Beim Bau von Unterflurcontainern werden keine Kosten gescheut – und sie zwingen die KVA Thurgau zu doppelten Sammeltouren

Die Einführung der Unterflurcontainer hat sich bisher nicht ausbezahlt. Die Kostensenkung war allerdings nicht der Hauptgrund für die Umstellung.

Thomas Wunderlin
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Im Juli 2019 stürzte in Frauenfeld ein Kehrichtwagen, als der Fahrer einen Unterflurcontainer leeren wollte.

Im Juli 2019 stürzte in Frauenfeld ein Kehrichtwagen, als der Fahrer einen Unterflurcontainer leeren wollte.

Bild: Kapo TG

Von Füchsen zerrissene Abfallsäcke, deren Inhalt auf der Strasse liegt: Das ist das Problem. Die Lösung besteht im Bau von Unterflurcontainern.

Diesen Entscheid fällte der Verband KVA (Kehrichtverbrennungsanlage) Thurgau im Sommer 2013. Der erste Unterflurcontainer im Verbandsgebiet, das 70 der 80 Thurgauer Gemeinden umfasst, wurde am 1. Juni 2014 in Amlikon-Bissegg eingebaut. Heute sind 910 in Betrieb, sagt Peter Steiner, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Weitere 73 befinden sich in Bau. Dereinst sollen es 1500 sein.

Unterflurcontainer sind eine typische Schweizer Lösung, bei der nicht auf die Kosten geschaut wird. Ein häufig gewählter Typ kostet 16 000 Franken.

Unterflurcontainer sind eine typische teure Schweizer Lösung (hier in Zezikon).

Unterflurcontainer sind eine typische teure Schweizer Lösung (hier in Zezikon).

Bild: Andrea Stalder

Er benötigt wenig Platz: nur eine Grundfläche von 4,2 Quadratmeter. Sein Volumen beträgt 5000 Liter, was für die Zwischenlagerung des Abfalls von 150 Einwohnern reicht. Die KVA Thurgau sorgt für Reinigung und Reparaturen und fördert den Einbau bis 2023 mit 6000 Franken pro Stück.

Dieser Betrag würde für die Gesamtkosten einer Alternativlösung mit sieben 800-Liter Rollcontainern reichen, die überirdisch hinter einem Sichtschutz postiert werden. Sie brauchen aber dreimal mehr Platz, nämlich eine Grundfläche von 12 Quadratmeter.

Neue Rollcontainer gibt es für 690 Franken pro Stück.

Neue Rollcontainer gibt es für 690 Franken pro Stück.

Benjamin Manser

Kehrichtwagen haben weniger Ladestellen

Dank der Umstellung auf unterirdische Behälter hofft die KVA Thurgau auf tiefere Betriebskosten. Doch das braucht Zeit. «Spätestens nach zwei Fahrzeuggenerationen oder 16 bis 20 Jahren» sollen die Kosten laut Steiner amortisiert sein.

Da es weniger Sammelstellen gibt, reduziert sich die Fahrstrecke der Kehrichtwagen. Die Sammelstellen liegen nicht mehr innerhalb der Quartiere oder Weiler, sondern bei ihrer Einfahrt. Ein Mann kann die Tour allein übernehmen. Die Umstellung auf weisse Gebührensäcke erleichtert es ihm, unzulässige Säcke zu erkennen.

Ein Unterflurcontainer sollte innert sechs Minuten geleert werden können (Frauenfeld).

Ein Unterflurcontainer sollte innert sechs Minuten geleert werden können (Frauenfeld).

Andrea Stalder

Die Leerung eines Unterflurcontainers dauert nach Lieferantenangaben sechs Minuten, was schneller sein dürfte als die Leerung von sieben Rollcontainern oder das Aufladen der Einzelsäcke von Hand. Es kann aber auch länger dauern, wie sich im Juli 2019 in Frauenfeld zeigte: Beim Aufladen stürzte der Kehrichtwagen um.

Ausgelöst worden sei die Umstellung eigentlich von den Gemeinden, sagt KVA-Chef Steiner. Die Einwohner hätten gewünscht, Abfallsäcke jederzeit loswerden zu können, nicht nur an einem bestimmten Sammeltag. Da man bis zu 300 Meter zum Unterflurcontainer gehen müsse, herrsche anfangs oft Skepsis, die sich aber nach der Umstellung bald lege. «Auch alte Leute müssen sich versorgen», sagt Steiner. Dann sei auch die Entsorgung möglich.

Manche Kehrichtsäcke sind zu schwer für einen Abfuhrmann

Für die Unterflur-Variante spricht laut Steiner ausserdem «die Gesundheit der Belader». Einen 110-Liter-Sack voll Katzenstreu beispielsweise könne ein Mann gar nicht allein einladen. Dass ein Unterflurcontainer überfüllt wird, komme vor allem vor, wenn es der erste am Ort sei. Er werde dann auch von Leuten im weiteren Umkreis benutzt. Später sei es nur noch selten der Fall, etwa bei Ferienende, wenn viele Leute gleichzeitig ihren Abfall loswerden wollten.

Solange die Kehrichtmänner auch einzelne Abfallsäcke an den traditionellen Sammelpunkten holen müssen, braucht es zwei Sammelsysteme mit verschiedenen Kehrichtwagen. Für die Leerung der Unterflurcontainer muss der Wagen mit einem Kran ausgerüstet sein. Da die Kehrichtwagen mit Bahncontainer ausgerüstet sind, die auf die Schiene verladen werden können, wäre das Gesamtgewicht zu gross.

Homburg entschied sich 2018 gegen Unterflurcontainer, da eine Einwohnerumfrage eine Ablehnung von 63 Prozent ergab. Langrickenbach entschied sich 2016 für die flächendeckende Einführung von 800-Liter-Rollcontainern.

Alles anders in Chur?

In Diessenhofen musste ein Unterflurcontainer versetzt werden, da er für die Speiseresten-Entsorgung eines Restaurants missbraucht wurde. Einen ähnlichen Fall hat es nicht mehr gegeben.

Zurzeit sei nur in sieben Gemeinden die Umstellung nicht erfolgt, jedoch sei sie «bei allen in Planung oder doch zumindest in Diskussion», erklärt Steiner. Noch gibt es aber im Gebiet der KVA Thurgau 3397 Sammelpunkte für Einzelsäcke.

Der Stadrat von Wil, das im Gebiet des Zweckverbands Bazenheid liegt, entschied sich im Januar gegen die Umstellung auf Unterflurbehälter. Eine flächendeckende Umsetzung im ganzen Stadtgebiet sei nicht möglich, lautete die Begründung. «In Chur geht es doch», sagt Steiner, der sich im Übrigen nicht weiter dazu äussern möchte.

Langrickenbach entschied sich 2016 gegen Unterflurcontainer und führte als erste Gemeinde im Kanton flächendeckend neue 800-Liter-Container ein.

Langrickenbach entschied sich 2016 gegen Unterflurcontainer und führte als erste Gemeinde im Kanton flächendeckend neue 800-Liter-Container ein.

Bild: Andrea Stalder

Bei der Umstellung setzt die KVA Thurgau bislang auf das Prinzip Freiwilligkeit. Dieses wird jedoch mittelfristig überprüft. Steiner sagt:

«Man kann nicht ewig zwei Systeme fahren.»

Bevor sie die Strategie ändern, werden die KVA-Verantwortlichen versuchen, den Haushaltskehricht der Zukunft zu analysieren. Beispielsweise ist unklar, ob der Recyclinganteil steigt oder fällt. Der unlängst gesunkene Preis für Altkarton zeigt, dass in diesem Bereich viel Bewegung ist.

Alternative wurde nicht in Betracht gezogen

Wie schnell sich die flächendeckende Einführung von Rollcontainern ausbezahlt hätte, wurde laut Steiner gar nicht durchgerechnet. Wenn ein Investor eine Siedlung baue, bevorzuge er Unterflurcontainer gegenüber Rollcontainern. In grossen Siedlungen würde es eine Art «Containerbahnhöfe» brauchen; dafür sei gar kein Platz. Für die teure Lösung spricht laut Steiner, dass es meist günstiger sei, anfangs mehr zu investieren.

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