Kunstsammlung Thurgau
Im Herz der kantonalen Kunst: Die grosse Vielfalt des regionalen Kunstschaffens schlummert im Verborgenen

Der Thurgau hat eine rund 30'000 Objekte umfassende Kunstsammlung. Denn Kunst sammeln heisst Kunst aufbewahren. Wer sind die Menschen dahinter? Ein Besuch im Aussendepot des Kunstmuseums Thurgau in Aadorf.

Hans Suter
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Aadorf 15.7.2021 TG - Direktor Markus Landert und Registrarin Vanessa im Depot des Kunstmuseums Thurgau in Aadorf.

Aadorf 15.7.2021 TG - Direktor Markus Landert und Registrarin Vanessa im Depot des Kunstmuseums Thurgau in Aadorf.

Reto Martin

Ist von Kunst die Rede, ist immer auch der Mensch im Spiel. Am Anfang stehen die Künstlerinnen und Künstler. Auf sie folgen Menschen ganz unterschiedlicher Façons: Galeristen, Kunsthändler, Auktionatoren, Sammler – und das Publikum von Ausstellungen. Aber auch Museumsdirektoren, Registrarinnen (siehe Zweittext) und irgendwann Restauratorinnen.

Von Dankbarkeit erfüllt

Kunst ist etwas zutiefst Menschliches. Wohl deshalb hat der Kanton Thurgau 1941 eine eigene Kunstsammlung ins Leben gerufen. Diente das Sammeln anfänglich eher der geistigen Landesverteidigung ohne künstlerisches Sammlungskonzept, entwickelte sich nach und nach eine Systematik. Schwerpunkte der Sammlungstätigkeit sind heute die Kunst der Region, Aussenseiterkunst und Werke mit Bezug zur Kartause Ittingen. Dazu stehen pro Jahr über die Ankaufskommission und das Museumsbudget je 100'000 Franken zur Verfügung. «Das sind wichtige Instrumente für die Kunstförderung», sagt der Thurgauer Museumsdirektor Markus Landert. Er ist von Dankbarkeit erfüllt, dass dem regionalen Kunstschaffen so viel Bedeutung beigemessen wird.

Das Aussendepot des Kunstmuseums Thurgau in Aadorf umfasst rund 6500 Werke verschiedenster Künstlerinnen und Künstler.

Das Aussendepot des Kunstmuseums Thurgau in Aadorf umfasst rund 6500 Werke verschiedenster Künstlerinnen und Künstler.

Bild: Reto Martin

Der eigentliche Kern eines jeden Museums

Markus Landert, Museumsleiter.

Markus Landert, Museumsleiter.

Bild: Andrea Stalder

Mittlerweile umfasst die Sammlung rund 30'000 Objekte, vor allem Gemälde. «Durch Ankäufe und Schenkungen wächst die kantonale Kunstsammlung stetig weiter, durch die regionale Ausrichtung auch charakteristisch», erklärte der Thurgauer Museumsdirektor Markus Landert am Donnerstag im Aussendepot des Thurgauer Kunstmuseums in Aadorf. Der Ort war bewusst gewählt. Denn hier werden etwa 6500 Objekte beherbergt.

«Ausstellungen sind das Medium zur Sichtbarmachung.»

Den eigentlichen Kern eines jeden Museums bilde aber die Sammlung. Landert vergleicht die Bedeutung mit einem Eisberg: Der sichtbare Teil – die Ausstellung – sei im Verhältnis zum ganzen Eisberg verschwindend klein.

Das Depot ist auch eine Art Kunstpool

Das Kunstdepot wie jenes in Aadorf sei vom Wesen her ein Zwitterort, an dem Hightech und Alltagsarbeit zusammenwirken. Ausgefeilte Technik sorge dafür, dass Sicherheit und Klima stimmen, während gleichzeitig Transport, Lagerung und Ausleihe der heiklen Werke durchaus handfeste Tätigkeiten seien. Das Depot sei zudem eine Art Kunstpool, aus dem sich alle kantonalen Mitarbeitenden ein Werk als Büroschmuck auswählen dürfen. Dabei handelt es sich freilich nicht um die kostbarsten Werke, obwohl es durchschnittlich nur einmal pro Jahr zu Sachbeschädigungen an einem Kunstwerk komme.

Auch das gibt es: Dieses und weitere Werke eines nach Südamerika auswandernden Künstlers standen eines Tages vor der Tür des Kunstmuseums.

Auch das gibt es: Dieses und weitere Werke eines nach Südamerika auswandernden Künstlers standen eines Tages vor der Tür des Kunstmuseums.

Bild: Reto Martin

Viele Künstler sind im Lauf der Zeit vergessen gegangen

Im Vordergrund der Sammlung steht ohnehin nicht der monetäre, sondern der kulturhistorische Wert. Und damit der Mensch. Deshalb werden nicht nur die Kunstwerke selber, sondern bei Vorhandensein auch Begleitmaterialien wie Erklärungen, Deutungen, Anleitungen und dergleichen aufbewahrt. Markus Landert und seine Registrarin Vanessa Iuorno stehen dabei aber nicht immer vor leichten Aufgaben.
In der Sammlung befinden sich Werke namhafter Künstler wie Theo Glinz, die einst sehr bekannt waren, dann aber in Vergessenheit geraten sind. «Gelobt, gepriesen, vergessen», bringt es Markus Landert auf den Punkt. Unter diesem Titel sollen einige dieser Vergessenen in einer Sonderausstellung im Jahr 2022 ein Publikum finden.

Kunstmuseum Thurgau

Das Kunstmuseum Thurgau und das Ittinger Museum befinden sich in der Kartause Ittingen in Warth bei Frauenfeld, einem ehemaligen Kartäuserkloster, dessen historische Räume – die barocke Kirche, Mönchszellen, Refektorium, Kapitelsaal und Kreuzgang – der Öffentlichkeit zugänglich sind. Die historischen Gebäude der Kartause bilden ein Umfeld, in dem die Auseinandersetzung mit Kunst zu einem Erlebnis von seltener Intensität wird. In dieser scheinbaren Idylle lassen sich Fragen nach dem Zusammenhang von authentischer Erfahrung und Mystifizierung, nach Originalität und Konstruktion trefflich stellen. (has)

Vanessa Iuorno: Die Frau mit dem Überblick

Vanessa Iuorno, Registrarin des Kunstmuseums Thurgau.

Vanessa Iuorno, Registrarin des Kunstmuseums Thurgau.

Bild: Reto Martin

«Ganz genau weiss das niemand», antwortet Vanessa Iuorno mit einem Lächeln auf den Lippen auf die Frage nach der Gesamtzahl aller vorhandener Kunstobjekte der kantonalen Sammlung. Die Schätzung beläuft sich auf 30'000. Wenn es jemand wüsste, dann sie. Als Registrarin mit Masterabschluss in Restaurierung an der Hochschule der Künste Bern verantwortet Vanessa Iuorno die Ordnung im Depot ebenso wie die Auffindbarkeit der Werke.

In ihrer Tätigkeit verwaltet sie die gesamten Bestände des Kunstmuseums Thurgau und des Ittinger Museums. Sie sorgt dafür, dass die verborgenen Schätze der kantonalen Sammlung jederzeit zur Verfügung stehen. Seit 1941 wird gesammelt, Mitte der 1990er-Jahre wurde die digitale Erfassung eingeführt. Das hilft. Denn letztlich lässt sich nur zählen, was digital erfasst ist. Und auch das nur, wenn sich nie ein Fehler eingeschlichen hat. Die Registrarin bleibt gelassen:

«Früher oder später stösst man auf alles.»

Was folgt, wenn neue Werke ins Depot eingeliefert werden? «Fotografieren, ausmessen, Technik bestimmen, reinigen, Nummer vergeben», nennt Vanessa Iuorno die Formel ihrer Arbeitsweise. Sie sorgt zudem dafür, dass die Objekte fachgerecht gehandhabt, gelagert und ausgestellt werden.

www.kunstmuseum.tg.ch

Schicksal vieler Kunstwerke: Schlummern, bis es eines Tages wieder ans das Licht der Öffentlichkeit gelangt.

Schicksal vieler Kunstwerke: Schlummern, bis es eines Tages wieder ans das Licht der Öffentlichkeit gelangt.

Bild: Reto Martin