Kurz vor dem Ausnahmezustand: Diesen Freitagmorgen beginnt in der Zuckerfabrik Frauenfeld die Rübenkampagne

Läuft in der Zuckeri im Westen Frauenfelds alles nach Plan, dauert die Kampagne dieses Jahr bis einen Tag vor Heiligabend. Erstmals rechnen die Verantwortlichen mit über 10'000 Tonnen Biozucker. Insgesamt sollen 120'000 Tonnen Zucker produziert werden.

Mathias Frei
Drucken
Teilen
Der Frauenfelder Werksleiter Joachim Pfauntsch begutachtet die ersten Biorüben.

Der Frauenfelder Werksleiter Joachim Pfauntsch begutachtet die ersten Biorüben.

(Bild: Donato Caspari)

Ein Königreich für eine Zuckerrübe. «Ja, schön sind sie, sauber, wenig verunkrautet.» Joachim Pfauntsch nimmt die Biorüben in die Hände, begutachtet sie. Dafür hat er jetzt noch Zeit. Denn schon bald herrscht auf dem Areal wieder Ausnahmezustand – und das rund um die Uhr.

120'000 Tonnen Zucker bis vor Weihnachten

Für die Zuckerfabrik Frauenfeld prognostizieren die aktuellen Ernteschätzungen eine Rübenmenge von 810'000 Tonnen. Daraus werden voraussichtlich etwas mehr als 120'000 Tonnen Zucker produziert. In der letztjährigen Kampagne wurde aus 854'000 Tonnen Rüben eine Zuckermenge hergestellt, die im Vergleich zur diesjährigen Schätzung etwas höher lag. Heuer rechnet man mit einer 97 Tage dauernden Produktion, was unter dem Rekord von 2019 liegt mit 105 Tagen Dauer. In den ersten 16 Tagen (Vorjahr: 14 Tage) werden nach Plan 82'000 Tonnen Biorüben zu erstmals über 10'000 Tonnen Biozucker verarbeitet. Mittlerweile liegen zehn Prozent der Bioanbauflächen in der Schweiz. Die 2019er-Kampagne wurde mit 69'000 Tonnen Biorüben gestartet (etwas mehr als 9000 Tonnen Biozucker). In Frauenfeld ist diesen Freitag, 18. September, Kampagnenstart ist, in der Zuckerfabrik Aarberg am 24. September. (ma)

Über die Strasse sind sie aus dem Grossraum München gekommen, die ersten Biorüben. 15 Meter weiter der nächste Haufen, in Demeterqualität, ebenfalls aus Süddeutschland. Gegen Ende der Biokampagne folgen Biorüben aus der Schweiz.

«Dieses Jahr stellen wir wieder vier verschiedene Biozuckersorten her.»
Die Zuckerfabrik Frauenfeld.

Die Zuckerfabrik Frauenfeld.

(Bild: Donato Caspari)

So erklärt es Pfauntsch, seit 1998 Werksleiter der Zuckerfabrik Frauenfeld. Biozucker ist stark im Kommen. Dessen Produktion, grossteils für den deutschen Markt, kompensiere aktuell zu einem gewissen Teil die sinkende Produktion von Zucker aus konventionellen Schweizer Rüben, sagt Pfauntsch. «Das ist aber keine langfristige Lösung, um die Auslastung des Werks hochzuhalten.» Vielmehr müsse es gelingen, die Anbaubereitschaft der Schweizer Pflanzer zu halten respektive mittelfristig wieder zu erhöhen.

Nach Plan ist einen Tag vor Heiligabend Schluss

Die Zuckerfabrik Frauenfeld.

Die Zuckerfabrik Frauenfeld.

(Bild: Donato Caspari)

Die Zuckeri rechnet heuer erstmals mit mehr als 10'000 Tonnen Biozucker. Dafür braucht es die Rekordmenge von 82'000 Tonnen Rüben. «Wir starten diesen Freitag, um 6Uhr», sagt Pfauntsch. Dieser erste Teil der Kampagne dauert nach Plan 16 Tage. Vergangenes Jahr waren es zwei Tage weniger. Die Umstellung auf die Verarbeitung von konventionellen Rüben erfolgt am 5.Oktober. Läuft alles wie am Schnürchen, endet die Kampagne einen Tag vor Heiligabend – nach 97 Tagen, im Vorjahr waren es deren 105.

«Mit 100 Tagen kommen wir auf eine optimale Auslastung, 120 Tage sind das Maximum.»

Für die Kampagne baut die Zuckerfabrik personell massiv aus. Zu den 90 festangestellten Mitarbeitern kommen dieses Jahr 55 Kampagnenmitarbeiter. Anpacken müssen natürlich auch die 15 Lernenden, die im kaufmännischen Bereich, als Polymechaniker oder als Logistiker eine Ausbildung machen. Vom gut geschulten Personal hängt es einerseits ab, dass im besten Fall 1600 Tonnen Zucker und mehr pro Tag produziert werden können.

«Die Probeläufe waren erfolgreich.»
Biorüben in der Zuckeri.

Biorüben in der Zuckeri.

(Bild: Donato Caspari)

Andererseits spielt der Zuckergehalt der Rüben eine wichtige Rolle. Wenn er in diesen Tagen in Herten oben spazieren gehe, falle ihm das prächtige Blattwerk der Rüben auf, sagt Pfauntsch. Ein Indiz für einen ansprechenden Zuckergehalt. Mit sonniger Witterung bis zur Ernte könne dieser Wert noch steigen. Konkreten Aufschluss geben bisher aber nur die Vorproben. Die zweite Untersuchung im August sei nicht schlecht ausgefallen, eine dritte, letzte Beprobung folgt in den kommenden Tagen.

Umweltfreundlicher als Zucker aus der EU

In der Zuckerfabrik Frauenfeld.

In der Zuckerfabrik Frauenfeld.

(Bild: Donato Caspari)

Biozucker ist das eine. «Es ist uns ein Anliegen, Schweizer Bioprodukte in Zukunft zu fördern», sagt Pfauntsch. Das andere ist Nachhaltigkeit im Allgemeinen. Der Werksleiter erwähnt, dass gemäss einer Studie die Produktion von Schweizer Zucker eine um 30 Prozent tiefere Umweltbelastung aufweist, als dies bei EU-Zucker der Fall ist. Lokale Nachhaltigkeit mache Sinn. Damit einher geht laut Pfauntsch die Versorgungssicherheit. Weitere funktionierende Kreisläufe zur Wieder- und Weiterverwertung stellen beispielsweise die Biogasgewinnung aus Abwasser oder die Herstellung von Blumen- und Gartenerden aus der abgeschiedenen Rübenerde dar.

Sorgen bereitet Pfauntsch dagegen die Coronapandemie.

«Wir machen, das Bestmögliche, um unsere Mitarbeiter zu schützen.»

Denn das gut ausgebildete Personal ist ein wichtiges Kapital der Zuckerfabrik. Es wäre eine grosse Herausforderung, wie der Werksleiter erklärt, wenn während der Kampagne mehrere Mitarbeiter ausfallen würden. Deshalb gilt auf dem ganzen Areal Maskenpflicht – ausser man kann gesichert den notwendigen Abstand einhalten. Es gibt heuer keine Besucherführungen. Zudem sollen die Chauffeure und Pflanzer keinen Kontakt haben mit den Zuckerfabrikmitarbeitern. Hierfür sind abgetrennte Räumlichkeiten geschaffen worden, etwa in der Werkskantine.

Biorüben in der Zuckeri.

Biorüben in der Zuckeri.

(Bild: Donato Caspari)
Mehr zum Thema:

Bio ist der Trumpf der Zuckerfabrik Frauenfeld

Mit den letzten Reinigungsarbeiten am Neujahrstag ging in der Zuckerfabrik die Kampagne 2018 zu Ende. «Recht lange und zeitweise unruhig», sei sie gewesen, sagt Werkleiter Joachim Pfauntsch.
Stefan Hilzinger