Kurz vor Bauende
«Meine Herzensbaustelle»: Architekt Gabriel Müller aus Frauenfeld hat das 170 Jahre alte «Hexehüsli» in Einzelteile zerlegt und andernorts wieder aufgebaut

Ein verrücktes Recycling-Projekt, das nun zum Abschluss kommt: Im Spätsommer ist das «Hexehüsli» am Höhenweg in Althuben bezugsbereit. Dann geht es noch an die Gartengestaltung. In Zukunft sollen im historischen Tiny House temporäre Nutzungen möglich werden – vom Sabbatical bis zum Kulturanlass.

Mathias Frei
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Für das Aufbringen des Kalkverputzes steht noch ein Gerüst: Architekt Gabriel Müller und sein «Hexehüsli» am Höhenweg.

Für das Aufbringen des Kalkverputzes steht noch ein Gerüst: Architekt Gabriel Müller und sein «Hexehüsli» am Höhenweg.

Bild: Ralph Ribi

Ein Exempel wollte er statuieren. «Dass es möglich ist.» Das sagt Gabriel Müller. Das hat der auf historische Bauten spezialisierte Frauenfelder Architekt geschafft. Das «Hexehüsli» ist umgezogen. Der Wiederaufbau wird Ende August abgeschlossen sein. Dann geht es an die Umgebungsgestaltung. Noch Ende 2017 stand das 170 Jahre alte Rebhäuschen, aus heutiger Sicht ein Tiny House, an der Bachstrasse unweit der Badi. Seine neue Postadresse lautet auf Höhenweg 4 in Althuben. Müller sagt:

«Es war eine Herausforderung, aber eine positive.»
Der Kachelofen im Wohnzimmer.

Der Kachelofen im Wohnzimmer.

Bild: Ralph Ribi

Eine verrückte Geschichte. Müller rettete den Kleinbau vor dem Abbruch, zerlegte das Hüsli in 20'000 Einzelteile. Kollegen und befreundete Handwerker halfen ihm um den Jahreswechsel 2017/18 dabei. Die Idee war, das Häuschen auf Müllers Grundstück unweit des Kantonsspitals wieder aufzubauen.

Von der Bachstrasse an den Höhenweg

Im Jahr 1851 liess Andreas Wehrli, damals Mitglied der Frauenfelder Gemeindebehörde, das Rebhüsli mit dem speziellen Mansardendach errichten. Eine bauliche Erweiterung folgte 13 Jahre später. An der Bachstrasse 7 musste der Bau Ende 2017 weichen. Die damaligen Besitzer wollten das «Hexehüsli» eigentlich erhalten. In ihrem Auftrag hatte der Architekt Gabriel Müller im Gebiet Zürcherstrasse/Bachstrasse mehrere Liegenschaften saniert. Doch dann machte eine Auflage betreffend Tiefgaragenzugang dem zweigeschossigen Bau, der einen Gewölbekeller hat, einen Strich durch die Rechnung. Dem «Hexehüsli» drohte der Abriss. Vor diesem rettete Müller es. Seine neue Heimat ist nun in Althuben am Höhenweg 4. Die Parzelle gehört Müller. Ebendort stehen auch eine Trotte und ein Speicher, der im Kern von 1507 datiert. (ma)

Im Anhänger vor dem Hüsli liegen alte Steinplatten für den Gewölbekeller, wo sich Küche und Badezimmer befinden. Die Platten sind 120 Jahre alt und stammen aus einem Märstetter Abbruchhaus. Der Anbau, der das Entree beherbergt, hat nun wieder Originalgrösse. An der Bachstrasse waren zwei Meter nachträglich angebaut worden. Die Stube ist bereits gestrichen, mit Ölfarbe.

«Wir haben zehn Farbschichten entdeckt, unter anderem Schwarz, Gelb und Rosa. Nun ist es die ursprüngliche Farbe.»
Das Obergeschoss.

Das Obergeschoss.

Bild: Ralph Ribi

Der Kachelofen stammt aus dem Luzernischen. Müller hat ihn ersteigert. Geheizt wird mit Holz. «Hier kommt noch ein schönes Sofa rein und ein altes Röhrenradio, auf dem Beromünster läuft. Dazu eine kleine Bibliothek.» Müller malt sich lebhaft aus, wie er einrichten will. Der Innenausbau sei aus einem Guss, orientiere sich am Klassizismus, also um 1850 bis 1860, als das Haus gebaut wurde. Im oberen Stock befindet sich sodann das Schlafzimmer.

Alles hat eine Geschichte, auch die neuwertigen Baumaterialien

Müller ist ein grosser Verfechter der historischen Baukultur, weil sie früher für ein Lebensalter oder länger gebaut worden ist.

«Heute dagegen baut man nur noch auf 30 Jahre hinaus.»
Der geschindelte Eingangsbereich.

Der geschindelte Eingangsbereich.

Bild: Ralph Ribi

Der Architekt und Hausbesitzer spricht von der Einmaligkeit dieses Recycling-Projekts. Von den 20'000 Einzelteilen konnte Müller letztlich etwa 50 Prozent wiederverwenden. Weitere 30 Prozent stammen aus seinem privaten Bauteilelager. So hat im «Hexehüsli» fast alles eine Geschichte – vom Ziegel auf dem Dach bis zum Stein im Gewölbekeller. Neue Baumaterialien sind etwa die Tannenholzschindeln aus dem Toggenburg, der Sumpfkalk für den Fassadenverputz oder auch die Dachbretter aus Tanne.

«Aber wir verwenden nur baubiologisch wertvolle, neuwertige Stoffe.»

Dazu gehört auch die moderne Gebäudehüllendämmung mit Holzfasern und Schafwolle.

Verzögerungen durch Corona und zu viel Arbeit im Architekturbüro

Der Eingangsbereich. Links geht's in Wohnzimmer, rechts die Treppe hinauf ins Obergeschoss.

Der Eingangsbereich. Links geht's in Wohnzimmer, rechts die Treppe hinauf ins Obergeschoss.

Bild: Ralph Ribi

In jedem Quadratzentimeter des Dreizimmerhauses ist Müllers Feuer spürbar. «Das ist meine Herzensbaustelle», sagt er. Weil von seiner Seite ganz viel Eigenleistung – an Arbeitsstunden und Ideen – eingeflossen ist. Im hohen fünfstelligen Bereich beziffert er den Aufwand, der nebst einem Crowdfundings von 11'000 Franken und einer Vielzahl von Gönnern eigenfinanziert ist.

«Das funktionierte aber nur dank vieler sehr guter Handwerker.»
Schablone für die Deckenmalerei im Wohnzimmer.

Schablone für die Deckenmalerei im Wohnzimmer.

Bild: Ralph Ribi

Start des Wiederaufbaus war Mitte August 2019. 16 Unternehmen aus der Region, mit denen Müller oft zusammenarbeitet, waren beteiligt. Der damalige Plan war die Wiedereröffnung im Frühling 2020. Müllers hohe Arbeitsbelastung im eigenen Architekturbüro und die Coronapandemie kamen dazwischen. Nun aber ist ein Ende in Sicht.

Bodenplatten für den Gewölbekeller.

Bodenplatten für den Gewölbekeller.

Bild: Ralph Ribi

Müller plant in Zukunft «temporäre Nutzungen» im «Hexehüsli». Sei dies eine Vermietung für ein Sabbatical, den Feinschliff an der Doktorarbeit oder eine Kulturveranstaltung. Dazu wird es auch eine Website geben, wo man die Räumlichkeiten mieten kann. Das soll ab Ende August, Anfang September möglich sein. Dann geht es an die Umgebungsgestaltung. Müller überlegt sich, für die Aussenanlagen nochmals eine Crowdfunding-Aktion zu lancieren. Ideen gibt es für einen Hofplatz mit Brunnen oder auch einen verwunschenen Garten.

«Ein ‹Hexegarten› fürs ‹Hexehüsli›.»