«Langeweile ist ein grosses Thema»: Wie die Coronakrise den Alltag von Asylsuchenden in Frauenfeld verändert hat

Umplatzierungen, kein Frontalunterricht in Sprachkursen, Beschäftigungsprogramme ausgesetzt: Die Coronakrise bringt für das Asylwesen im Thurgau neue Herausforderungen. Unter anderem helfen solidarische Aktionen bei deren Bewältigung.

Samuel Koch
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Das Durchgangsheim an der Häberlinstrasse auf den Liegenschaften der beiden Frauenfelder Kirchgemeinden.

Das Durchgangsheim an der Häberlinstrasse auf den Liegenschaften der beiden Frauenfelder Kirchgemeinden.

(Bild: Reto Martin)

Mit einem immensen Mehraufwand. Damit konfrontiert sind auch die Mitarbeitenden der Peregrina-Stiftung. Sie führt seit Mitte der 80er-Jahre im Auftrag des Kantons Nothilfeunterkünfte für Asylsuchende. Aktuell begleitet die Stiftung in einem der derzeit sieben Durchgangsheime im Thurgau über 220 Asylsuchende, wie Peregrina-Gesamtleiterin Susanne Höllwarth erläutert.

Auch Höllwarth und ihre Mitarbeitenden sehen sich mit dem Lockdown seit Mitte März mit neuen Aufgaben konfrontiert, ebenso im Frauenfelder Durchgangsheim an der Häberlinstrasse 19. «Abstand- und Hygienevorschriften müssen eingehalten werden», schreibt Höllwarth. Wegen der derzeitigen Lage mit dem Coronavirus möchte sie auf eine Anfrage nur schriftlich antworten.

Unterkunft in der Zuckeri und «Linde» gegen Engpass

Die Mitarbeitenden, zum Schutz aller Bewohnenden neuerdings mit Mundschutz ausgerüstet, müssen die Unterbringung seither in Kategorien vornehmen. Für Risikopatienten mit bekannten Vorerkrankungen etwa sind sie gezwungen, zusätzliche Isolations- und Quarantäneplätze zu schaffen. «Das bedeutet viel Planung und Umplatzierungen», gibt Höllwarth zu bedenken. Umso mehr, wenn das Frauenfelder Durchgangsheim beim hiesigen Ausbruch der Pandemie mit 76 Asylsuchenden noch stark ausgelastet ist.

Um die Mindestabstände überall durchzusetzen, seien Engpässe leider unausweichlich gewesen. Die Peregrina-Stiftung konnte jedoch mit dem kantonalen Sozialamt rasch Lösungen finden. Höllwarth teilt mit grosser Dankbarkeit mit:

«Dank der Offenheit der Werkleitung der Zuckerfabrik konnten wir wenige Tage später deren gegenwärtig leer stehenden Personalunterkünfte beziehen.»
Susanne Höllwarth Gesamtleiterin Peregrina-Stiftung.

Susanne Höllwarth 
Gesamtleiterin Peregrina-Stiftung.

Die Thurgauer Kantonalbank vertagt den Abbruch der Liegenschaft Linde. Und im Arenenberg in Salenstein seien unkompliziert Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt worden. Andere Zeichen der Solidarität gab es auch von Privatpersonen. «Eine Schweizer Familie, welche Beziehungen zu einer Familie im Durchgangsheim pflegt, bot der Familie für die Zeit der besonderen Lage an, in deren Haus in eine leer stehende Wohnung einzuziehen», schildert Höllwarth. Das sei eine grosse Entlastung, zumal zur Familie aus dem Durchgangsheim ebenfalls eine Risikopatientin gehöre.

Die Asylsuchenden sind während der Krise in ihrem Leben ebenfalls eingeschränkt. So führt die Peregrina-Stiftung derzeit keinen Frontalunterricht mit Sprach- und Integrationskursen durch. Dafür gibt es Unterricht wie an anderen Schulen, «mittels schriftlicher Aufgabenstellungen». Zudem dürfen die Bewohner die Büros der Mitarbeitenden nicht mehr betreten.

Kinderbetreuung und Lernprogramme

Die Beschäftigungsprogramme sind ebenfalls weitgehend ausgesetzt, die höchstens noch «in kleinen Gruppen und wohngruppenhomogen» weitergeführt werden. In den Durchgangsheimen selbst sind Eltern mit der Kinderbetreuung beschäftigt, die anderen mit Lernaufgaben. Höllwarth betont:

«Unsere Bewohnenden sind mit denselben Herausforderungen konfrontiert wie die Gesamtbevölkerung.»

Langeweile sei derzeit auch bei ihnen ein allgegenwärtiges Thema.

Asylsuchende, vorläufig Aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge ausserhalb der Durchgangsheime leben meist in eigenen Wohnungen, werden durch die Flüchtlingsbegleitung oder die Sozialen Dienste der Gemeinden betreut, sofern sie keine Sozialhilfe beziehen. «Die Personen in der Zuständigkeit der Peregrina werden schriftlich in verschiedenen Sprachen informiert», meint Höllwarth.

Für sie alle wie auch für Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende (UMA) gelten dieselben Regeln wie für die restliche Bevölkerung. UMA würden weiter bei den Hausaufgaben begleitet, die sie von der Schule erhalten. «Dazu werden Projekte umgesetzt, wie etwa Desinfektionsmittel selber herzustellen», schreibt Höllwarth. Von allen verstärkt Beachtung geschenkt werde der Hygiene und den Verordnungen des Bundes. Denn der Coronavirus trifft alle, unabhängig des Ausweises.