Kurze Zündschnur
«Traurige Sache und leider Standard»: Feuerwehrleute müssen sich nach Unfall Beschimpfungen gefallen lassen

Am Montag ereignete sich zwischen Frauenfeld und Matzingen ein heftiger Verkehrsunfall. Wegen der anschliessenden Umleitungen müssen sich die Einsatzkräfte Beschimpfungen anhören. Feuerwehrkommandant Ursin Camenisch sagt, die Aggressionen haben spürbar zugenommen.

Samuel Koch
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Feuerwehrleute müssen einen der Verunfallten mit schwerem Gerät aus dem Lieferwagen bergen.

Feuerwehrleute müssen einen der Verunfallten mit schwerem Gerät aus dem Lieferwagen bergen.

Bild: BRK News (Frauenfeld, 21. Juni 2021)

Ein Mann kämpft ums Überleben. Ein anderer verletzt sich ebenfalls schwer, nachdem ihre Lieferwagen am Montagnachmittag in der Frauenfelder Murkart mit hohem Tempo kollidiert sind. Nach der Unfallmeldung rücken sofort Einsatzkräfte aus, um die Verunfallten zu bergen und den Unfallort zu räumen, unter anderem der Feuerwehr Frauenfeld. Wegen des Ausmasses des Unfalls bedarf es für den Verkehr einer Umleitung. Zu viel für einige Verkehrsteilnehmer.

«Die Umleitung beansprucht nur zwei Minuten und im Auto kämpft einer um sein Leben. Hoffentlich brauchen alle, die uns heute beschimpft und beleidigt haben, nie Hilfe.»

Das schreibt einer der Feuerwehrleute in einem Facebook-Post von FM1Today. Und weiter: «Ich verstehe einmal mehr nicht, weshalb man uns Einsatzkräfte beleidigt und beschimpft, weil die Leute eine Umleitung in Kauf nehmen müssen.»

Beim schweren Unfall auf der St.Gallerstrasse zwischen Frauenfeld und Matzingen ist am Montag kurz nach 13 Uhr ein 21-jähriger Lieferwagenfahrer frontal in einen entgegenkommenden Lieferwagen eines 52-Jährigen gekracht. Laut Kantonspolizei Thurgau wurde der 21-Jährige so schwer verletzt, dass er von den Feuerwehrleuten mit schwerem Gerät aus dem Fahrzeug befreit werden und mit lebensbedrohlichem Zustand durch die Rega ins Spital geflogen werden musste. Der 52-Jährige wurde mittelschwer verletzt. Für die Rettung leitete die Feuerwehr den Verkehr grossräumig um, was zu Beschimpfungen und Beleidigungen führte.

Kleines Verständnis unabhängig der Schwere des Unfalls

Verunglimpfungen von Rettungskräften seien kein neues Phänomen, sagt der Frauenfelder Feuerwehrkommandant Ursin Camenisch. Vielmehr passiere das bei jeder Absperrung. «Das ist eine traurige Sache und mittlerweile leider Standard», sagt er. Das Verständnis der Verkehrsteilnehmer bezeichnet Camenisch als klein, unabhängig der Schwere des Verkehrsunfalls. Zuletzt habe sich die Zündschnur gar noch verkürzt, Beschimpfungen und Beleidigungen nehmen zu. Camenisch sagt:

«Die Aggressivität nimmt zu, die Menschen sind weniger feinfühlig und weniger ausgeglichen.»
Ursin Camenisch, Kommandant Feuerwehr Frauenfeld.

Ursin Camenisch, Kommandant Feuerwehr Frauenfeld.

Bild: Andrea Stalder

Warum, kann Camenisch nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Leute seien meist überfordert mit der Situation. «Dann fluchen sie und bleiben aber meist unpersönlich», sagt er. Aber es gebe auch Beschimpfungen weit unter der Gürtellinie. Ob diese Grundanspannung mit der Coronapandemie zu tun habe, darüber will er indes nicht spekulieren.

Fakt ist, dass die Feuerwehrleute, die eine Dienst für die Gesellschaft leisten, entsprechend geschult werden. Eine Deeskalationsstrategie steht dabei im Mittelpunkt. «Die Feuerwehrangehörigen müssen zwar wissen, dass sie ein Teil der Situation sind, aber dass nichts mit ihnen persönlich zu tun hat», sagt Camenisch. Was zum Glück selten passiert, sind Handgreiflichkeiten. Der Feuerwehrkommandant bittet die Verkehrsteilnehmer um Verständnis, denn Umleitungen richteten die Einsatzkräfte ja nicht zum Spass ein. Er sagt: «Wir bitten die Verkehrsteilnehmer, die Umleitungen zu beachten und den Anweisungen der Einsatzkräfte zu folgen.»

Die Zerstörung der beiden Lieferwagen ist immens.

Die Zerstörung der beiden Lieferwagen ist immens.

Bild: PD/Kantonspolizei Thurgau