Kummeronkel, Freund und Anwalt der Soldaten in Frauenfeld: Armeeseelsorger Stefan Staub vermittelt Hoffnung und schenkt Lichtblicke in Krisenzeiten

Der Diakon ist Armeeseelsorger im Spitalbataillon. Das Coronavirus bestimmt seinen Dienstalltag, die Angst ist allgegenwärtig. Aber damit nicht alleine zu sein, helfe.

Janine Bollhalder
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Diakon Stefan Staub aus Teufen  ist Armeeseelsorger in der Kaserne Frauenfeld.

Diakon Stefan Staub aus Teufen ist Armeeseelsorger in der Kaserne Frauenfeld.

(Bild: Andrea Stalder)

Eine Mobilmachung wie zuletzt im 2. Weltkrieg. So beschreibt Diakon Stefan Staub die aktuelle Situation. Der Familienvater aus Teufen ist ebenfalls mit dabei: Staub bekleidet als Armeeseelsorger den Rang eines Hauptmanns. Seit 15 Jahren hat er diese Stelle beim Schweizer Militär inne.

Er ist in dieser Zeit des Coronavirus Ansprechperson für mehrere hundert Soldatinnen und Soldaten sowie deren Vorgesetzten. Es handelt sich um das Spitalbataillon 75, stationiert im Standort Frauenfeld, das in den Ostschweizer Spitälern das Personal unterstützt.

«Die Betroffenen haben in kürzester Zeit einrücken müssen.» Um neun Uhr abends sei die SMS mit dem Aufgebot eingetroffen, morgens um neun Uhr haben die Frauen und Männer schon vor Ort sein müssen. «Da bleibt kaum Zeit, um persönliche oder geschäftliche Angelegenheiten zu regeln», sagt Staub.

«Es wurden Arbeitsstellen und eigene Unternehmen zurückgelassen, Familie, Partnerinnen und Partner. Sogar kranke Ehepartner. Das ist sehr belastend.»

Der normale Alltag wäre idealer Ausgleich

Stefan Staub erlebt berührende Geschichten. Schöne und traurige. «Es ist mein Beruf, über diese Dinge zu sprechen. Aber ich muss mich auch schützen. Ich kann damit umgehen, ich nehme das Besprochene nicht mit nach Hause.» Für Staub ist der gewöhnliche Alltag die beste Weise, mit den erfahrenen Geschichten umzugehen.

«Die Normalität – etwa Znacht kochen – hilft mir, mich zu erholen.»

Das ist aber nicht mehr möglich, seit die Einheit eingerückt ist. Staubs Alltag wird nun durch die Bedürfnisse der Truppe bestimmt.

Der Diakon übergibt den Ballast auch an Gott. Als Seelsorger – egal ob für Armeeangehörige, oder Ratsuchende in der Kirche Teufen – spielt für ihn
die Glaubensrichtung seines Gegenübers keine Rolle. Egal ob Christ, Muslim, Jude oder Freidenker: «In einer Situation wie dieser braucht ein Soldat jemanden, der ihn versteht. Da ist der Glaube völlig nebensächlich, keine Hemmschwelle.» Auch klassische Klischees, wie etwa das des harten Mannes, gibt es im Militär nicht, sagt Staub.

«Solche Sachen sind wie weggeblasen. Die Leute haben andere Sorgen: Habe ich nach dieser Zeit meinen Job noch? Wartet meine Freundin auf mich? Wird mein Unternehmen in Konkurs gehen, während ich weg bin?»

Stefan Staubs Aufgabe als Armeeseelsorger ist es, zu zuhören. Und 24 Stunden erreichbar zu sein: «Die Armeeangehörigen können mich via Handy kontaktieren – E-Mail, SMS, Instagram … Im Notfall telefonieren wir. Aber ich suche schon gerne das persönliche Gespräch. Es hilft, den Menschen zu sehen.» Oft helfe es den Betroffenen auch schon, einfach angehört und verstanden zu werden. Selten habe es etwas gegeben, das Staub nicht verstehen konnte. Nur etwas fällt ihm spontan ein:

«Menschen mit sturen Glaubensvorstellungen, die andere Lebensentwürfe ausschliessen.»

Die Gespräche finden meist gehend statt. «Wir spazieren eine Runde und reden.» Staub ist Kummeronkel, Freund und «Anwalt der Soldaten». Er hat gute Kontakte, kann Probleme mit den höheren Stufen besprechen und eine Lösung in die Wege leiten. «Ich bin ein Türöffner», sagt Staub schmunzelnd. «Ich suche mit der betroffenen Person eine pragmatische Lösung, wir entwickeln Perspektiven.» Der Armeeseelsorger vermittelt Hoffnung und schenkt Lichtblicke in Krisenzeiten.

Stefan Staub hört zu, nimmt die Anliegen der Soldatinnen und Soldaten aber nicht mit nach Hause.

Stefan Staub hört zu, nimmt die Anliegen der Soldatinnen und Soldaten aber nicht mit nach Hause.

Andrea Stalder

Das Ziel: Die Angst im Griff haben

Am Tag des Gesprächs für diesen Beitrag hat Stefan Staub ein gutes Dutzend Soldatinnen und Soldaten getroffen. Diese Anzahl, als auch die Dauer der Gespräche variiere täglich. Und: kaum jemand komme mehrfach zu ihm. Staub berichtet, dass die Probleme der Soldaten nicht wesentlich anders seien, als die Anliegen jener, die in die kirchliche Seelsorge kommen.

Aktuell ist die Angst vor dem Coronavirus und dessen Folge ein grosses Thema.

«Ich frage nach, was Angst macht und kann meinem Gegenüber mitteilen, dass ich auch Angst habe. Das gibt eine gewisse Solidarität, die befreit – man ist nicht mehr alleine mit der Angst.»

Staub zeige den Betroffenen Wege, mit der Angst umzugehen oder sie gar lösen zu können. «Das Ziel ist es, dass die Leute die Angst im Griff haben und nicht umgekehrt; dass die Angst sie im Griff hat.»

Selten kann Staub mit seinem Gesprächspartner keine Lösung finden. «Dann sage ich, dass ich für diese Person bete. Ich sage, dass ich ein Stossgebet in den Himmel sende». Oft aber helfe es den Betroffenen mit ihrem Problem nur schon, dass sie von Staub angehört und ernst genommen werden. Mit den Armeeangehörigen ist Stefan Staub per du. «Wir bringen einander menschlichen und militärischen Respekt entgegen. Und ich will eine Nähe zu den Leuten aufbauen.»

Der Unterschied: das Outfit

Zur Zeit macht Staub den Spagat zwischen der Kaserne Frauenfeld und der Kirche in Teufen. Auch dort braucht es ihn. «Was die Seelsorge bei der Armee von meiner Tätigkeit in der Kirche unterscheidet, ist bloss das Outfit», sagt Stefan Staub. In der Kirche trägt er eine Stola, bei der Armee trägt er eine Uniform. Aber:

«Es geht immer um den Menschen. Ich versuche, das Leben und die Gefühle zu teilen, welche mein Gegenüber erlebt.»

Stefan Staub ist stolz, in dieser schwierigen Phase helfen zu können. Und das geht nicht nur ihm so, er erzählt: «Ich erlebe die Soldatinnen und Soldaten hoch motiviert. Sie verstehen den Sinn ihres Einsatzes und wissen: Es geht ums Eingemachte. Sie sind stolz darauf, dabei helfen zu können, dass unser Alltag bald wieder in die gewohnten Bahnen zurückkehrt.»

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