde». Dafür hatten sich die Primarschulgemeinden Arbon, Frasnacht und Stachen, die Sekundarschulgemeinde Arbon sowie die Stadt engagiert.