Leben mit alkoholkranken Eltern, eine Thurgauerin erzählt: «Sie lag im Bett und trank ihren Wein»

Zuhause konnte Nina B. nicht wirklich Kind sein. Sie wuchs mit einer alkoholabhängigen Mutter auf. Bereits als Siebenjährige übernahm sie für sich und ihren Bruder Verantwortung. Heute ist sie erwachsen und bricht ihr Schweigen.

Ursula Ammann
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Ihre Mutter sei schnell gereizt gewesen, erinnert sich Nina B. (Bild: Reto Martin)

Ihre Mutter sei schnell gereizt gewesen, erinnert sich Nina B. (Bild: Reto Martin)

Einmal schrieb Nina B. in ihr Tagebuch: «Wenn ich weniger essen würde, hätten meine Eltern mehr Geld.» Der Satz ist Sinnbild für die Schuldgefühle, die sie als Kind und Jugendliche plagten. «Ich nahm immer alles auf mich», sagt die junge Frau.

Damit spricht sie die angespannte Situation an, die in ihrer Familie herrschte. Nina B. ist in einem Thurgauer Dorf aufgewachsen – mit einer alkohol- und medikamentenabhängigen Mutter. «Meine Mutter lag meist im Bett, schaute Serien, trank ihren Wein und nahm dann Tabletten, um durchschlafen zu können», erinnert sich Nina B. «Mein Bruder und ich mussten ständig ruhig sein, um sie nicht zu stören. Sie war sehr schnell gereizt und überfordert.»

Zeit als Familie gab es kaum

Wirklich Kind sein konnte Nina B. Zuhause nicht. Dafür trug sie zu viel Verantwortung. Bereits im Alter von sieben Jahren war es an ihr, am Morgen den Bruder zu wecken. «Ich musste schauen, dass wir beide in die Schule kommen», sagt sie. «Das war anstrengend.» Zeit als Familie gab es kaum. Meist habe sich jeder auf sein Zimmer zurückgezogen, auch zum Essen, erzählt Nina B.

«Als ich Zuhause bei einer Kollegin war und dort alle gemeinsam am Tisch sassen, war das so ungewohnt, sodass ich mich nicht wohlgefühlt habe», sagt sie. Auch heute sei es ihr eher unangenehm, in der Gruppe zu essen. Zu einem Schnitt im familiären Alltag kam es, als Nina B. etwa 13 Jahre alt war.

Anruf mitten in der Nacht

Die Eltern trennten sich, die Mutter zog aus. Fortan kümmerte sich der Vater um seine Tochter und seinen Sohn. «Er hat uns dann jeweils das Frühstück gemacht – ein solches hatten wir vorher nie», erzählt Nina B. mit leicht gerührter Stimme. Zwischen ihr und der Mutter herrschte vorerst Funkstille.

Für rund ein Jahr. Dann kam der Kontakt wieder zustande. «Wir haben uns auch ausgesprochen», sagt Nina B. Ihrer Mutter sei bewusst, dass sie vieles falsch gemacht habe. «An ihrer Sucht hat sich aber nichts geändert. Sie ist nach wie vor abhängig von Medikamenten und Alkohol.» Einmal habe die Mutter sie mitten in der Nacht angerufen, erzählt Nina B. «Sie war im Ausgang und fragte, ob ich sie heimbringen könne. Ich hatte gerade frisch die Autoprüfung und holte sie ab.»

Sie will anderen Mut machen

Neben ihrem Tagebuch konnte sich Nina B. als Jugendliche einer guten Freundin und deren Mutter anvertrauen. Auch mit einer Lehrperson sprach sie über ihre schwierige Familiensituation. «Ich suchte mir aber immer nur Gesprächspartner aus, die mir nicht nur aus Mitleid zuhörten, denn ich wollte mich niemandem aufdrängen», sagt Nina B.

Weil sie in der Jugend zunehmend mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, wandte sie sich auf Drängen eines Freundes an die Perspektive Thurgau, die nicht nur Suchtbetroffene, sondern auch deren Angehörige berät. Im Rahmen der nationalen Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern erzählt Nina B. nun ihre Geschichte. Auf keinen Fall will sie damit ihre Eltern schlecht machen. Aber ebenso wenig möchte sie über alles schweigen. Es geht ihr darum, anderen Mut zu machen, die in einer ähnlichen Situation sind.

Den Kindern eine Stimme geben

Schätzungsweise 100 000 Kinder in der Schweiz wachsen mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf. Sie sind damit einem chronischen Stress ausgesetzt, weil die Sucht den familiären Alltag dominiert, gleichzeitig aber ein grosses Tabu darstellt. Die nationale Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern, die vom 11. bis 17. Februar stattfindet, gibt diesen Kindern eine Stimme. Auch Perspektive Thurgau beteiligt sich daran und sensibilisiert mit Spots. (uam)