Gastkommentar

leer

Der katholische Theologe Erich Häring aus Kesswil erörtert in seinem Gastbeitrag, was Ostern für ihn bedeutet.

Erich Häring
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Erich Häring.

Erich Häring.

Reto Martin

ein tempel. der überwältigende tempel, letzte säule eines unterdrückten volkes. das allerheiligste entrückt ins innerste. vom höchsten priester jährlich einmal zugänglich. sonst bedeckt von einem kostbaren, schweren vorhang. dann, ein tag. nichts besonderes. vor der stadt hinrichtungen von terroristen. nachmittags. um drei uhr. der vorhang vor dem allerheiligsten zerreisst. von oben bis unten. jedem auge ausgestellt das verborgene. jedem auge überprüfbar: in der mitte des tempels, kein gott. keine bilder. kein altar.
nur leere.

sterben götter aus? gehen ideologien unter? täuschen priesterschaften nur etwas vor? kommt der moment, wo man hinter banken, parlamente, labore sieht? stehe ich auf einmal da, nackt und leer, wie ich bin, durch nichts mehr geschützt.

zwölf stunden später. eine frau. gar eine freundin? sie huscht durch den frühen morgen. tut verbotenes. will mit öl den leichnam eines gestern am holz gehängten salben. das was von dieser folter noch übrigbleibt, berühren. ein grab dürfte er gar nicht haben. sie kommt in den garten. der stein vor der höhle mit der leiche liegt auf der seite. seltsam. sie geht hinein. das grab ist, bis auf ein paar tücher, leer.
ein leeres grab.

fake heisst es. seit damals. die leiche weggeschafft von anhängern. oder: grabräuber. oder: er hat die kreuzigung überlebt. oder: die fantasie einer verliebten anhängerin. auch: opium für das volk. alkohol, gar: drogen im spiel.

gräber für kaiser, päpste und generale. gefüllte gräber. monumental. orte, wo markantes gerede über volk und nation zu hören ist. gräber für helden und märtyrerinnen, für diktaturen und illibertäre politiker. gefüllte gräber. orte, wo gott, kaiser und vaterland massen hypnotisieren. meine gräber, jahr für jahr gefüllt. zugedeckt mit blumigen entschuldigungen. kränzen mit schleifen: schicksal, ich kann nichts dafür. gräber, mit jeder beliebigkeit gefüllt, was für die erwartungen der überlebenden passend ist. selbst die christenheit baut über das leere grab eines der grössten heiligtümer. schwierig scheint es, ein leeres grab leer zu lassen.

ostern: händels halleluja, gefärbte eier, streaming unzähliger gottesdienste, urbi et orbi und lammgigot, viele worte im fb. so kann es sein.

ein leerer tempel, ein leeres grab.
zwei kleine biblische szenen wollen es so.
zwei leerstellen an ostern.

Zum Autor

Erich Häring (74), Kesswil, ist katholischer Theologe im Ruhestand. Er war Regionaldekan des Kantons Thurgau.

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