Laut, im Lot und brennbar: Das ist die fünfte Frauenfelder Bildhauerwoche

Bis 4.September arbeiten sechs Bildhauer und Plastiker im Murg-Auen-Park an ihrer Kunst. «So etwas wie in Frauenfeld und in dieser Liga gibt es sonst nirgends», sagen die Kuratoren

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Es staubt im Murg-Auen-Park: Bildhauer und Kurator Gabriel Mazenauer fräst am Altstadtplan aus Rorschacher Sandstein.

Es staubt im Murg-Auen-Park: Bildhauer und Kurator Gabriel Mazenauer fräst am Altstadtplan aus Rorschacher Sandstein.

(Bild: Reto Martin)

Nein, ein Stück Rorschacher Sandstein lässt sich auch dann nicht zu viert anheben, wenn dem Quartett ein kräftig gebauter Journalist angehört. Das wissen alle, nur der Journi nicht. Probieren geht eben über Studieren. Der Brocken wiegt doch immerhin 1600 Kilogramm. Da müsste Gabriel Mazenauer einige Espressi servieren, bis man so gestärkt ist, um sich dem Stein annehmen zu können. Mazenauer, Bildhauer und Plastiker, sowie Eisenplastiker Markus Graf sind die Kuratoren der fünften Frauenfelder Bildhauerwoche – und der vorherigen vier.

Vernissage am 4. September im Murg-Auen-Park

Im Rahmen der fünften Frauenfelder Bildhauerwoche arbeiten aktuell vier Kunstschaffende (Zazo, Pfullendorf/D; Andreas Lindegger, Mannenbach; Max Roth, Uettlingen/Kanton Bern; Katrin Zuzakova, Bickwil/Kanton Zürich) sowie die Kuratoren Gabriel Mazenauer (Wigoltingen) und Markus Graf (Frauenfeld) zehn Tage lang im Murg-Auen-Park. Die Künstlerinnen und Künstler sind täglich von 8 bis 18 Uhr im Park und erklären gerne auch ihre Arbeit. Am Freitag, 4. September, um 17 Uhr, feiern die entstandenen Werke Vernissage. Die vor Ort entstandenen Exponate aus Holz und Metall sowie die Werke weiterer acht Bildhauer und Plastiker – Vincenzo Baviera, Marcel Bernet, Peter Bernhardsgrütter, Anna Erdin, Ruedi Mösch, Simeun Moravac, Bertha Shortiss und Maja Thommen – sind bis 31. Oktober auf der Wiese im Murg-Auen-Park ausgestellt. (ma)

Max Roth an der Arbeit.

Max Roth an der Arbeit.

(Bild: Reto Martin)

Mittwochvormittag kurz nach 9 Uhr im Murg-Auen-Park. «Wir hätten sonst auch Weisswein und Rosé», meint Graf lachend. Hier kann es in diesen Tagen schon mal laut werden. Max Roth bearbeitet gerade eine Frauenfelder Esche mit einer Motorsäge.

«Der Förster hat mir Bilder von drei Stammstücken geschickt. Dann konnte ich auswählen.»
Andreas Lindegger an der Arbeit.

Andreas Lindegger an der Arbeit.

(Bild: Reto Martin)

Er spricht von den archaischsten Hohlkörpern, die auch in seinen Werken vorkommen: dem Trog, dem Einbaum und dem Haus. Seine Skulpturen sind hoch und schlank. Laut eigener Aussage wird bei ihm aus einem Stück Stamm 90 Prozent Brennholz und 10 Prozent Skulptur. Am Anfang 900 Kilo, am Ende fast nichts mehr, aber faszinierend. Der Hausfigur, die er im Murg-Auen-Park erschafft, will er auf jeden Fall einen Stuhl aufsetzen.

Im Murg-Auen-Park.

Im Murg-Auen-Park.

(Bild: Reto Martin)

Die beiden Kuratoren kuratieren nicht nur, sondern arbeiten auch, nämlich an einem Gemeinschaftswerk. Gewissermassen ein 3-D-Stadtplan der Frauenfelder Altstadt. Mazenauer fräst die Häuserschluchten in den Sandstein, den die Firma Bärlocher gesponsert hat, während der Stahlaufbau ein Geschenk von Keller Stahl, Frauenfeld, ist. Und es staubt, als gäbe es kein Morgen. Mit Metall inszeniert Graf später die Türme in der Innenstadt: die beiden Kirchtürme, das Schloss und den Rathausturm. Im Laufe der nächsten Tage werden hier auch Frauenfelder Schülerinnen und Schüler mitarbeiten, natürlich von Graf und Mazenauer.

Katrin Zazukova an der Arbeit.

Katrin Zazukova an der Arbeit.

(Bild: Reto Martin)

Immer wieder queren Spaziergänger den Park. Dann wieder hat es eine Joggerin eilig. Nebenan ist Zazo, die eigentlich Susanne Hackenbracht heisst und aus dem deutschen Pfullendorf stammt, am Schmieden, «am Aufwärmen», wie sie selber sagt. Sie hat zwei mobile Essen dabei.

«War mühsam mit dem deutschen Zoll.»
Im Murg-Auen-Park.

Im Murg-Auen-Park.

(Bild: Reto Martin)

Das sagt sie und freut sich ungemein, hier sein zu dürfen. Vergangenes Jahr war sie in einem Atelierstipendium in New York. Hier in Frauenfeld gefällt ihr, dass es nicht nur einen Austausch mit anderen Künstlern gibt, sondern auch mit dem Publikum. Ihre Materialen sind Metall und auch Glas. Und es wird wieder laut. Lautstärke, die sich lohnt, weil Katrin Zuzakova mit einer kleinen Motorsäge an einer Holzfigurengruppe arbeitet. Weiter hinten spitzt Andreas Lindegger an einem runden Stück Adnetter Kalk aus Österreich ab. Die Skulpturen des Mannenbacher Künstlers sind gross und schwer, aber werden am Schluss in der Luft schweben. «Weil alles im Lot ist», wie Lindegger sagt.

Werke von Max Roth im Murg-Auen-Park.

Werke von Max Roth im Murg-Auen-Park.

(Bild: Reto Martin)

Mazenauer und Graf loben das Engagement der Stadt, welche die Bildhauerwoche finanziert.

«So etwas wie in Frauenfeld und in dieser Liga gibt es sonst nirgends.»
Im Murg-Auen-Park.

Im Murg-Auen-Park.

(Bild: Reto Martin)

Andernorts müsse man mehrere hundert Franken Teilnahmegebühr überweisen, um dann in einem Massenschlag übernachten zu dürfen. Für die Kuration lassen sie ihr Netzwerk spielen. «Wir schauen, wer sich überhaupt eignet, draussen und im Kontakt mit Besuchern. Zudem ist die Durchmischung wichtig», sagt Mazenauer. Dann erzählt Graf von Max Roths Turbo-Motorsäge mit 125 Kubik und dass abends grilliert wird – aber nicht auf Zazos Esse.

Markus Graf und Gabriel Mazenauer an der Arbeit.

Markus Graf und Gabriel Mazenauer an der Arbeit.

(Bild: Reto Martin)
Mehr zum Thema:

Gesuch abgelehnt: Skulpturen müssen abspecken

Dreimal hat die Kulturstiftung des Kantons Thurgau die Frauenfelder Bildhauerwoche finanziell unterstützt. Heuer gibt’s erstmals kein Geld mehr. Darüber zeigt man sich beim städtischen Amt für Kultur enttäuscht.
Mathias Frei