Kultur
Frauenpower im «Weissen Rössl» der Operette Sirnach – die Kritik zur Premiere

Die Operette Sirnach bringt mit dem «Weissen Rössl» einen Klassiker auf die Bühne. Unter Giuseppe Spinas Regie kommt frischer Wind in die Inszenierung, die mit vielen witzigen Einfällen und tollen Tanzeinlagen überzeugt.

Mirjam Bächtold
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Willhelmine Giesecke (Judith Bach) meckert in ihrem Urlaub an allem herum. Auch Oberkellner Leopold (Florian Steiner) kann es ihr nicht recht machen.

Willhelmine Giesecke (Judith Bach) meckert in ihrem Urlaub an allem herum. Auch Oberkellner Leopold (Florian Steiner) kann es ihr nicht recht machen.

Bild: Donato Caspari

Den ersten Höhepunkt erlebt das Premierenpublikum der Operette Sirnach bereits wenige Sekunden, nachdem sich der Vorhang am Samstagabend öffnet: Das gesamte Orchester sitzt auf der Bühne statt im Orchestergraben: auf und unter den Balkonen des Gasthauses zum Weissen Rössl. Statt eines Dirigentenpultes schiebt der musikalische Leiter Andreas Signer einen Servierwagen voller Sektflaschen auf die Bühne – schliesslich steht er auf der Terrasse, wo die Gäste essen. Die Operette kommt mit einem einzigen Bühnenbild aus, hier spielt sich alles ab: die Liebesleiden des Oberkellners Leopold, der unsterblich in die Rössl-Wirtin Josepha Vogelhuber verliebt ist. Der Patentstreit zwischen der Berliner Grossindustriellen Willhelmine Giesecke und Sigismund Sülzheimer. Und schliesslich die Verkupplungsversuche und Liebeswirrungen unter den Gästen.

Hotelzimmer ist Schlagzeuger-WG

Die Operette «Im Weissen Rössl» mit Musik von Ralph Benatzky wurde 1930 uraufgeführt. Giuseppe Spina (Regie und Bühnenbild) verlegt sie jedoch in die 1960er-Jahre. Grösste Veränderung dabei: Aus dem Unternehmer Willhelm Giesecke wird Willhelmine. Für die Rolle konnte die Operette Sirnach Judith Bach engagieren – ein grosser Gewinn für die Inszenierung. Die gebürtige Berlinerin gibt die Giesecke als herrlich pessimistischen Giftzwerg, der ständig und an allem etwas zu meckern hat. «Ick will mir nich entspannen! Ick bin mir so lieber», kontert sie etwa die besänftigenden Worte ihrer Tochter Ottilie und zur Aussicht auf den Wolfgangsee kann sie nur ständig wiederholen:

«Der Wannsee is mir lieber!»

Auch an ihrem Zimmer hat sie etwas auszusetzen, denn da sitzt der Perkussionist auf ihrem Balkon: «Dat is ne Schlagzeuger-WG!» Mit ihrer grossen Berliner Klappe hat sie die Sympathien und Lacher des Publikums sofort auf ihrer Seite.

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Donato Caspari

Spinas Inszenierung nimmt auch das männliche Schönheitsideal auf die Schippe: Sigismund Sülzheimer, im Original ein junger Schönling, ist in der Sirnacher Inszenierung mit Jan Hubacher besetzt, der für die ursprüngliche Rolle etwa 30 Jahre zu alt ist. Umso witziger wirkt es, wenn er singt: «Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?» und in einer pinken Badehose auf die Bühne kommt.

Clownerien und Zaubertricks

Regisseur Spina inszeniert auch die Nebenfiguren mit viel Liebe. Die beiden Kellner Piccolo und Grande – Letzterer ist für Sirnach erfunden worden – treten als Komikerduo auf und überzeugen mit Zaubertricks, Clownerien und toller Mimik. Aus dem Münzstück, das Piccolo als Trinkgeld erhält, wird wie durch Magie kurzerhand ein Geldschein. Es war eine gute Wahl, für die Rollen Tommy Müller und Adrien Borruat zu engagieren, beides Absolventen der Scuola Teatro Dimitri, die auch sonst als Clowns auftreten. Ebenfalls ein grosses Lob gehört den Tänzerinnen Oriana Bräu-Berger und Carina Neumer. Sie lockern in den Choreografien von Jasmin Hauck und Robina Steyer gemeinsam mit Piccolo und Grande die Lieder auf, die etliche Male in Reprisen wiederholt werden. Auf einige Wiederholungen hätte verzichtet werden können, das Stück dauert über zweieinhalb Stunden.

Nach der Pause erfährt das Publikum, weshalb die Musiker auf der Bühne sitzen. Abgesehen davon, dass es toll ist, ihnen beim Spielen zuzusehen, wären sie im Orchestergraben ertrunken: Dieser ist voller Wasser. Für die Badeszene im Wolfgangsee wurden keine Mühen gescheut, da wird wirklich abgetaucht. Die Tänzerinnen bieten mit Piccolo und Grande ein witziges Wasserballett. Gefolgt von begeistertem Beifall.

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