«Das Höchste, was ein Protest erzielen kann»: Hinterthurgauer Fluglärmgegner lösen ihren Verein auf

Der Bürgerprotest Fluglärm Hinterthurgau steht nach 15 Jahren vor seiner Auflösung.

Roman Scherrer
Drucken
Josef Imhof, Präsident des Bürgerprotests Fluglärm Hinterthurgau, spricht 2015 in Weinfelden mit der damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard.

Josef Imhof, Präsident des Bürgerprotests Fluglärm Hinterthurgau, spricht 2015 in Weinfelden mit der damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard.

Bild: Reto Martin (1. Juli 2015)

Wenn ein Verein dafür sorgt, dass es ihn nicht mehr braucht, muss etwas falsch gelaufen sein. Scheinbar. Denn genau diesen Umstand darf Josef Imhof als Erfolg werten. Der Präsident des Bürgerprotests Fluglärm Hinterthurgau sagt denn auch:

«Dass es ihn nicht mehr braucht, ist das Höchste, was ein Protest erzielen kann.»

Eigentlich hätte der Verein an diesem Donnerstagabend seine Jahresversammlung abgehalten, seine 15. und letzte. Denn als Haupttraktandum war die Vereinsauflösung vorgesehen. Weil die Coronafallzahlen aber rapide angestiegen sind, verzichtet der Bürgerprotest auf eine Versammlung und führt stattdessen unter seinen 400Mitgliedern eine Urabstimmung durch.

Laut Imhof soll sie bis Ende November über die Bühne gehen – und mit ihr die Vereinsauflösung. Diese gründet in mehreren Aspekten. Einerseits tritt Josef Imhof, der den Bürgerprotest seit dessen Gründung präsidiert, von seinem Amt zurück. «Das habe ich bereits vor ein paar Jahren angekündigt», berichtet er. Eine Nachfolgerin oder ein Nachfolger liess sich nicht finden. Und wegen weiterer Rücktritte würden nun noch mehr Vakanzen im Vorstand hinzukommen.

Protestpotenzial ist nicht mehr gegeben

Ein weiterer Aspekt betrifft den Vereinszweck, wie Imhof erklärt: «Das Protestpotenzial ist auf dieser Ebene nicht mehr gegeben.» Die politischen Prozesse, auf die man als Bürgerprotest reagieren konnte, seien abgeschlossen oder zum Bund gelangt. Und schliesslich – zurück zum Erfolg: «Wir haben erreicht, dass der Protest in den Institutionen angekommen ist», sagt Imhof und verweist auf das Departement für Bau und Umwelt (DBU) des Kantons Thurgau.

Dessen Verantwortliche würden die Interessen der Bevölkerung in Bezug auf den Fluglärm sehr gut vertreten. Zudem sei die neue Messanlage in Balterswil ein Zeichen dafür, dass der Kanton in das Anliegen investiere. Für das DBU, das seit 2006 sein Fluglärmmonitoring in Balterswil betreibt, ändere sich mit der Auflösung des Bürgerprotests nichts an den Aufgaben, sagt Generalsekretär Marco Sacchetti. «Wir waren aber dankbar dass der Verein als nicht behördlicher Vertreter gewisse Aspekte anders vorbringen konnte als wir», ergänzt er. Deshalb bedaure man, dass «diese Stimme des Volkes» verstummt.

«Das tut gut»

Gegründet hat sich der Bürgerprotest 2005 als Reaktion auf das damals neue Ost-Anflugsregime des Flughafens Zürich. Die vergangenen 15 Jahre bezeichnet Josef Imhof als sehr erfüllend und lehrreich. Etwas wehmütig sei er, gerade weil die Auflösung nun leise und «anonym» stattfindet, da man auf die Jahresversammlung verzichten muss.

«Aber wenn ich heute in der Natur draussen bin und merke, dass es leiser ist als früher, tut das gut.»

Für den Fall, dass sich in der Region ein neuer Bürgerprotest gegen Fluglärm formieren will, wollen Imhof und seine Mitstreiter vorsorgen. Zu diesem Zweck soll das Vereinsvermögen ab der Auflösung nämlich für zehn Jahre treuhänderisch hinterlegt werden.

Neue Messanlage

Das kantonale Departement für Bau und Umwelt (DBU) hat oberhalb von Balterswil eine neue Fluglärmmessstation aufbauen lassen. Diese ersetzt das Modell, das seit 2006 gemessen hat. Die neue Anlage ist autark, damit günstiger im Betrieb und misst mehr Stunden pro Tag. Laut Karin Enzler, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DBU, ist die neue Messstation seit dieser Woche in Betrieb. (rsc)