Landwirtschaft
«Wer das erste Mal eine Drohne fliegt, kann weiche Knie bekommen»: Die Rehkitzrettung Thurgau schützt Jungtiere vor dem Tod durch den Mähdrescher

Rund 500 Rehkitze konnten im Thurgau in dieser Saison dank moderner Technik gerettet werden. Damit alle Thurgauer Wiesen abgesucht werden könnten, bräuchte es aber mehr Helfer.

Judith Schuck
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Dank Drohnen kann eine Wiese in wenigen Minuten effektiv abgesucht werden. Kurt Bär, Präsident des Vereins Rehkitzrettung Thurgau, ist begeistert von diesem sinnvollen Einsatz der Geräte.

Dank Drohnen kann eine Wiese in wenigen Minuten effektiv abgesucht werden. Kurt Bär, Präsident des Vereins Rehkitzrettung Thurgau, ist begeistert von diesem sinnvollen Einsatz der Geräte.

Bild: Judith Schuck

Der Fall schlug hohe Wellen: im vergangenen Jahr vermähte ein Thundorfer Bauer drei Rehkitze auf einer Wiese vor dem Frauenfelder Kantonsspital. Wohl wissend, dass sich die hilflosen Tiere darin befunden hatten.

Ebenfalls 2020 rüstete der im Vorjahr gegründete Verein Rehkitzrettung Thurgau richtig auf: Rund 100 Kitze konnten vor dem grausamen Tod bewahrt werden, indem mit Wärmebildkameras ausgerüstete Drohnen die Wiesen absuchten. Kurt Bär ist Präsident des Vereins und von Beruf Flugpilot. Er sagt, wer einmal in die Augen eines neugeborenen Rehs geblickt hat, ist ihnen verfallen.

Die Dunkelziffer ist weit höher

Rund ein Drittel der Rehgeissen setzen ihre Jungen zwischen Mai und Juni in Wiesen mit hohem Gras. Dort sind die Kitze, in den ersten Wochen noch ohne Eigengeruch, geschützt vor natürlichen Feinden wie Füchsen. Dies sind aber auch die Monate, in denen die Bauern ihr Heu ernten. Schweizweit fallen jährlich 1500 bis 2000 Rehkitze dem Mähdrescher zum Opfer. Die Dunkelziffer liege weit höher, sagt Simon Meier von Wildtiere Schweiz. Er schätzt, dass etwa 15 Prozent aller Kitze diesen Tod sterben.

In den ersten vier Wochen nach Geburt unterliegen die Neugeborenen – nicht nur Rehe, sondern auch Hasen oder Katzen – noch einem Drückinstinkt. Wenn Gefahr lauert, der laute Traktor sich nähert, ducken sich die Tiere, anstatt fortzurennen. Bär weiss:

«Der Fluchtinstinkt kommt erst später.»

Er empfiehlt generell, dass die Landwirte langsam und von innen nach aussen mähen, damit die Tiere, die das bereits können, eine Chance haben, zu flüchten.

Bisher suchten Gruppen von Freiwilligen die Wiesen ab. Eine alte und effektive Methode ist auch das Verblenden. Dazu stellen die Landwirte am Abend vor der Mahd Stecken mit Leintüchern oder Folie auf die Wiese. Dadurch wird die Rehgeiss, die sich stets in der Nähe aufhält, verunsichert und holt ihr Junges. Das Mähen muss dann gleich am Folgetag geschehen, damit sich die Rehe nicht an die Reize gewöhnen und zurückkehren.

Der Lohn ist das unbeschreibliche Erlebnis

Mit Drohnen können die Felder wesentlich schneller und genauer abgesucht werden. Dazu müssen die Retter allerdings früh aufstehen.

«Wir sehen die Kitze nur etwa eine bis anderthalb Stunden nach Sonnenaufgang.»

Ab dann sei der Boden schon zu aufgewärmt. Erde und Grashaufen erscheinen als die gleichen weissen Flecken auf der Kamera wie die Rehkitze mit ihren 38 Grad Körpertemperatur. Der Lohn für das frühe Aufstehen sei, wenn Kitze gefunden würden sowie der Anblick der Voralpen- und Bodenseelandschaft im sommerlichen Morgengrauen. Diese Momente seien unbeschreiblich, schwärmt Bär.

Kurt Bär schaut, ob die Kamera Hinweis auf ein Kitz gibt.

Kurt Bär schaut, ob die Kamera Hinweis auf ein Kitz gibt.

Bild: Judith Schuck

Für die Landwirte ist das Prozedere unkompliziert. Sie können sich am Tag vor der geplanten Mahd beim zuständigen Jäger melden, der die Info an die Rehrettung weitergibt. «Im Idealfall besteht das Team aus Landwirt, Jäger und Drohnenpilot. Manchmal ist noch ein zweiter Jäger dabei und die Frau vom Landwirt», sagt Kurt Bär. Ein Flug dauere oft nur wenige Minuten, die Verständigung funktioniert über Funkgeräte. So können die Rehretter vom Piloten zum Tier gelotst werden.

«Wer das erste Mal eine Drohne fliegt, kann schon mal weiche Knie bekommen», beschreibt er dieses Gefühl, das mit der Verantwortung über das Überleben der kleinen Bambis einhergeht. Zudem koste die gesamte Technik rund 5000 Franken: Drohne, Wärmebildkamera, Tablett, Akkus.

Wer sich für die Rehkitzrettung im Thurgau engagieren möchte, kann sich das Wissen zu Technik und den natürlichen Begebenheiten in einer Ausbildung in dem an die Rehkitzrettung Schweiz angegliederten Verein aneignen. Die Rehkitzrettung Thurgau ist gemeinnützig und finanziert sich rein aus Spenden.

Zwei Drittel des Thurgaus fehlen noch

Ein Mitglied der Jagdgesellschaft Amlikon-Bissegg hält ein gerettetes Rehkitz in den Armen.

Ein Mitglied der Jagdgesellschaft Amlikon-Bissegg hält ein gerettetes Rehkitz in den Armen.

Bild: PD

«Dieses Jahr sind wir 20 Teams und haben etwa einen Drittel der Wiesen im Kanton abgesucht», auch einige Jäger hätten sich schon Drohnen angeschafft, sagt Bär. Damit alle Thurgauer Wiesen abgesucht werden könnten, bräuchte es 60 bis 80 Teams.

«Ich selbst konnte in 97 Flügen 34 Kitze retten. Ich denke, diese Saison waren es insgesamt im Thurgau etwa 500 Kitze.»

In Spitzenzeiten, wenn alle Bauern gleichzeitig mähen wollen, müssten sie schon mal abwägen, wo besondere Hotspots seien. Ruhige Wiesen am Waldrand, ohne Durchgangsverkehr. Damit künftig noch mehr Kitze gerettet werden können, hofft der Vereinspräsident auf Verstärkung.